Das 53,46 Meter hohe Monument von 1875 überragt den Teutoburger Wald. Foto: Landesverband Lippe
13.08.2025

Beliebter Hermann

Das Denkmal bei Detmold feiert 150. Geburtstag.

Der 16. August 1875 war ein großer Tag in Detmold. Annähernd 30.000 Menschen hatten sich auf den Weg nach Lippe gemacht. Natürlich war das Militär vertreten, mit Blasmusik und Fahnen. Ebenso Studenten, Turner und Ehrenjungfern. Die Glocken läuteten. Sogar seine Majestät höchstselbst, der alte Wilhelm, König von Preußen und seit kurzem Deutscher Kaiser, hatte die mühsame Fahrt mit der Eisenbahn nicht gescheut, die für ihn in Schieder, der ersten und einzigen Haltestation im Fürstentum Lippe endete. Von hier ging es mit der Hofkutsche über Horn weiter nach Detmold. Selbst die „Gartenlaube“, damals das publizistische Leitorgan des deutschen Bürgertums, berichtete reichsweit ausführlich in Wort und Bild.

Leibhaftiger Gigant

Anlass dieser Großveranstaltung war die feierliche Einweihung des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg bei Hiddesen. Ein wahrer Koloss, ein leibhaftiger Gigant: Allein der Unterbau aus Osninger Sandstein maß mitsamt der Kuppel annähernd 27 Meter. Das Standbild selbst, der Recke Hermann mit Schild und emporgestrecktem Schwert, brachte es mit einem Gewicht von 42.800 Kilogramm auf eine Größe von exakt 26,57 Metern, so dass das Monument insgesamt eine Höhe von 53,46 Metern aufwies. Die in Kupfer getriebene Figur ruhte stabil auf einem Eisengerüst. Der zehn Meter hohe Schild brachte 1150 Kilogramm auf die Waage, das sieben Meter lange Schwert, gestiftet von der Firma Krupp, wog 550 Kilogramm. Der Baumeister und seine Mitarbeiter hatten eine Vielzahl statischer und verfahrenstechnischer Probleme zu bewältigen, aber irgendwann war alles fertig. So entstand im kleinen Fürstentum Lippe das zeitweise größte Denkmal der Welt. Deutsche Gigantomanie? Die Vorgeschichte sieht so aus. Als die Deutschen sich nach dem schmählichen Untergang des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (das, nach Voltaire, weder heilig noch römisch noch überhaupt ein Reich gewesen war) zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Suche nach ihrer historischen Identität machten, entdeckten sie in dem Cheruskerfürsten Arminius nach Tacitus den „Befreier Germaniens“ und verklärten ihn zum „Vater der Deutschen“.

Erbauer mit langem Atem

Initiator dieses Nationalmonuments war der aus dem bayrischen Ansbach stammende Architekt, Bildhauer und Maler Ernst von Bandel, der das Projekt mit unglaublicher Zielstrebigkeit viele Jahrzehnte lang bis zur Fertigstellung betrieb. Das alles hatte 1838 seinen Anfang genommen. Als Bandel seine Idee dem Fürsten von Lippe unterbreitete, stellte dieser für den Standort des angedachten Monuments das Gelände der 387 Meter hohen Grotenburg zur Verfügung, die man von allen Seiten seines kleinen Ländchens gut sehen konnte. Man war damals der Auffassung, dass hier irgendwo im Jahre 9 nach Christus die berühmte Varusschlacht stattgefunden haben musste, in der Arminius drei römische Legionen vernichtend geschlagen hatte und später zu einem „Hermann“ eingedeutscht wurde. Bandel dachte eigentlich an ein nationaldemokratisches Denkmal, dass er durch Spenden des gesamten Volkes finanzieren wollte. Überall in der deutschen Kleinstaaterei entstanden Fördervereine, die Gelder für dieses Projekt sammelten. Auch Heinrich Heine im fernen Paris gehörte zu den Unterzeichnern. Er reimte 1844: „Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann / mit seinen blonden Horden / so gäb‘ es die deutsche Freiheit nicht mehr / wir wären römisch geworden!“ Zwei Jahre später war der Sockel fertiggestellt, aber die Begeisterung des deutschen Volkes, für den Bau dieses nationalen Monuments zu spenden, ließ bald nach, so dass die Baumaßnahmen zeitweise zum Erliegen kamen. Die Revolution 1848 brachte andere Themen in den Vordergrund. Erst mit den Einigungskriegen und dem Sieg über die Franzosen 1871, die zur Gründung des neudeutschen Kaiserreiches führten, kam wieder Schwung in Bandels Vorhaben. Der junge Reichstag bewilligte 10.000 Thaler, die Fürsten, allen voran der König von Preußen, gaben einiges dazu.


Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 4/2025 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Wa(h)re Schönheit“.


 

Auf dem Schwert ist eingraviert: „Deutsche Einigkeit meine Stärke – Meine Stärke Deutschlands Macht“. So versammelten sich hier in Lippe in den folgenden Jahrzehnten alle, die für Deutschland einen exklusiven Platz an der Sonne wünschten: die kaisertreuen Patrioten, die Antidemokraten der Weimarer Zeit und dann die Nationalsozialisten. In den 1950er Jahren kamen rund eine Million Touristen, um den Hermann zu besuchen. Jetzt sind es stabil 500.000, die sich jährlich auf den Weg machen. Und das gen Westen, gegen den „Erbfeind“ Frankreich gerichtete Schwert? Seit 1969 unterhält Detmold eine Städtepartnerschaft mit der schönen nordfranzösischen Stadt Saint-Omer. So haben sich die Zeiten geändert.  Volker Jakob

Familienfest und Ausstellungen

Die Hermanneum Erlebniswelt vermittelt Wissenswertes rund ums Denkmal. Foto: Landesverband Lippe

Die Hermanneum Erlebniswelt vermittelt Wissenswertes rund ums Denkmal. Foto: Landesverband Lippe

Zum 150. Geburtstag ist im Detmolder Rathauses bis zum 29. August eine Ausstellung des Stadtarchivs zu sehen, die die Beziehungsgeschichte Detmolds zum Hermannsdenkmal in den Blick nimmt. Das Lippische Landesmuseum Detmold präsentiert vom 22. November bis April 2026 die kulturhistorische Sonderausstellung „Denk:mal! 150 Jahre Hermannsdenkmal“. Im Mittelpunkt steht eine kritische Auseinandersetzung mit dem Detmolder Monument und der Bedeutungswandel, den es im Laufe der Zeit erlebt hat. Zu den Höhepunkten gehört ein großes Hermannsdenkmal-Hologramm. Wer sich am Denkmal vor Ort über „Hermann“ erkundigen möchte, kann das „Hermanneum“ besuchen, ein im Jahr 2024 eröffnetes Erlebniszentrum. Es erklärt mit Exponaten, Medientischen, interaktiven Stationen und einem Kinofilm, warum das Hermannsdenkmal entstanden ist und wie es zum Wahrzeichen wurde (tägl. 10–18 Uhr, Eintritt frei).  maz

Lesen Sie auch im Bereich "Kultur"