Die amerikanische Künstlerin Roni Horn fotografierte Details der Themse: "Still Water (The River Thames, for Example), 1997-1999. Foto: Courtesy of the artist and Galleria Raffaela Cortese
15.08.2022

Alles fließt

Die Kunsthalle Bielefeld widmet dem Wasser in der modernen und zeitgenössischen Kunst eine großartige Sonderausstellung mit Werken von Max Ernst und Lionel Feiniger bis hin zu Roni Horn. 

Der Begriff des Wassers löst eine Vielzahl von Assoziationen aus. Wasser ist  lebensnotwendiges Element und knapp werdende Ressource, es ist Transportweg und  Handelsgut, Lebensraum für Pflanzen und Tiere, Symbol für Reinheit und  für Umweltzerstörung, Ort des Vergnügens und – Stichwort: Mittelmeer – der Verletzung von Menschenrechten. In seiner ganzen spannungsreichen Vielschichtigkeit ist Wasser immer wieder auch Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. „Aus kunsthistorischer Sicht ist das Thema uferlos“, sagt Christina Végh, Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, die unter dem Titel „Dem Wasser folgen“ eine großartige Ausstellung präsentiert. Neben 50 Werken aus der eigenen Sammlung sind rund 100 zeitgenössische Arbeiten zu sehen, die sich mit kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten des Wassers beschäftigen.

Schon das allererste Gemälde, das im Jahr 1905 für die Kunsthallensammlung erworben wurde, ist ein Wasserbild: Ludwig Dills um 1900 entstandene Idylle „Am Waldesrand“ zeigt einen von Birken gesäumten Bachlauf in der Dachauer Moorlandschaft. Als mystisches Märchenwaldelement erscheint das Gewässer bei Heinrich Vogeler („Am Teich“), während der Franzose Henri Manguin die heitere, flirrende Meeresstimmung in südlichen Gefilden eingefangen hat („Jeanne mit Sonnenschirm, Cavalière“).

Wasser als Spiegel der Seele

Mehr als 60 Mal hat Lovis Corinth den Walchensee gemalt, der ihm, bereits schwer erkrankt, in seinen letzten Lebensjahren als Rückzugsort diente. Mehr als neun Jahrzehnte nach Corinths „Walchensee mit Springbrunnen“ (1923) erwählte der ebenfalls schwer kranke Axel Kasseböhmer den bayerischen See zum Motiv. Am Genfersee entstanden ist Ferdinand Hodlers „Am Fuß des Mont Salève“ mit den scharf abgegrenzten Bergkonturen und der verwischten, sanft bewegten Wasseroberfläche.

Ernst Biedermann, Weiher, Sammlung Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer

Ernst Biedermann, Weiher, Sammlung Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer

Weckt das nasse Element in den Werken Hodlers und seiner Zeitgenossen vornehmlich sinnliche Assoziationen und fungiert als Spiegel der Seele, so wird es in der zeitgenössischen Kunst zu einem Seismographen für Klimawandel und Umweltverschmutzung, für Naturkatastrophen und humanitäre Missstände. Lange Stoffbahnen hat die in Kalifornien lebende Multimedia-Künstlerin Carolina Caycedo mit Fotografien des San Gabriel River bedruckt, der in Los Angeles nur noch als Kanal in den Pazifik mündet.

Tönendes Wasser

Mit einem Boot, das er mit tentakelartigen Leuchtschläuchen versehen hat, ist Adrian Paci nachts in Florenz über den Arno gefahren: Unwirklich und unheimlich wirken die trüben, dunkelgrünen Videoaufnahmen des Flusses, der für die Stadt Lebensader und Bedrohung gleichermaßen ist. Von Adrian Paci, der 1997 aus seiner Heimat Albanien nach Italien geflohen ist, stammen auch die fast impressionistisch anmutenden Ölgemälde mit dem Titel „At Sea“. Im blau-türkisfarbenen Wasser scheinen schemenhaft dargestellte Personen unbeschwert zu schwimmen. Entstanden sind die Bilder jedoch nach Pressefotos albanischer Flüchtlingsströme im Mittelmeer.

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Traditionelle lateinamerikanische Musikinstrumente, die „botellas silvadoras“ (wispernde Flaschen), hat der chilenische Künstler Enrique Ramírez angeordnet. Wenn die schiffsförmigen Tongefäße mit Wasser gefüllt sind, geben sie beim Kippen einen pfeifenden Ton von sich. „The lament of the invertred boat“ nennt Ramírez seine Installation: „Die Klage des gedrehten Bootes“ erzählt von verschmutzten und überfischten Weltmeeren. Aufnahmen aus dem eigenen Fotoalbum zeigen den 1979 geborenen Chilenen als kleinen Jungen an einem See, auf dem Schiffe fahren und in dem geangelt wird. Ein aktueller Film zeigt diesen See nicht mehr – er ist komplett ausgetrocknet.

Orte, an denen die Kunsthalle Bielefeld mit Wasser in Berührung kommt, hat die Bildhauerin und Installationskünstlerin Katinka Bock auf besondere Weise aufgespürt. Mit „Sonar International“ hat sie 2021 im Vorfeld der Ausstellung eine übergroße Kelle aus Kupfer im Keller des Museums deponiert: Unter der Kunsthalle fließt die Lutter. Dem Regen ausgesetzt war zudem ein Kupferlöffel, der auf dem Dach des Hauses angebracht war. Nach einem Jahr hat das Wasser deutlich sichtbare Spuren hinterlassen und die beiden Kupferskulpturen mit einer Patina überzogen. 

                                                                                   Regina Doblies

Die Ausstellung „Dem Wasser folgen“ ist in der Kunsthalle Bielefeld bis zum 16. Oktober zu sehen. Weitere Informationen hier.

Diese Ausstellungsbesprechung erschien in Heft 4/2022 des WESTFALENSPIEGEL. 

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