Die Kälte dieser Tage ermöglicht auch schöne Bilder, doch für Menschen, die auf der Straße leben, ist sie lebensbedrohlich. Foto: Bröker/wsp
14.12.2022

Bei Eiseskälte auf der Straße

Die Nächte sind bitterkalt. Für Menschen, die auf der Straße leben, ist der Winter die gefährlichste Jahreszeit, es besteht Lebensgefahr. Vielerorts sind Helfer unterwegs.

So verteilt der Verein „Unsichtbar e.V.“ unter anderem in Ennepetal und Hagen warme Getränke oder Suppen an Obdachlose. Aber auch Schlafsäcke, Jacken und warme Socken haben die Ehrenamtlichen für die Menschen auf der Straße dabei. „Wir sind die ganze Nacht unterwegs. Bis in den Morgen hinein fahren wir mit unseren Autos durch die Stadt und schauen an bekannten Schlafplätzen vorbei“, erklärt der Vereinsvorsitzende Holger Brandenburg im Gespräch mit dem WESTFALENSPIEGEL. Zu Beginn der Woche hat Brandenburg bei einem dieser Fahrten eine „erschütternde Beobachtung“ gemacht: Ein Mann habe in Sommerkleidung auf nacktem Beton vor sich hin gedöst. Wäre er tief eingeschlafen, hätte er erfrieren können.

DRK-Kräfte fahren mit einem Kältebus durch Bochum und versorgen die Obdachlosen. Foto: (Max Hempel/DRK-Kreisverband Wattenscheid

DRK-Kräfte fahren mit einem Kältebus durch Bochum und versorgen die Obdachlosen. Foto: (Max Hempel/DRK-Kreisverband Wattenscheid

In Bochum ist der Kältebus des Deutsche Roten Kreuzes vom Kreisverband Wattenscheid nachts unterwegs. Die Ehrenamtlichen fahren in den Abendstunden – teils bis in die Nacht – bekannte Aufenthaltsorte und Schlafplätze von Wohnungslosen an, um sie mit heißen Getränken und einer warmen Mahlzeit, Schlafsäcken, warmen Decken, Isomatten, trockener und warmer Kleidung zu versorgen. Bei Bedarf gibt es auch medizinische Hilfe oder einen Fahrdienst zu einer Notunterkunft. Genauso wichtig wie zum Beispiel die Essensausgabe sei „das Zuhören oder einfach nur das Dasein“, so die DRK-Helferinnen und Helfer.

Ausreichend Plätze in Unterkünften sind vorhanden

Mehr als 6000 Menschen leben in Nordrhein-Westfalen auf der Straße. Dabei wird Obdachlosigkeit vor allem in Städten und städtischen Regionen sichtbar. „Das heißt aber nicht, dass es auf dem Land keine Wohnungslosen gibt, die draußen im Freien übernachten“, sagt Andreas Sellner, Landeskoordinator für Kältehilfen. Kältegänge, bei denen Organisationen wie die Johanniter oder Vereine wie Unsichtbar die Obdachlosen aufsuchen und ihnen Hilfe anbieten, gibt es nahezu überall im Land. „Eigentlich sind in den Städten in der kalten Jahreszeit auch ausreichend Schlafplätze vorhanden“, sagt Sellner.

Zahlreiche Kommunen richten im Winter weitere Nothilfeplätze ein. In Münster, wo man von 60 Menschen ausgeht, die dauerhaft auf der Straße leben, wurden zum Winter zusätzlich zu den regulären Unterbringungsmöglichkeiten weitere 60 Plätze für alleinstehende Männer und sechs zusätzliche Plätze für Frauen zur Verfügung gestellt. Doch nicht jeder Obdachlose möchte dort übernachten. Die Sorge, ausgeraubt zu werden, oder das Verbot von Haustieren halten einige von ihnen davon ab, für die Nacht in die Unterkunft zu ziehen.

Ein Zelt bietet Obdachlosen etwas Schutz vor den eisigen Temperaturen. Foto: Pixabay

Ein Zelt bietet Obdachlosen etwas Schutz vor den eisigen Temperaturen. Foto: Pixabay

Erst Anfang Dezember hat das Land die Mittel für die Kältehilfen noch einmal aufgestockt. Insgesamt stehen den freien Trägern und Initiativen der Wohnungslosenhilfe 850.000 Euro zur Verfügung. Damit wurden die Kältehilfen im Vergleich zum Vorjahr (400.000 Euro) mehr als verdoppelt. Aus diesem Topf greift auch der Verein Unsichtbar Mittel ab. Die Hilfen sind bitternötig. „Wer nachts länger draußen unterwegs ist, spürt am eigenen Leib, wie kalt es ist“, sagt Brandenburg. Er selbst friere bei seinen Einsätzen regelmäßig. „Ich habe dann aber die Möglichkeit, mich irgendwann wieder ins warme Auto zu setzen. Und nach dem Einsatz wartet eine beheizte Wohnung auf mich. Das haben die Menschen auf der Straße nicht“, sagt Brandenburg.

Aufruf zur Wachsamkeit

Die Organisationen und Kommunen appellieren an die Bürgerinnen und Bürger in der kalten Jahreszeit besonders wachsam zu sein. Wer Menschen in Not sieht, sollte Hilfe rufen. Das kann in besonders schwierigen Situationen die Polizei oder der Rettungsdienst sein, manche Kommunen und Hilfsorganisationen bieten auch spezielle Kältetelefone an.

jüb/wsp

Mehr zur Arbeit des Vereins „Unsichtbar e.V.“ erfahren Sie hier: Unsichtbar

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