Dem Wald in Westfalen geht es schlecht. Vor allem die Fichten und andere Nadelbäume leiden unter Hitzestress und Schädlingsbefall. Foto: Schemmi/pixelio
24.07.2019

„Der Wald geht vor die Hunde“

Schädlinge, Hitze und Trockenheit setzen dem Wald enorm zu – auch in Westfalen. Das hat wirtschaftliche Folgen und Konsequenzen für uns alle.

„Die Holzpreise sind am Boden“, sagt die Geschäftsführerin des Waldbauernverbands NRW, Heidrun Buß-Schöne. Die rund 30 Sägewerke in Westfalen sind voll. Vor allem das Überangebot an Fichtenholz ist enorm. Innerhalb von 18 Monaten hat sich der Preis für den Festmeter Fichte auf durchschnittlich etwa 55 Euro nahezu halbiert.

Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Deutschlandweit fielen 2018 mit 64 Millionen Kubikmeter rund zehn Millionen Kubikmeter mehr Holz an als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre, teilt die deutsche Säge- und Holzindustrie auf Anfrage von westfalenspiegel.de mit. Zwar seien vielerorts Produktionskapazitäten gesteigert worden, doch stießen diese nun an ihre Grenzen. Denn allein in den ersten vier Monaten im Jahr 2019 nahm die Produktion in deutschen Sägewerken um weitere 5,3 Prozent zu.

Krankheiten und Schädlinge breiten sich aus

Durch den geringen Verkaufswert des Holzes können viele Holzbauern mit den Einnahmen gerade die Kosten für das Fällen und Rücken der Bäume decken. „Normalerweise sichern die Ernteerlöse den Aufbau und die Pflege der nächsten Generation“, sagt Buß-Schöne. Doch bei einigen Waldbauern sei für den Waldaufbau aus eigener Leistung aktuell kein Geld übrig. Wenn aber die Aufforstung auf der Strecke bleibt, hat das Konsequenzen in vielen Bereichen. Ein gesunder Wald trägt durch die Bindung von CO2 zum Klimaschutz bei. Er ist Erholungsgebiet für viele Menschen. Deshalb sieht Buß-Schöne auch die Gesellschaft gefordert und wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik für die Betriebe in der Waldwirtschaft.

Teilweise sind ganze Gebiete vom Borkenkäfer befallen. Dort müssen die kranken Bäume schnellst möglich gefällt und abtransportiert werden, damit sich der Schädling nicht weiter ausbreiten kann. Foto: pixabay

Teilweise sind ganze Gebiete vom Borkenkäfer befallen. Dort müssen die kranken Bäume schnellstmöglich gefällt und abtransportiert werden, damit sich der Schädling nicht weiter ausbreiten kann. Foto: pixabay

Zumal inzwischen nahezu alle Baumsorten unter dem Stress durch Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall leiden. In Herten mussten im Laufe der Woche rund 70 Laubbäume, zum Teil 150 Jahre alt, gefällt werden, weil sie zur Gefahr für die Bürger wurden. Dort, wo Ahornbäume wachsen, breitet sich die Rußrindenkrankheit aus, deren Sporen auch für den Menschen gefährlich sind. Der Eichenprozessionsspinner war in großen Teilen des Münsterlands und des Ruhrgebiets in diesem Sommer so zahlreich wie selten. In Südwestfalen und Ostwestfalen-Lippe sind die Fichtenbestände auf großen Flächen vom Borkenkäfer befallen und sterben weg. Landesweit sind seit Anfang 2018 mehr als fünf Millionen Bäume – überwiegend Fichten – gestorben. Zuerst setzte Sturm Friederike ihnen zu, dann folgten Hitze und Trockenheit. Derart geschädigt wurden die Nadelbäume leichte Beute für den Borkenkäfer.

„Die Zukunft bricht weg“

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schlägt Alarm. „In Deutschland sind die Wälder am stärksten von der Klimakrise betroffen. In Folge der anhaltenden Trockenheit und Hitze der letzten Jahre spitzt sich die Situation dramatisch zu. Es droht ein Waldsterben 2.0“, sagte Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender in Berlin. Dort stellte er seinen Forderungskatalog zur Rettung des Waldes vor.

Die Zeit drängt. Vor allem für die Wälder, die unterhalb von 500 Metern liegen. Dort ist es vergleichsweise heißer und trockener als in höheren Lagen. „Und es scheint so, als könne sich der Trend zu längerer Trockenheit verstetigen“, sagt Buß-Schöne. Zwar befassten sich die Waldbauern schon lange mit neuen klimawandelresistenten Arten. Doch benötigten diese lange Zeiträume, um zu wachsen. „Wir sehen aktuell, wie die Zukunft wegbricht. Der Wald, wie wir ihn kennen, geht gerade vor die Hunde“, sagt Buß-Schöne.

Jürgen Bröker

Ergänzung vom 25. Juli: Die Landesregierung hat inzwischen angekündigt, die bisherige Förderung insbesondere für Wiederaufforstungs- und Nachbesserungsmaßnahmen von derzeit 4 Millionen Euro auf jährlich rund 10 Millionen Euro zu erhöhen. Zudem soll es im November eine Wald-Konferenz geben, auf der mit den Betroffenen und Wissenschaftlern neben der Situation des Waldes auch jüngste Studien zur Bedeutung des Waldes diskutiert werden.

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