Vier Bürgermeister haben westfalenspiegel.de von ihren persönlichen Eindrücken während der Corona-Krise erzählt. Frank Baranowski (oben links), Imke Heymann (oben rechts), Pit Clausen (unten links) und Wolfgang Pieper (unten rechts). Collage: wsp
09.06.2020

Bürgermeister in Krisenzeiten

Bürgermeister mussten in der Corona-Krise viele Entscheidungen treffen: Lockdown, Maskenpflicht, Schulöffnung. Erlasse dazu mussten auf kommunaler Ebene umgesetzt werden. Wie sie die Krise erlebt haben, haben westfalenspiegel.de vier Amtsinhaber erzählt. 

Frank Baranowski ist Oberbürgermeister in Gelsenkirchen. Seit 16 Jahren ist er dort im Amt. Zur Kommunalwahl im Herbst tritt er nicht wieder an. Aktuell, so sagt er, erlebt er die größte und einschneidendste Herausforderung seiner Amtszeit:

Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski. Foto: Stadt Gelsenkirchen

Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski. Foto: Stadt Gelsenkirchen

„Grundsätzlich ist die Aufgabe eines Bürgermeisters und einer Verwaltung ja nicht, das Leben einer Stadt herunterzufahren. Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen sich treffen können, dass Kultur stattfindet, dass Sport stattfindet und in diesen Bereichen die besten Rahmenbedingungen vorzuhalten. Es fällt mir sehr schwer, zu sehen, dass all das im Rahmen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht stattfinden kann und dass wir mit ordnungsbehördlichen Maßnahmen dafür sorgen müssen, dass urbanes Leben  ausgebremst wird. Das ist auch emotional bedrückend: Man sieht, dass Menschen sich anders begegnen. Man weicht sich aus, gibt sich nicht mehr die Hand. In den vergangenen Wochen konnte auch ich kaum Menschen offensiv treffen oder unbefangen auf sie zugehen. Aber davon lebt eigentlich die Tätigkeit eines Oberbürgermeisters. Zweifelsfrei ist das die schwierigste Phase in meiner jetzt 16-jährigen Amtszeit. Keine andere Herausforderung habe ich als so einschneidend erlebt wie die aktuelle.“

Imke Heymann ist Bürgermeisterin der Stadt Ennepetal. 2015 wurde sie als Kandidatin der CDU, Bündnis 90/Die Grünen, der FDP und der Freien Wähler Ennepetal gewählt. Gleich in ihrer ersten Amtszeit muss sie Corona-Krise bewältigen. Bei der Wahl im Herbst tritt sie erneut an. Dann als parteilose Kandidaten. Zu ihrer besonderen Bewährungsprobe sagt sie:

„Mein erstes Seminar, das ich als neu gewählte Bürgermeisterin besucht habe, ging um Katastrophenschutz. Das habe ich als Grundlage genommen, uns auf außergewöhnliche Ereignisse vorzubereiten. Anfang März war die Krise noch weit entfernt. Aber dann hat das Geschehen eine unglaubliche Dynamik angenommen. Es war sehr schnell klar, dass diese Krise, die da auf uns zurollt, etwas Größeres ist und nicht nach wenigen Tagen wieder verschwunden ist. Der Krisenstab hat sofort seine Arbeit aufgenommen und alle haben voll mitgezogen. Ich selbst bin nicht Mitglied im Stab für außergewöhnliche Ereignisse, werde aber über alle Entscheidungen informiert. Man muss in Führungspositionen auch loslassen und Verantwortung teilen können.

Imke Heymann, Bürgermeisterin in Ennepetal. Foto: Adrian/Stadt Ennepetal

Imke Heymann, Bürgermeisterin in Ennepetal. Foto: Adrian/Stadt Ennepetal

Meine Aufgabe besteht auch darin, für das Miteinander hier in Ennepetal zu sorgen. Ich will die Bürger und die Mitarbeiter in der Verwaltung informieren und motivieren, weiter mitzumachen. Die Situation ist für alle schwierig. Auch für mich. Die Krise hört nicht auf, wenn ich das Rathaus verlasse. Die Bürgerinnen und Bürger haben auch am Wochenende Fragen. Und dann trifft mich Corona auch privat. Meine Eltern leben in Leipzig. Ich konnte sie die ganze Zeit nicht besuchen. Das bedrückt mich natürlich auch. Insgesamt kann ich aber sagen, dass ich in dieser Krise auf jeden Fall gewachsen bin.“

