Einer der letzten Zeitzeugen: Rolf Abrahmsohn erzählt vor Schulklassen seine Geschichte. Foto: Heimatsucher e.V..
02.07.2019

Der letzte Zeuge

Rolf Abrahamsohn hat durch die Nationalsozialisten seine Familie verloren. Als Zeitzeuge erzählt der heute 94-Jährige vom entsetzlichen Leid in den Konzentrationslagern. 

Als Rolf Abrahamsohn von den schrecklichsten Jahren seines Lebens berichtet, ist es still im gut gefüllten Sitzungsaal des Präsidiums in Recklinghausen. Der 94-jährige Marler erzählt auf Einladung der Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen vor jungen Polizisten, was ihm und seiner jüdischen Familie durch die Nationalsozialisten widerfahren ist. Auch das Polizeipräsidium spielt dabei eine Rolle.

Rolf Abrahamsohn wurde 1925 in Marl-Hüls geboren und verlebte dort eine „gute“ Kindheit, wie er sagt. Die Familie betrieb ein Textil- und Schuhgeschäft, der Vater hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland an der Front gekämpft. Seit 1934 verschlechterten sich jedoch die Bedingungen für die jüdische Bevölkerung in Marl. So musste Rolf eine höhere Schule verlassen, weil sie „judenrein“ werden sollte. 

Deportation nach Riga

Dann kam die Pogromnacht 1938. Morgens um 5 Uhr hörte der 13-jährige Rolf die Schreie seiner Eltern: Das Ladenlokal war in Brand gesteckt worden. Als der Vater versuchte, seine Waren zu retten, schlugen ihn NS-Leute zu Boden. „Anstatt unserer Familie zu helfen, wurde mein Vater noch ins Gefängnis gesteckt“, sagt Abrahamsohn. Der Vater kam für einige Tage im Polizeipräsidium Recklinghausen in Haft, wo sein Sohn 81 Jahre später an dieses Unrecht erinnert.

Der Leidensweg der Familie ging weiter: Die Abrahamsohns wurden aus Marl ausgewiesen und mussten ihr Haus an die Stadt verkaufen. Sie zogen in ein „Judenhaus“ nach Recklinghausen. Der Vater und sein ältester Sohn Hans flohen nach Belgien, die Mutter konnte mit den Kindern Rolf und Norbert nicht mehr ausreisen, bevor die Grenze geschlossen wurde. Rolf leistete Zwangsarbeit im Ruhrgebiet. Norbert erkrankte an Diphterie und starb, weil ihn kein Arzt behandelte. 

1942 erfolgte die Deportation der jüdischen Menschen aus Recklinghausen: erst im Lastwagen nach Gelsenkirchen und von dort aus per Zug nach Riga, wo zehntausende Juden ins Ghetto, später ins Konzentrationslager Kaiserwald gesperrt wurden. „Wer nicht arbeiten konnte, wurde erschossen“, sagt Rolf Abrahamsohn. „Meine Mutter ist in Riga ermordet worden.“

1945 im KZ Theresienstadt befreit

Er selbst gehörte zu den wenigen, die die Gewalt der Aufseher, den Hunger und die harte Zwangsarbeit in Riga überlebten. Er kam in die Konzentrationslager Stutthof bei Danzig und Buchenwald bei Weimar und von dort wieder ins Ruhrgebiet, wo Arbeitskräfte benötigt wurden: Im KZ-Außenkommando Brüllstraße in Bochum musste er Granaten drehen. Nach dem verheerenden Bombenangriff auf Bochum war er am 4. November 1944 zwei Tage lang zum Bombenfreilegen eingeteilt, mit Spaten und Hacke, „ein Himmelfahrtskommando!“ Doch auch das überstand er, genauso wie später einen für viele andere Menschen tödlichen Transport ins KZ Theresienstadt bei Prag, wo Abrahamsohn schließlich 1945 von sowjetischen Soldaten befreit wurde.

