Ralf Thenior wurde am 4. Juni 1945 in Schlesien geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Heute lebt er in Dortmund. Foto: Dirk Bogdanski
14.08.2025

Der Wirklichkeitsschreiber

Das Fritz-Hüser-Institut ehrt am 22. August den Dortmunder Schriftstellers Ralf Thenior anlässlich dessen 80. Geburtstag. Lesen Sie hier ein Porträt des „Wirklichkeitsschriftstellers“ aus dem WESTFALENSPIEGEL 03/2025.

Wer sich dem Kulturgut Nottbeck in Oelde näherte, konnte sie schon von Weitem sehen: Auf der Obstwiese waren zwölf Quader so zu einem Leseparcours arrangiert, dass man sich Literatur erwandern konnte. Über ein Jahr lang waren in diesem Poesiegarten prägnante Kurztexte Ralf Theniors zu lesen, die von Stele zu Stele Überraschendes boten wie der Zweizeiler „In Goldfische sich einzufühlen / ist eine Übung von langer Dauer“. Textminiaturen wie diese sind Thenior besonders ans Herz gewachsen, weil sie dem Augenblick entspringen und aus dem Leben gegriffen sind. Für den Dortmunder Autor ist Literatur unmittelbar mit dem Alltag verwachsen, mit einfachen Menschen und Dingen, denen er Beachtung und Wertschätzung schenkt.

Poesie-Stelen. Foto: L. Uphaus

Stelen mit Texten von Ralf Thenior waren bis März 2025 in Nottbeck zu sehen. Foto: L. Uphaus

Dem Kulturgut Nottbeck und dem dortigen Museum für Westfälische Literatur ist Thenior besonders verbunden. Was lag also näher, als sich hier mit ihm zu verabreden? An einem Ort, den er von Anfang an – seit Eröffnung des Museums 2001 – maßgeblich mitgeprägt hat. Konkreter Anlass ist Theniors 80. Geburtstag am 4. Juni. Zeit also, um noch einmal zurückzublicken und an Projekte zu erinnern, die wesentliche Elemente seines Schreibens ausmachen. Bei der Frage, woran er sich besonders gern erinnere, kommt er auf die von ihm in Nottbeck initiierten Begegnungen mit Autoren aus osteuropäischen Ländern und den Niederlanden zu sprechen. Theniors kommunikative Ader kommt darüber hinaus auch in seinen auf dem Kulturgut durchgeführten Ferienakademien für den literarischen Nachwuchs zum Ausdruck. Ebenso gern erinnert er sich an die von ihm mitinitiierte Reihe „roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck“ mit über 20 Bändchen.

Literatur als Kraftquelle

Thenior nutzte die Stippvisiten auf dem Kulturgut auch, um die umliegende Landschaft mit dem Fahrrad zu erkunden. Er ist, wie er auf seiner Webseite verrät, ein ausgesprochener Naturfreund. „Geboren 1945 in Bad Kudowa (Kudowa Zdrój), Schlesien. Aufgewachsen in einer Gärtnerei in Hamburg. Erster Berufswunsch: Gärtner. Dann: Schriftsteller.“ Letzteres ist er seit 1977 mit wechselnden literarischen Stationen. Eine davon führte ihn 1980 zum Schloss Westerwinkel bei Herbern. Dort entstand unter anderem der Gedichtband „Westerwinkler Hundegras“, der ein intensives Eintauchen in die westfälische Flora dokumentiert. Er bildet nur einen kleinen Teil der verzweigten Thenior’schen Schreibpalette ab, die Lyrik, Erzählung, Roman, Hörspiel, Kurzszene und Übersetzungen einschließt. Etwa 50 Bücher sind zu zählen, dazu viele kleine, verstreut erschienene Publikationen. Sein „Haupthaus“ sei dabei, wie Thenior sagt, die Lyrik. „Sie ist der Kraftquell, aus dem sich das Schreiben von Erzählungen, Aufsätzen, Reiseberichten, Prosaminiaturen und Minigeschichten speist.“ Eine spezielle Variante seiner lyrischen Werkstatt hat wiederum mit dem Kulturgut Nottbeck zu tun. In der Ausstellung „W(raps). Wortwelten. Schriftbilder. Global Lingo“ stellte der Autor bestimmte Schlüsselwörter, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte, im Nottbecker Gartenhausatelier aus. Er hatte sie selbst mit Pastellfarben und Ölkreide auf Pappen gemalt und dabei immer neue Formate ausprobiert. Es gibt wohl nur wenige Autoren, die sich dem Wort derart detektivisch nähern wie Thenior.

In den letzten Jahren richtete sich der Blick des Autors vor allem nach Osteuropa, das für ihn lange Zeit Terra incognita war. In seinem Buch „Sarmatische Eskapaden“ (2023) hat er seine zahlreichen Reisen, die ihn bevorzugt ans Schwarze Meer führten, in Form eines biografischen Abenteuerromans beschrieben. „Für mich und mein Schreiben war die Begegnung mit der unbekannten Kultur wie eine Initialzündung“, resümiert er. Auch in den Balkanstaaten kam seine literarische Methode der Wirklichkeitserkundung zur Anwendung: „Notiz nehmen von jemandem oder etwas, aufmerksam werden, sich Notizen machen.“ Man hat dieses Arbeitsprinzip treffend als „poetischen Journalismus“ bezeichnet, als Umschreibung für realitätsnahe Texte, die oft in einer ungeschliffenen Sprache daherkommen.

Neue Heimat im Dortmunder Hafenviertel

Für Ralf Thenior bieten Alltag und bestimmte Milieus den besten poetischen Rohstoff. Diese Maxime bewog ihn 1987 zum Umzug nach Dortmund. Er wählte mit dem Dortmunder Hafenviertel bewusst ein Stadtviertel aus, das nicht auf Rosen gebettet ist. Dort findet er jene Multi-Kulti-Atmosphäre vor, die ihm ein unerschöpfliches Themenreservoir bietet. Seine dort entstandenen Buchprojekte – unter anderem der Roman „Ja, macht nur einen Plan“, der unlängst in die Bibliothek der wichtigsten Ruhrgebietstexte aufgenommen wurde, und seine Erzählminiaturen „Strange Kebab“ – könne man nicht am Schreibtisch erfinden, erläutert Thenior, sie „brauchen die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Anderen. Ihre Ursprünge liegen auf der Straße, in der Bahnhofshalle, im Café, im Park oder am Dortmund-Ems-Kanal. Jede dieser Geschichten hat einen realen Kern.“

 


Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 3/2025 des WESTFALENSPIEGEL.


Nach gut eineinhalb Stunden endet unser Rundgang. Eine Frage aber darf nicht fehlen. Was macht so ein hoher runder Geburtstag mit einem? Thenior nimmt‘s gelassen. Er erlebe gerade seinen x-ten poetischen Frühling und könne wahrlich nicht klagen. Schreiben als dauerhaftes Lebenselixier, da kann man nur gratulieren!

Walter Gödden

Anlässlich des 80. Geburtstags von Ralf Thenior lädt das Fritz-Hüser-Institut im Literaturhaus Dortmund am 22. August zu einem Thementag rund um das Werk des Schriftstellers. Ab 13 gibt es einen Mix aus wissenschaftlichen, künstlerischen und essayistischen Beiträgen. Die Tagung schließt mit einer Lesung Ralf Theniors zu seinem jüngsten Projekt „Zweizeiler. Die kleinste Form der Literatur.“ Mit dabei ist auch der Autor dieses Beitrags, der Literaturwissenschaftler Prof. Walter Gödden. Weitere Informationen hier.

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