Richard Schirrmann mit vier jungen Wanderern bei Schloss Hohenlimburg, um 1912, Titelmotiv des Bildbandes „Wanderwelten“. Foto: LWL/Sammlung Richard Schirrmann
15.05.2024

Bildband vom Gründer der Jugendherberge

Zum 150. Geburtstag der Gründerväter des Deutschen Jugendherbergswerks präsentiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den Bildband „Wanderwelten – Jugend und Jugendherbergen in Fotografien der Sammlung Richard Schirrmann“.

Der gebürtige Ostpreuße Richard Schirrmann war 1901 als Volksschullehrer nach Westfalen gekommen, zunächst nach Gelsenkirchen, dann nach Altena im Sauerland, so der LWL. Von dort aus baute der passionierte Wanderer ab 1909 gemeinsam mit dem Hilchenbacher Fabrikanten Wilhelm Münker das heute weltumspannende Netzwerk der Jugendherbergen auf. Beide, Schirrmann (1874-1961) und Münker (1874-1970), wurden vor 150 Jahren geboren.

Der passionierte Hobbyfotograf Schirrmann war auf seinen Wanderungen stets mit einer Kamera unterwegs. So entstanden mehr als 3000 Aufnahmen, die im Bildarchiv Westfalen des LWL abrufbar sind. Die schönsten 150 Fotografien dieser Sammlung sind im 13. Band der Reihe „Aus westfälischen Bildsammlungen“ des LWL-Medienzentrums zu sehen.


Aus Anlass des 150. Geburtstags Richard Schirrmann lesen Sie hier einen Archivbeitrag des WESTFALENSPIEGEL über Richard Schirrmann und die Geschichte des Deutschen Jugendherbergswerks.

Die Jugendherberge: Im Sauerland „erfunden“ 

Schulklasse mit Lehrer Richard Schirrmann bei der Wanderrast, um 1905. Foto: LWL/Sammlung Richard Schirrmann

Schulklasse mit Lehrer Richard Schirrmann bei der Wanderrast, um 1905. Foto: LWL/Sammlung Richard Schirrmann

Hamburg, Tor zur Welt: Auf der Elbe Riesen-Pötte aus aller Herren Länder. Schiffe tuten, Möwen kreischen, schnappen nach kleinen Bröckchen, die ihnen zugeworfen werden. Der Wind weht und Hafenwasser schwappt in dickem Schwall über die Mole. Niels, Lena und Sarah, echte Landratten aus Westfalen, sind rundherum begeistert. Die Hafenrundfahrt ist einfach Klasse! Morgen steht Hagenbeck’s Tierpark auf dem Programm und übermorgen ein Besuch im Musical. Der Familienausflug nach  Hamburg, ein voller Erfolg!

Vater Thomas und Mutter Ulla wissen genau, warum sie mit der ganzen Familie in der Jugendherberge „Auf dem Stintfang“, hoch über dem Hamburger Hafen, logieren. Das Haus ist praktisch und familiengerecht, hat Platz und Raum für alle. Die meisten Wohneinheiten sind mit eigenen Sanitäreinrichtungen ausgestattet, im Haus gibt es Waschmaschine und Trockner für die schnelle Wäsche zwischendurch. Und dazu bietet die Jugendherberge oben auf dem Hügel eine atemberaubende Aussicht auf  den Hafen mit den St. Pauli Landungsbrücken. Die historische Speicherstadt und die schicken Geschäfte der Innenstadt sind schnell zu Fuß zu erreichen. „Die weltbekannte Reeperbahn mit ihren zahlreichen Clubs, Discotheken, Theatern und Kneipen liegt nur wenige Schritte entfernt.“

„Die Jugend in die unverdorbene Natur da draußen locken“

Dass eine Jugendherberge mit „Nightlife“ wirbt, hätte sich vor knapp 100 Jahren niemand vorstellen können. Schon gar nicht jener Pädagoge aus Gelsenkirchen, Richard Schirrmann (1874-1961), der mit höchst moralischen Absichten die Jugend „Aus grauer Städte Mauern…“ hinaus in Gottes grüne Natur führte:  „Ich sah wie in der Arbeitshatz und im Strudel ungezügelten Genusslebens die Familie zerbrach und die Kirchen immer leerer von sonntäglichen Besuchern wurden“, resümierte der Lehrer. „ Im Jugendwandern wollte ich die Jugend in die unverdorbene Natur da draußen locken und versuchen, ein neues und kerngesundes  Geschlecht herausbilden zu helfen, das die Natur und die Heimat und das Vaterland kennt und liebt und sich auch wieder in Andacht und Ehrfurcht neigen kann und das Leben lebenswert und sinnvoll gestaltet. Und die Raststätte dafür, die Jugendherberge, solle allerorten das Schulhaus werden.“  

Handkoloriertes Vortragsdia, Richard Schirrmann mit Schülerwandergruppe an der Ennepetalsperre in Breckerfeld. Foto: LWL/Sammlung Richard Schirrmann

Handkoloriertes Vortragsdia, Richard Schirrmann mit Schülerwandergruppe an der Ennepetalsperre in Breckerfeld. Foto: LWL/Sammlung Richard Schirrmann

