05.06.2018

„Die Landarztquote kann uns helfen“

Westfalen (wh). NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat jetzt den Gesetzentwurf der Landesregierung sowie weitere Eckpunkte zur Umsetzung der Landarztquote vorgestellt. „Westfalen heute“ hat dazu mit dem Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe,  Dr. Theodor Windhorst, gesprochen.

Herr Windhorst, NRW will als erstes Bundesland eine Landarztquote bei der Zulassung fürs Studium einführen. Was halten Sie davon?

Nachdem nun juristisch alles abgeklärt ist, bin ich klarer Befürworter dieser Maßnahme. Angesichts der angespannten Situation müssen wir alles Erdenkliche unternehmen, um Engpässe bei den Haus- und Landärzten zu beheben. Ich glaube, dass die Landarztquote uns helfen kann.

Sie sind selbst Chirurg – wussten Sie vor Beginn ihres Studiums, dass Sie diesen Weg einschlagen werden?

Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Ich wusste eigentlich nur, dass ich etwas mit Menschen zu tun haben wollte. Ich wollte Menschen helfen. Da lag der Beruf des Arztes nahe. Aber die Entscheidung, Chirurg zu werden, ist erst zum Ende des Studiums gefallen.

Aber nun wird genau das von den angehenden Studierenden verlangt – sie legen sich fest, bevor sie überhaupt das Studium aufgenommen haben. Ist das möglich?

Genau aus diesem Grund war ich ja vor einem Jahr auch noch gegen diese Quote. Doch das hat sich jetzt geändert. Heute glaube ich schon, dass man sich so früh festlegen kann.

Woher kommt Ihr Sinneswandel?

Ob die Quote gelingen kann, wird sicher vom Auswahlverfahren abhängen. Dieses soll vom Landeszentrum für Gesundheit (LZG) durchgeführt werden. Wenn die das gut machen – wovon ich ausgehe – dann finden wir sicher genügend junge Leute, die sich mit Hirn und Herz für den Beruf des Landarztes begeistern. Zumal sich einige Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren ja auch verbessert haben.

Welche sind das?

Zum Beispiel ist die Residenzpflicht weggefallen. Ärzte, die eine Praxis auf dem Land übernehmen, müssen dort nicht mehr wohnen. Sie können mit ihren Familien in den Städten bleiben und zur Praxis pendeln. Auch der generalisierte Notfalldienst entlastet die Hausärzte, da sie an den Wochenenden nicht immer erreichbar sein müssen.

Trotzdem bleibt ein Nachteil der Quote: es wird dauern, bis der Nachwuchs so weit ist. Schon jetzt fehlen ja gerade in Westfalen Nachwuchs-Hausärzte.

Das stimmt. Allein in Westfalen-Lippe fehlen uns jedes Jahr circa 200 Hausärztinnen und -ärzte, um das Versorgungsniveau zu halten. Und wahrscheinlich gibt es eine ähnlich große Zahl bei anderen Facharztqualifikationen. Schließlich stellen wir fest, dass gut 50 Prozent der neuen Klinikärzte inzwischen einen Migrationshintergrund haben. Ob die Landarztquote Erfolg hat, können wir tatsächlich erst in etwa elf Jahren sagen. So lange dauert es ja, bis die Ausbildung abgeschlossen ist.

Außerdem erweitert die Quote auch das Angebot an Studienplätzen nicht.

Aber wir werden in Bielefeld bald eine neue medizinische Fakultät mit etwa 300 Studierenden haben. Außerdem verdoppelt die Universität Witten/Herdecke ihre Kapazitäten. Zusätzlich gibt es von der Landesregierung einen vereinfachten Einstieg als Hausarzt für Fachärzte anderer Bereiche. Da sind wir auf einem guten Weg.

Also muss uns in Westfalen mit Blick auf die Zukunft der land- und hausärztlichen Versorgung nicht Angst und Bange werden?

Nein, vor dem Hintergrund dieser Maßnahmen nicht. Aber es braucht Zeit und sicher müssen wir uns weiter anstrengen, um genügend junge Menschen für diesen Beruf zu begeistern. Vielleicht müssen wir auch neue Wege gehen, um alle Menschen entsprechend versorgen zu können. Zum Beispiel könnten mobile Praxen ein Modell sein, um dem Mangel weiter zu begegnen.

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