In der Klinik Martinusquelle in Bad Lippsprige werden unter anderem Patienten mit Atemwegserkrankungen behandelt. Foto: Besim Mazhiqi
25.08.2022

„Akut gefährdet“

Nach dem Ende der Corona-Hilfen sind Kur- und Rehakliniken in ihrer Existenz bedroht. Inflation und Energiekrise setzen den Einrichtungen ebenfalls zu, berichtet Achim Schäfer, Geschäftsführer des Medizinischen Zentrums für Gesundheit (MZG) in Bad Lippspringe, im Interview.

Herr Schäfer, vor einigen Wochen ist der Corona-Rettungsschirm für Kur- und Rehakliniken ausgelaufen. Was bedeutet das für die Kliniken des MZG in Bad Lippspringe?
Während der Rettungsschirm ausgelaufen ist, bestehen die Belastungen durch Corona nach wie vor. Wir haben zusätzliche Kosten durch Hygienemaßnahmen und Tests. Vor allem aber fehlen uns Einnahmen durch Nicht-Anreisen. Konkret heißt das: von 20 angekündigten Patienten reisen an einem Tag beispielsweise nur 16 an, weil vier Personen Corona-positiv getestet wurden und somit für zehn Tage zu Hause bleiben müssen. Ihre Plätze bleiben in der Regel für mindestens eine Woche frei, bis vielleicht ein anderer Patient nachrückt. Das ist eine Situation, die uns immer noch täglich beschäftigt.

Achim Schäfer ist Geschäftsführer des Medizinischen Zentrums für Gesundheit in Bad Lippspringe mit fünf Kliniken.

Achim Schäfer ist Geschäftsführer des Medizinischen Zentrums für Gesundheit in Bad Lippspringe mit fünf Kliniken.

Ist dies allein denn schon existenzbedrohend für Kliniken?
Kritisch ist diese Situation, weil die Kliniken gleichzeitig mit Inflation und Energiekrise zu kämpfen haben. Seit Anfang des Jahres erhalte ich praktisch täglich Briefe von Lieferanten, die Preissteigerungen von zehn oder mehr Prozent ankündigen. Gleichzeitig vervielfachen sich die Kosten für die Gas- und Stromversorgung der Kliniken. Viele Einrichtungen trifft das besonders hart, weil sie aufgrund einer jahrelangen Unterfinanzierung energetisch nicht auf dem neuesten Stand sind. Dabei sollte man sich auch vor Augen halten, dass der Tagessatz von circa 120 Euro, den die Kliniken von den Krankenkassen für die Behandlung, Unterkunft und Verpflegung eines Patienten erhalten, schon seit langem nicht mehr ausreichend ist.

Was könnte die Folge dieser Entwicklung sein?
Noch gibt es in Deutschland eine gute Infrastruktur von Kliniken, die die Nachsorge von Patienten nach schweren Erkrankungen gewährleisten. Dieses Netzwerk ist akut gefährdet. Und wenn als letzte Konsequenz der aktuellen Situation Reha-Kliniken schließen müssten, dann haben auch die Akutkrankenhäuser ein großes Problem, weil nach Operationen eine rehabilitative Anschlussbehandlung für Patienten fehlt.

Was würde das für Patienten bedeuten?
Ich nenne ein Beispiel: In Bad Lippspringe haben wir eine pneumologische Rehaklinik, in der wir lungentransplantierte Patienten aus ganz NRW und angrenzenden Bundesländern behandeln. Wenn diese Patienten keine Reha erhalten würden, müssten sie länger auf den Stationen der Akutkliniken bleiben oder würden ohne weitere Behandlung nach Hause geschickt. Dabei geht es letztlich auch um die Frage, ob ein Patient nach einer großen Operation wieder selbstständig leben kann oder dauerhaft in einem Pflegeheim versorgt werden muss.

Welche Perspektiven gibt es?
Zunächst einmal möchte ich deutlich machen, dass die Rehakliniken effektiv und effizient arbeiten. Studien bescheinigen uns gerade in der Lungenheilkunde, dass wir sehr gute Erfolge für die Patienten erzielen. Dabei liegt der Anteil der Reha-Kosten im Gesamtbudget der Krankenkassen bei gerade einmal zwei Prozent. Leider dauern die Verhandlungen mit Krankenkassen und der Politik sehr lange und ich sehe hier zumindest kurzfristig keine Verbesserung. Optimistischer bin ich, was die Deutsche Rentenversicherung angeht, die die Rehabilitation erkrankter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer finanziert. In Zeiten des Fachkräftemangels ist die Bedeutung einer Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit spürbar gestiegen.

Interview: Annette Kiehl, wsp

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