Die außergewöhnliche Idee kommt Richard Schirrmann im August 1909 anlässlich einer Wanderung  mit Schülern der Nette-Schule nach Aachen; er wohnt jetzt bereits in der Bergstadt Altena und ist Mitglied im Sauerländischen Gebirgsverein. Als die Gruppe unterwegs in ein Gewitter gerät, und Bauern sich weigern, ihnen Unterschlupf zu gewähren, kommen die Wanderer in einem Schulhaus unter. Das bringt Schirrmann auf die  Idee, Deutschlands Volksschulen in den Ferien als Herberge für junge Wanderer zu nutzen. Hier, unterm schützenden Schuldach, könnten Wandervögel, Klampfe unterm Arm und „Zupfgeigenhansl“ im Rucksack, ein trockenes Strohlager für die Nacht finden. Dieser legendäre 26. August 1909 gilt als Gründungsdatum des Deutschen Jugendherbergswerkes, und diese echt „sauerländische Erfindung“ macht in den folgenden Jahren weltweit Karriere.

Duo ergänzt sich optimal

Schirrmann veröffentlicht sein Vorhaben 1910 in der „Kölnischen Zeitung“. In dem Hilchenbacher Fabrikant und Kaufmann Wilhelm Münker (1874-1970), auch er im Sauerländischen Gebirgsverein organisiert, findet der Pionier einen begeisterten Mitstreiter. Münker erweist sich als Organisationstalent mit Managerqualitäten, denn er aktiviert Sponsoren und weiß Wege, die nötigen Geldquellen zu erschließen. So ergänzt sich das Duo Schirrmann/Münker in idealer Weise. 

1912 wird Schirrmann, der im Lennestädtchen Altena im Museum für Orts- und Heimatkunde wohnt und auch die Sammlung betreut, das Angebot gemacht, mit dieser Einrichtung auf die gerade restaurierte Stammburg der Grafen von der Mark, hoch über Altena, zu ziehen. Gleichzeitig überzeugt Schirrmann den Landrat Fritz Thomée, der federführend den Wiederaufbau der Anlage vorantreibt, einige Räume der Burg Altena zu einer Herberge für junge Leute auszubauen. Nach Schirrmanns Plänen entsteht auf Westfalens schönster Höhenburg Altena im märkischen Sauerland die „erste ständige Jugendherberge Deutschlands und der Welt“ mit Schlafsaal, Tagesraum, Küche, Wasch- und Duschräumen. Die massiven Betten sind dreistöckig. Der historische Raum kann heute noch besichtigt werden. Der erste Herbergsvater der Welt heißt natürlich Schirrmann. 

Weltweite Ausbreitung der Idee

Die Mutterherberge Burg Altena zählt schon bald zahlreiche Töchter: 1913 listet Schirrmann bereits in einem Gesamtverzeichnis deutschlandweit 300 Herbergen auf, ein Jahr später sind es schon 535. Noch sind die Unterkünfte einfach, aber praktisch. Mädchen bleiben vor der Tür, in diesen frühen Pioniertagen werden sie nicht aufgenommen. Doch auch das wird sich schnell ändern. Bis Ende der zwanziger Jahre entstehen auch in Polen, den Niederlanden, Frankreich, England und der Schweiz  600 Jugendherbergen. 1932 gibt es in Deutschland bereits 2123 Jugendherbergen mit mehr als 4,5 Millionen Übernachtungen, und Richard Schirrmann wird zum Vorsitzenden der International Youth Hostel Federation (IYHF) gewählt. Dann die Zäsur: Im Januar 1933 lösen die Nationalsolzialisten alle politischen und religiösen Jugendvereinigungen auf. Unter Leitung der „Reichsjugendführung“ werden sie ersetzt durch ein einziges System zwangsweise uniformierter Jugendorganisationen. 

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Am 10. April 1933 hat Richard Schirrmann auf Befehl von Reichsjugendführer Baldur von Schirach den Vorsitz des Deutschen Jugendherbergsverbandes aufzugeben, andernfalls würden alle Jugendherbergen geschlossen und die 25 Landesverbände von Funktionären der Nazionalsozialisten übernommen. Wilhelm Münker tritt am 28. September dieses Jahres vom Amt des Hauptgeschäftsführers zurück. Richard Schirrmann hingegen erklärt sich – im Glauben, seine Idee und damit sein Lebenswerk retten zu können – zur weiteren Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bereit und wird zum Ehrenpräsident des Deutschen  Jugendherbergswerkes ernannt. Am 25. Mai 1935 macht Hitlers Stellvertreter, Rudolf Hess, aus Burg Altena eine „Weltjugendherberge“. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges steht Richard Schirrmann ab 1948 beim Wiederaufbau des deutschen und internationalen Jugendherbergswerkes in der Bundesrepublik wieder in der ersten Reihe. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes würdigt 1952 diesen Einsatz.

In den Herbstferien waren Niels, Lena und Sarah übrigens wieder gemeinsam mit Mutter Ulla und Vater Thomas auf Jugendherbergstour: diesmal auf dem Weg in den Süden mit Stationen in Trier, Koblenz, Freiburg und Lausanne. Alle sind begeistert, denn Jugendherbergen sind eben ganz besondere Tore zur Welt.

                                                                                                                   Wolfgang Morisse

Dieser Text ist zuerst in Heft 5/2007 des WESTFALENSPIEGEL erschienen.

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