Zu den öffentlichen Anlagen, die die Kommunen ihren Bürgern zum Sporttreiben anbieten, gehören auch Bike-Parks wie hier in Recklinghausen. Foto: Bröker
29.11.2019

Auf die Plätze

Sport und Bewegung sind nur möglich, wenn Kommunen ausreichend Anlagen zur Verfügung stellen. Viele Städte und Gemeinden arbeiten daran.

Wenn es draußen dunkel wird, knipst die Stadt Recklinghausen das Licht an: Im Stadion Hohenhorst können Freizeitläufer von Oktober bis März zweimal in der Woche unter Flutlicht ihre Runden drehen. Es ist nur ein kleines Angebot und doch zeigt es, dass die Kommunen großes Interesse daran haben, ihren Bürgern Angebote für mehr Bewegung zu machen.

So auch die Stadt Dortmund. In diesem Sommer hat sie 10.000 Fragebögen verschickt. Der Auftakt zum „Masterplan Sport“. Die angeschriebenen Einwohner sollten ankreuzen, wie regelmäßig sie Sport treiben, welche Sportstätten sie nutzen, wie sie den Zustand der Sportstätten beurteilen und was sie sich für ihren Sport wünschen. Dabei geht es nicht nur um den Zustand und die Auslastung von Sportstätten. Längst treiben viele Menschen auch auf öffentlichen Flächen, in Parks oder auf Radwegen in ihrer Freizeit Sport. Deshalb sprechen die Experten auch von Bewegungsräumen. Experten gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent derjenigen, die sich regelmäßig bewegen, das selbstorganisiert im öffentlichen Raum tun. Sie joggen, fahren Fahrrad oder Inlineskates und nutzen dabei urbane Infrastruktur.

„Sport ist eine wichtige Kommunale Aufgabe“

Ähnlich wie Dortmund gehen auch andere Kommunen in Westfalen an das Thema heran. Sport, vor allem das Angebot ausreichender Sportstätten und Bewegungsräume, wird als Bestandteil der Daseinsvorsorge der Städte und Gemeinden gesehen. Auch deshalb sind die Kommunen bestrebt, möglichst vielen Menschen ein gutes Umfeld zu bieten, in dem Sport und Bewegung möglich sind.

„Sport ist eine wichtige kommunale Aufgabe“, sagt André Knoche, Sportdirektor der Sport- und Freizeitbetriebe Dortmund. Fast jede Familie habe mit dem Sport Berührungspunkte. Über die Mitgliedschaft in einem Verein, über den Weg mit dem Rad zur Schule oder zur Arbeit oder auch, weil jemand regelmäßig jogge. „Außerdem spielen eine Menge gesellschaftspolitischer Faktoren in diesem Bereich eine Rolle: Sport hat Einfluss auf Gesundheit, Sozialverhalten, Integration und Motivation der Bürger“, so Knoche weiter.

47 Projekte aus ganz NRW sind in der zweiten Förderrunde beim Landesprogramm "Sportplatz Kommune" ausgewählt worden. Foto: Bröker

47 Projekte aus ganz NRW sind in der zweiten Förderrunde beim Landesprogramm „Sportplatz Kommune“ ausgewählt worden. Foto: Bröker

In Ibbenbüren ist man bereits einen Schritt weiter als in Dortmund. 2017 hat man dort gemeinsam mit dem Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung (IKPS) aus Stuttgart eine Sportstättenentwicklungsplanung erstellt. Auf Basis der Bestandsaufnahme und der anschließenden Bedarfsanalyse wurden verschiedene Empfehlungen ausgesprochen. Demnach sollen zum Beispiel zwei innerstädtische Sportanlagen zu einem neuen Sportzentrum zusammengelegt werden. Eine Machbarkeitsstudie soll die Umsetzungsmöglichkeiten dieser Empfehlung klären.

„In den Sportentwicklungsplanungen spielt der Freizeitsport eine genauso wichtige Rolle wie der Vereinssport“, sagt Wolfgang Schabert vom IKPS. Ein Ziel der neuen Konzeption sei es auch, den Freizeitsport generationenübergreifend zu stärken. In den vergangenen Jahren haben sich die Zielgruppen bei der Planung von Sportstätten und Bewegungsräumen stark verändert. „Früher hat man zum Beispiel Bolzplätze gebaut, weil man für die männliche Jugend Bewegungsangebote schaffen wollte“, sagt Schabert und fügt hinzu: „Die Sportanlage der Zukunft macht möglichst unterschiedlichen Zielgruppen viele verschiedene Angebote.“

Dezentrale Anlagen in Herten

Die Chancen für eine Realisierung einer großen zentralen Anlage in Ibbenbüren stehen nicht schlecht. Dort spielen die Sportvereine bisher mit. Sie haben ihre Offenheit für eine übergreifende Lösung signalisiert. Im knapp 86 Kilometer entfernten Herten ist man genau daran gescheitert.

