Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken – auch im Bistum Münster. Foto: Bistum Münster
23.07.2019

„Der Schrumpfungsprozess der Kirchen wird weitergehen“

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im vergangenen Jahr sowohl bei der evangelischen als auch bei der katholischen Kirche dramatisch gestiegen. An dem seit Jahren anhaltenden Trend werden die Kirchen nichts ändern können, sagt Professor Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster Religion und Politik an der Universität Münster im Interview mit westfalenspiegel.de.

Schon seit Jahren kehren immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken – haben Sie dafür eine Erklärung?
Zunächst einmal stimmt es, dass die Zahlen seit vielen Jahren sehr hoch sind. In den 1990er Jahren waren sie noch deutlich niedriger. Damals lag die Austrittsquote bei der katholischen Kirche stets etwa 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte unter der der evangelischen Kirche. Inzwischen haben sich die Austrittsquoten nicht nur erhöht, in der evangelischen Kirche zum Beispiel auf etwa 1 Prozent, sondern auch einander angeglichen. In der katholischen Kirche ist sie nun etwa genauso hoch: 0,9 Prozent.

Wie sind die Entwicklungen zu erklären?
Für die evangelische Kirche können wir das sehr gut sagen, weil wir das gut erforscht haben. Die Austritte dort haben stark mit religiöser Indifferenz zu tun. Die Menschen sagen, die Kirche sei ihnen fremd geworden. Auch die Ersparnis der Kirchensteuer spielt eine Rolle. Zudem ist bei denjenigen, die aus der evangelischen Kirche ausgetreten sind, die Haltung verbreitet: Ich kann trotzdem ein guter Christ sein.

Und bei den Katholiken?
Natürlich spielt hier der Missbrauchsskandal eine große Rolle. Allerdings darf man das nicht als alleinigen Grund ansehen. Die Ausgetretenen sind auch unzufrieden mit dem kirchlichen Handeln. Darin liegt ein großer Unterschied zur evangelischen Kirche, bei der Kritik an der Kirche, etwa an ihren öffentlichen Stellungnahmen, kein dominantes Austrittsmotiv darstellt. Insgesamt kann man sagen, dass die Gründe sehr komplex sind. Und die meisten Menschen machen sich die Entscheidung auch nicht leicht.

Warum ist das so, woher kommt die Verbundenheit mit der Kirche, sei sie evangelisch oder katholisch?
Zunächst muss man wissen, dass die Verbundenheit mit der Kirche unter Katholiken stärker ausgeprägt ist als bei evangelischen Gläubigen. Die Kirchen bieten Gemeinschaft, spenden in Situationen des biografischen Übergangs begleitende Sakramente, und sie tun auch etwas für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft. Das macht eine Trennung für viele Menschen nicht so leicht.

Prof. Dr. Detlef Pollack. Foto: EXC „Religion und Politik“ / Brigitte Heeke

Prof. Dr. Detlef Pollack. Foto: EXC „Religion und Politik“ / Brigitte Heeke

Seit Jahren schrumpft die Zahl der Pfarreien – im Bistum Münster in den vergangenen 20 Jahren zum Beispiel von 689 auf 211 – spielt das für die große Zahl der Kirchenaustritte auch eine Rolle?
Die Zahl verdeutlicht, dass die katholische Kirche gezwungen ist, Ressourcen zu bündeln und zu sparen. Hinzu kommt der Priestermangel, der es schwer macht, die Gemeinden sakramental zu versorgen. Mir scheint, dass die katholische Kirche die erforderlichen Sparmaßnahmen robuster umsetzt als die evangelischen Kirchen. Aufgrund ihrer zurückgehenden Zahl sind viele Priester mit der Situation überfordert, weil sie zu große Pfarreien leiten. Und das kann sich natürlich auch auf die Austrittsbereitschaft auswirken.

Könnte eine Abkehr vom Zölibat – dem ehelosen Leben – der Priester für die katholische Kirche die Rettung sein? 
Das glaube ich eher nicht. Auch wenn es sicher wünschenswert wäre, wenn die katholische Kirche die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen aufheben würde. Wichtiger wäre es – für beide Kirchen – sich um diejenigen zu kümmern, die am Rande der Kirche stehen und erwägen auszutreten. Bei der evangelischen Kirche sind das immerhin ungefähr 15 Prozent der Mitglieder. Die Menschen, die noch in der Kirche sind, müssten stärker in den Fokus rücken. Doch häufig möchte man diejenigen ansprechen, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben. Das ist der falsche Weg.

Welche Rolle spielen die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre?
Eine große: Die anhaltende Tendenz zur Individualisierung macht es den Kirchen schwer. Die Menschen wollen selbst ihren Glauben leben und sich nicht von einer Institution etwas vorschreiben lassen. Den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen sind die Kirchen weithin hilflos ausgeliefert. Sie sind nicht mehr Herr ihres Schicksals.

Das klingt so, als würde sich in absehbarer Zeit der Trend zu mehr Kirchenaustritten nicht aufhalten lassen.
Ich gehe nicht davon aus, dass sich der absteigende Prozess stoppen oder gar umkehren lässt. Der Schrumpfungsprozess der Kirchen wird weitergehen.

Interview: Jürgen Bröker

Aktuelle Daten zu den Kirchenaustritten

  • Im Bistum Münster erklärten 11.442 Katholiken 2018 ihren Austritt. Das waren 2746 mehr als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zu 1998 hat sich die Zahl fast verdoppelt. Damals waren 6449 Menschen aus der Kirche ausgetreten.
  • Im Bistum Paderborn haben 9369 Menschen die Kirche verlassen. 2022 mehr als noch ein Jahr zuvor. Im Vergleich zu 1998 stieg die Zahl noch deutlicher an. Damals kehrten 6740 Menschen der Kirche im Bistum den Rücken.
  • Die Evangelische Kirche von Westfalen meldet für 2018 rund 15.900 Austritte. Ein Jahr zuvor waren es etwa 14.400 Menschen, die die Kirche verlassen haben.

Lesen Sie auch im Bereich "Gesellschaft"

Testen Sie den WESTFALENSPIEGEL!

Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Dann überzeugen Sie sich von unserem Magazin! Jetzt einfach kostenlos ausprobieren!