Prof. Andreas Schulte, Inhaber des Lehrstuhls für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Foto: privat
01.10.2020

„Der Wald wird überleben“

Professor Andreas Schulte ist Inhaber des Lehrstuhls für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft der Universität Münster. Im Interview mit dem WESTFALENSPIEGEL spricht er über den Klimastress für den Wald, die Folgen für die Waldbesitzer und den Wald der Zukunft.

Herr Professor Schulte, im jüngsten NRW-Waldzustandsbericht wird dem Wald der schlechteste Zustand seit Beginn der Untersuchungen attestiert. Erleben wir gerade die größte Krise für den Wald in Westfalen?
Nein, der Wald, besser unsere Baumarten wie z.B. die Fichte, die Buche oder die Eichen haben eine über 50 Millionen Jahre alte Entwicklungsgeschichte hinter sich gebracht und Dinosaurier, Eiszeiten, Vulkanausbrüche und Weltkriege überlebt. Richtig ist: Wir erleben eine große Krise für die privaten Waldbesitzer sowie die Forst- und Holzwirtschaft in Westfalen, nicht für den Wald! Der wird überleben.

Weshalb leidet der Wald aktuell so stark?
Durch den Klimawandel, speziell die deutliche Erwärmung, fehlt der Schnee insbesondere in den Mittelgebirgen zum Frühjahr, der die Böden zu Beginn der Vegetationsperiode mit Wasser sättigte. Kommen dann wie in den vergangenen Jahren noch ausgeprägte trockene Wochen im April bis zum Juni hinzu, ist der Trockenstress für den Wald groß. Hierunter leidet die Fichte als ausgesprochener Flachwurzler deutlich mehr, als zum Beispiel die Stieleiche. 

Und deshalb hat der Borkenkäfer leichtes Spiel.
Die Fichte ist dann geschwächt und nicht mehr ausreichend in der Lage, Harz als Gegenmittel gegen angreifende Borkenkäfer zu bilden, die wiederum selbst von diesen Witterungslagen profitieren. Große Fichtenwälder sterben so bei hoher Befallsintensität innerhalb kurzer Zeit ab.

Fichtenreinkulturen wie diese im Wald bei Arnsberg stehen in Westfalen vor dem Aus. Foto: Jürgen Bröker

Fichtenreinkulturen wie diese im Wald bei Arnsberg stehen in Westfalen vor dem Aus. Foto: Jürgen Bröker

Die Fichte ist der „Brotbaum“ der Waldbesitzer – steht sie in Westfalen also vor dem Aus?
Ja, leider definitiv und seit 20 bis 30 Jahren vorhersehbar. Großflächige, gleichaltrige Fichtenreinbestände gehören unter diesen Klimabedingungen in Westfalen der Vergangenheit an. Die Fichte wird auf geeigneten Standorten insbesondere in Mittelgebirgen ihren Platz wenn überhaupt als Mischbaumart behalten können.

Was ist anders als beim großen Waldsterben in den 1980er Jahren?
Dies ging nicht auf den Klimawandel sondern vor allem auf die Emission von Schwefeldioxid (SO2) zurück, das in der Atmosphäre zusammen mit Wasser den „Sauren Regen“ bildete und die Wälder neben Schwermetallen wie z.B. Blei und vielen anderen Luftschadstoffen großflächig schädigte. Die großen Demonstrationen in Deutschland brachten die Politik zur Verabschiedung von Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der Emission von SO2 und von Schwermetallen. Die Wälder konnten sich wieder erholen. Nur durch Druck von der Straße wird Politik und nun verstärkt auch die Wirtschaft zum Umdenken in Analogie zum SO2 auch beim CO2 zu bewegen sein. Die jungen Menschen von Fridays for Future sind nicht „nur“ Wähler, sondern auch Verbraucher, die Unternehmen verstärkt nach ernst gemeinten Nachhaltigkeitsstrategien hinterfragen werden.

Häufig wird den Waldbesitzern selbst die Schuld an der aktuellen Misere gegeben – schließlich sind die Fichtenmonokulturen vom Menschen angepflanzt. Haben sie zurecht den „schwarzen Peter“?
Bei Umtriebszeiten von mindestens 120 Jahren bei der Buche, etwa 80 Jahren bei der Fichte und gar bis über 180 Jahren bei Eichen erntet kein Waldbesitzer, was er pflanzt. Ein großer Teil der nordrhein-westfälischen Wälder sind Nachkriegsaufforstungen mit Fichte und Kiefer von durch den Krieg oder durch Reparationshiebe zerstörter Wälder. Diese Aufforstungen geschahen auf der Basis der Kenntnisse und Möglichkeiten der Nachkriegszeit, zugleich mit dem Ziel, schnell Bau- und Grubenholz zum Wiederaufbau des zerstörten Nordrhein-Westfalens zu produzieren sowie Wind- und Wassererosion zu stoppen. Immerhin gab es 1948 / 49 Sandstürme und Wanderdünen in NRW. Das gelang. Statt Schuldzuweisungen würde ich mir ein Denkmal für Pflanzfrauen in jedem Wald wünschen. Das heißt nicht, das Vieles in den dann folgenden Jahrzehnten mit anderer waldökologischer und forstwissenschaftlicher Basis sowie viel mehr Ressourcen hätte besser gemacht werden können.