In der Ruhrgebietsstadt haben die Verantwortlichen 2016 eine Bedarfsanalyse durchgeführt. „Zunächst waren auch alle Sportvereine dabei“, sagt Brigitte Rode, Leiterin des Sportbüros der Stadt. Als es aber an die Umsetzung ging, seien Vereine abgesprungen. Der Grund dafür: Auch in Herten war eine Zentralisierung der Anlagen vorgesehen. Mit diesem Schritt sollten Ressourcen eingespart werden. Allerdings hätten einige Vereine ihre „alte Heimat“ aufgeben müssen. Dazu waren aber nicht alle bereit. Also muss die Stadt die Sportstätten weiterhin dezentral betreiben und in kleinen Schritten sanieren.

Das geschieht schon seit 2002. Und Herten, das eine Haushaltssicherungskommune ist, kann einige Erfolge vorweisen. So ist im Stadtteil Westerholt eine große Freizeit- und Sportanlage entstanden, die Vereinen und Bürgern viele Möglichkeiten bietet. „Vor der Sanierung gab es dort eigentlich nur Fußball. Jetzt haben wir Mehrgenerationengeräte installiert, eine Boule-Bahn angelegt, es gibt eine 100-Meter-Kunststoffbahn mit einer Sprunggrube und eine 800-Meter-Rundbahn, die asphaltiert und beleuchtet ist“, sagt Rode. Damit ist sie auch für Inline-Skater interessant.

Skater-Anlagen sind bei Jugendlichen immer noch angesagt. Foto: Bröker

Skater-Anlagen sind bei Jugendlichen immer noch angesagt. Foto: Bröker

Zur Betreuung des Areals wurden eigens zwei Kräfte eingestellt, die das Areal morgens um 8 Uhr aufschließen und abends um 22 Uhr wieder abschließen. Sport kann also auch Jobs schaffen. Die Anlage wird gut genutzt. Darauf sind Rode und Dr. Karsten Schneider, Beigeordneter Bildung und Soziales der Stadt, stolz. „Zumal wir bei der Umsetzung der Projekte stark auf Fördermittel angewiesen sind. Da müssen wir sehr kreativ sein“, sagt Schneider.

Wie wichtig adäquate Sportangebote gerade für Kinder und Jugendliche sind, zeigen Ergebnisse der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS). Demnach erreichen nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen zwischen 3 und 17 Jahren die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation von 60 Minuten mäßiger bis sehr anstrengender körperlicher Aktivität pro Tag.

Landesprogramm „Sportplatz Kommune“

Mit seinem Programm „Sportplatz Kommune“ will der Landessportbund Kindern und Jugendlichen einen einfachen Zugang zu Sport und Bewegung ermöglichen. Zwischen jeweils 2000 und 15.000 Euro stellt das Land den Kommunen für entsprechende Projekte zur Verfügung. „Die Mittel fließen aber nicht in Sportstätten“, sagt Julia Gems, Referentin Kinder- und Jugendsportentwicklung des LSB. Die Gelder sollen vielmehr dabei helfen, Kinder- und Jugendsport als besonders wichtiges Feld der Sportentwicklung zu gestalten. Dabei sollen Kommunen und Sportvereine und -verbände eng zusammenarbeiten.

In der ersten Projektphase, die 2019 gestartet ist, haben sich 53 Kommunen aus ganz NRW daran beteiligt, 25 davon aus Westfalen. Ein Beispiel ist das Projekt „Nie ohne Sport (auf-) wachsen – Kinder bewegen den Herforder Norden, Osten und Westen“. Das Ziel: in den Stadtteilen, in denen weniger Kinder in Sportvereinen aktiv sind, ein wohnungsnahes Angebot zu machen. Dabei sollen vor allem Kinder angesprochen werden, die am Übergang von der Kita in die Grundschule stehen. „Für die Vereine ist das Neuland. Sie haben sich bisher eher in den Schulen etwa im Bereich des offenen Ganztags engagiert“, sagt Julian Schütz vom Stadtsportverband in Herford.

Für das Projekt fließen zwei Jahre lang jeweils 15.000 Euro nach Herford. Damit werden zum Beispiel Schnupperkurse zur Selbstverteidigung unterstützt oder auch ein Handballprojekt. „Ein Verein bietet sogar ein gesundheitsorientiertes Reiten an“, sagt Schütz.

Großer Aufwand, großer Nutzen

Der Aufwand, den einige Kommunen betreiben, ist enorm. Denn Sportentwicklungsplanungen kosten Zeit und Geld. Doch auch der Nutzen ist groß. In Dortmund erhoffen sich die Verantwortlichen eine Stärkung der Vereinswelt, eine bedarfsgerechte Gestaltung der Sportstätten und Bewegungsräume in der Stadt und ein cleveres Bäderkonzept, damit die Schwimmausbildung für die Kinder weiter verbessert werden kann.

In der Westfalenmetropole wird es noch dauern, bis erste konkrete Ergebnisse zu sehen sind. Für die Bestandsaufnahme und die Planung veranschlagt das Potsdamer Institut eineinhalb bis zwei Jahre. Für die Umsetzung bis zu zehn Jahre. Die Stadt hat beim Marathon „Masterplan Sport“ also gerade erst das erste kleine Teilstück hinter sich.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des Textes aus dem WESTFALENSPIEGEL Heft 5/2019.

Jürgen Bröker

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