Abrahamsohn ging zurück ins Ruhrgebiet und erfuhr dort, dass sein Vater und sein Bruder Hans nach Auschwitz deportiert und dort vergast worden waren. „Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre ich nicht am Leben geblieben.“ Er heiratete, bekam einen Sohn und baute mit anderen Holocaust-Überlebenden die jüdische Gemeinde im Ruhrgebiet neu auf. 

Junge Polizisten in Recklinghausen hören Rolf Abrahamsohn aufmerksam zu. Foto: Polizei Recklinghausen

Junge Polizisten in Recklinghausen hören Rolf Abrahamsohn aufmerksam zu. Foto: Polizei Recklinghausen

Einer der Polizisten in Recklinghausen fragt ihn, wie er das Erlebte verarbeite. „Sehr schlecht“, entgegnet Abrahamsohn. Oft könne er nachts nicht schlafen. Seinen Humor hat er sich trotzdem bewahrt: Ohne eine Miene zu verziehen, bittet er am Ende die Polizisten, das nächste Mal von einer Anzeige abzusehen, wenn er durch Recklinghausen rase.

Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen hat Rolf Abrahamsohn bereits dreimal zum Dialog mit jungen Polizisten eingeladen. „Die Polizei hat im Terrorsystem der Nationalsozialisten eine schreckliche Rolle gespielt“, sagt sie. „Auch die Polizei Recklinghausen hat da keine Ausnahme gemacht. Der Rückblick auf die Geschichte macht deutlich, dass wir in der Polizei achtsam sein müssen, um niemals wieder Steigbügelhalter für machtbesessene Menschen zu werden, die ein totalitäres Regime einem Rechtsstaat vorziehen.“

Dialog mit Schülern

Im Polizeipräsidium mit dabei sind auch Vertreter des Geschichtsorts „Villa ten Hompel“ aus Münster, ein Haus, das sich u.a. mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus beschäftigt. „In unserer Ausstellung ist Rolf Abrahamsohn eine der Leitfiguren“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Köhler. Seine Biografie wird dort anhand von Fotos, Ton- und Textdokumenten und über eine Tablet-App erzählt. Zudem können sich Schüler einen Geschichtsrucksack mit Objekten zu Abrahamsohns Leben ausleihen, der dazu anregt, sich zu Hause oder in der Schule mit der Frage der staatlichen Wiedergutmachung für das Leid der NS-Opfer auseinanderzusetzen.

Die „Villa“ in Münster hat immer wieder Zeitzeugen zu Gast – doch solche Besuche werden seltener. „Rolf Abrahamsohn ist einer der letzten Zeugen, die die NS-Zeit als Erwachsene erlebt haben“, sagt Thomas Köhler. Doch wie können Schüler, Polizisten und andere aus der Geschichte von 1933 bis 1945 lernen, wenn es demnächst keine Zeitzeugen mehr gibt? Köhler verweist auf Projekte wie die „Erinnerungspaten“ der Bezirksregierung Münster: Dabei erzählen Wegbegleiter früherer NS-Verfolgter als Erinnerungspaten aus deren Leben. Die Erfahrungen zeigen, dass man so bei jungen Menschen das Interesse an dem Thema noch besser wecken könne als mit Zeitzeugen-Interviews auf DVD, sagt Köhler. „Auch, weil es hier die Möglichkeit gibt, mit einer Person zu sprechen, die den Zeitzeugen noch persönlich kannte.“

Rolf Abrahamsohn hat erstmals 1985 vor Schülern eines Marler Gymnasiums über seine Geschichte geredet. Viele weitere Gespräche mit Schulklassen folgten. Sein Leitgedanke: „Wenn du den Kindern erzählst, dass Juden nicht schlechter sind als Christen, und du nur ein Kind erreichst, hast du schon etwas bewirkt.“ 

Martin Zehren 

Dieser Text stammt aus dem WESTFALENSPIEGEL 03/2019.

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