Pit Clausen ist Oberbürgermeister in Bielefeld. Seit zehn Jahren ist er im Amt. Im Herbst tritt der SPD-Politiker erneut zur Wahl an. Bei allen Einschränkungen und wirtschaftlichen wie persönlichen Folgen der Krise, sieht er auch positive Impulse für die Zukunft:

Pit Clausen, Oberbürgermeister von Bielefeld. Foto: Stadt Bielefeld

Pit Clausen, Oberbürgermeister von Bielefeld. Foto: Stadt Bielefeld

„Es ist auch wichtig, dass wir aus der Corona-Krise lernen und Dinge, die wir notgedrungen umsetzen mussten, vielleicht auch beibehalten. Wir merken zum Beispiel, dass wir nicht für jede Besprechung nach Köln oder Düsseldorf fahren müssen. Es geht auch per Telefon- oder Videokonferenz. Das funktioniert sicher auch für Bielefeld. Nicht für jede Träger- oder Parteiveranstaltung müssen wir alle Leute in einem Sitzungsraum zusammentrommeln. Wenn es kurze einfache Geschichten sind, kann man das auch schnell über eine Telefon- oder Videokonferenz machen. Das konnte man früher technisch auch schon, es hat aber niemand gemacht. Nun aber etabliert sich das. Das ist auch eine Chance für uns. Und ich glaube auch, dass das über die Krise hinaus Bestand haben wird. Auch auf die Arbeit in der Verwaltung hat Corona zunächst Einfluss. Wir werden sicher weiterhin den Besucherverkehr einschränken, um Warteschlangen zu vermeiden. Stattdessen werden Termine vergeben. Es gibt also andere Abläufe. Das führt sicher dazu, dass wir nicht mehr ganz so schnell sind wie vor Corona. Aber dafür werden wir neue digitale Angebote eröffnen. Diese sind für manche schneller, als wenn man für jeden kleinen Antrag ins Rathaus kommen muss. Und das ist doch auch etwas Positives.“

Wolfgang Pieper ist seit etwa zehn Jahren Bürgermeister in Telgte. Eine ähnliche Drucksituation wie in der Corona-Zeit hat er bisher nicht erlebt:

„Ein voller Terminkalender gehört für einen Bürgermeister zum Alltag. Die Corona-Zeit hat da für eine Verschiebung gesorgt, weil ja sämtliche repräsentativen Termine am Abend und am Wochenende ausgefallen sind. Trotzdem war der Druck in den vergangenen Wochen sehr viel höher als in der „Vor-Corona-Zeit“. Ich spüre in diesen Tagen noch mehr Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, aber auch für die Mitarbeitenden in der Verwaltung.

Bürgermeister in Telgte: Wolfgang Pieper. Foto: Bröker

Bürgermeister in Telgte: Wolfgang Pieper. Foto: Bröker

Vor allem am Anfang war die Erlasslage doch recht unübersichtlich. Jeden Tag kamen neue Erlasse, die wir hier vor Ort umsetzen mussten. Die Gestaltungsmöglichkeiten für uns waren sehr gering. Die Regelungsdichte ist einfach hoch und bewegt sich zudem in sehr engen rechtlichen Rahmen. Unser wichtigster Freiraum war und ist sicher: Wie kontrollieren wir zum Beispiel die Versammlungsverbote? Wir haben das stichprobenartig gemacht und vor allem auf Aufklärung und eigene Überzeugung gesetzt. Ein wichtiges Mittel ist in Krisenzeiten deshalb die Kommunikation, und die hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Es reicht nicht mehr aus, wichtige Entscheidungen über die Tagespresse mitzuteilen. Wo früher verwaltet und entschieden wurde, muss heute viel erklärt, begründet und erläutert werden – und das auf allen Kommunikationskanälen. Sonst erreichen wir die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr.“

Aufgezeichnet von Jürgen Bröker

Eine Reportage über die Rolle der Kommunen und Bürgermeister in Krisenzeiten lesen Sie im WESTFALENSPIEGEL Heft 3/2020.
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