So könnte der Wald der Zukunft aussehen: Ein Mischwald in Arnsberg. Foto: Jürgen Bröker

So könnte der Wald der Zukunft aussehen: Ein Mischwald in Arnsberg. Foto: Jürgen Bröker

Welche Alternativen gibt es?
Wald in dicht besiedelten Regionen wie Westfalen ist Kulturgut, Restnatur und wichtige natürliche Ressource. Nutzer sind – auch wenn sie es nicht wissen oder wahrhaben möchten – Konsumenten, die auf das Angebot des Waldbesitzers angewiesen sind. Waldbesitzer produzieren nicht nur Holz, sie produzieren Wald mit allen seinen Leistungen. Wirtschaftsgüter sind eben nicht nur Waren wie Holz, sondern auch Dienstleistungen wie z.B. Klima-, Boden- und Naturschutz oder die Gewährleistung der Erholungs- und Umweltbildungsfunktion.

Welche Forderung leiten Sie daraus ab?
In Deutschland haben Waldbesitzer diese Leistungen „gemeinnützig“ auf ihre Kosten zu erbringen. Aus sinnvoller Sozialpflichtigkeit des Eigentums werden enteignungsgleiche Eingriffe, die nicht entschädigt werden. Landwirte erhalten in der EU im Schnitt über 300 Euro pro Hektar und Jahr ausschließlich als Flächenprämie für die Bewirtschaftung ihrer Fläche, selbst wenn sie diese intensiv zu Lasten der Natur und Umwelt bewirtschaften. Waldbesitzer erhalten für ihre volkswirtschaftlich wichtigen Dienstleistungen 0 Euro pro Hektar. Das sollte geändert werden!

Wie kann der Umbau des Waldes gelingen, damit er mit den veränderten Klimabedingungen zurechtkommt?
Waldumbau ist zu beschleunigen! Strategien dazu gibt es seit mindestens dreißig Jahren, aber Ideologen auf Seiten der Waldbesitzer und der Naturschutzverbände haben die politischen Entscheidungsträger in die komfortable Situation gebracht, erst einmal nichts zu tun und abzuwarten, welcher Konsens zukunftsfähig ist. Hohe Fördersummen werden gerne angekündigt, aber die Hürden für die Waldbesitzer beim Antrag absichtlich so hoch gelegt, dass real nur sehr wenig Geld davon fließt. Niemand hat ernsthaft die Absicht, Waldbesitzer zu fördern. „If ideology is master, you reach disaster faster!“ (Anmerkung/Übersetzung: Wenn Ideologie der Meister ist, erreicht man die Katastrophe schneller)

Douglasien wachsen schnell zu beachtlicher Größe. Foto: Jürgen Bröker

Douglasien wachsen schnell zu beachtlicher Größe. Foto: Jürgen Bröker

Plädieren Sie für ein gezieltes Aufforsten mit Baumarten, die mit den trockeneren und wärmeren Verhältnissen in der Region besser zurechtkommen oder soll der Wald sich selbst helfen?
Beides, je nach Standort und Ausgangssituation. Leider ist Öko-Rassismus auch in der Diskussion um die Zukunft des Waldes fest etabliert. Baumarten wie z.B. die Douglasie, die Robinie oder Rot-Eiche werden als „invasiv, nicht-heimisch oder gar fremdländisch“ katalogisiert und ihr Anbau abgelehnt. Die „gute, heimische“ Buche wird überhöht, obwohl man z.B. in Thüringen gut erkennen kann, dass die Erwartungen an Klimawandelresistenz bei der Buche nicht erfüllt wurden.

Braucht es also mehr Offenheit für neue Arten?
Etwas weniger Visumspflichtdenken von Beamten und Naturschutzverbänden gegen die Wiedereingliederung von Baumartenvielfalt würde genauso helfen wie die Abkehr vom starren Festhalten an alten waldbaulichen Konzepten mit Fichte und Kiefer. Auch hier trifft im Übrigen der Öko-Rassismus vor allem den Waldbesitzer. Mais, Kartoffeln und Tomaten kommen aus Südamerika, Raps aus dem Mittelmeerraum und Weizen aus Vorderasien, alles definitiv nicht aus Westfalen! Hat jemand in diesem Zusammenhang etwas von „invasiv, nicht-heimisch oder gar fremdländisch“ gehört …?

Worauf müssen sich Waldbesitzer zukünftig einstellen?
Über Jahrzehnte kaum Einnahmen bei weiterlaufenden Kosten wie z.B. Grundsteuer oder Versicherungen, dementsprechend viele Insolvenzen, weiter reichende enteignungsgleiche Eingriffe des Staates, noch mehr Bürokratie und ideologische Bevormundung. Holzhandwerk und Holzindustrie in Westfalen müssen sich perspektivisch in den kommenden Jahrzehnten mit Holzimporten eindecken oder ihren Standort gleich ins Ausland verlegen. Alternativ kann man betriebswirtschaftlich noch zur Umschulung Richtung Biogasmais-Bauer raten: Ist zwar extrem umwelt- und klimaschädlich, wird aber super und gleich doppelt subventioniert, über die EU-Flächenprämie und das Energie-Einspeisegesetz (EEG).

Interview: Jürgen Bröker

Pro. Andreas Schulte. Foto: privat

Prof. Andreas Schulte. Foto: privat

Professor Andreas Schulte ist unter anderem Inhaber des Lehrstuhls für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 2004 ist er außerdem geschäftsführender Gesellschafter des in Birmingham / England gegründeten Start-Ups Wald-Consult Ltd., das seit dem 01.01.2019 unter neuer Rechtsform im Zuge des Brexits als SilvaVest GmbH mit Sitz in Münster weitergeführt wird. Das Unternehmen berät Käufer und Verkäufer rund um Investitionen in die nachhaltige Landnutzung.

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