10.05.2019

Digitaler Zettelkasten

Der Nachlass des Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann wird seit 2015 an der Universität Bielefeld erschlossen. Im Mittelpunkt steht der berühmte Zettelkasten, eine Sammlung von 90.000 handschriftlich angefertigten Notizzetteln mit einem komplexen Verweissystem. Seit einigen Wochen kann online unter https://niklas-luhmann-archiv.de/ in einem ersten Teil des Zettelkastens gestöbert werden. Bis das Werk vollständig transkribiert ist, dauert es voraussichtlich noch bis 2030. Johannes Schmidt betreut das Projekt als wissenschaftlicher Koordinator des Projektes an der Universität Bielefeld.

Herr Schmidt, worum geht es bei diesem Projekt?
Johannes Schmidt: Wir erschließen und edieren den wissenschaftlichen Nachlass Niklas Luhmanns. Das Kernstück ist dabei ohne Zweifel sein Zettelkasten. Die Notizen aus Luhmanns Zettelkasten konnten bislang bereits als Bild-Dokumente in der Digitalen Sammlung der Unibibliothek Bielefeld eingesehen werden. Allerdings war es nicht möglich, nach Schlagworten zu suchen oder durch Verlinkungen Bezüge zwischen den Zetteln und ihren Themen herzustellen. Dies ist in unserer Edition nun möglich, so dass über Suchbegriffe, Schlagworte und Verlinkungen in den Online-Dokumenten recherchiert werden kann. Außerdem ist durch die Transkription die Lesbarkeit der handschriftlichen Notizen natürlich leichter möglich.

Warum ist die digitale Edition des Zettelkastens so wichtig?
Luhmann selbst bezeichnete den Zettelkasten als gleichwertigen Kommunikationspartner und hat damit schon zu seinen Lebzeiten einen Mythos begründet: Der ‚Gral von Bielefeld‘ nannte ihn der SPIEGEL. Tatsächlich hat diese Sammlung die Struktur einer modernen Datenbank und spiegelt mit dem System aus Querverweisen seine Denk- und Arbeitsweise. Luhmann hat damit bereits in den 1950er Jahren die Vernetzung von Informationen, so wie sie heute durch Hyperlinks im Internet organisiert ist, vorweggenommen. Er war somit ein Vordenker der digitalen Datenarchitektur, obwohl er nicht einmal einen Computer besessen hat. Die digitale Aufbereitung und Präsentation der Sammlung ist daher die natürliche Form der Publikation.

Wissen Sie, wer heute den Online-Zettelkasten nutzt?
Das sind sicherlich Forscher, Studierende und Interessierte, ganz sicher nachvollziehen können wir das aber aus Datenschutzgründen nicht. Luhmanns Zettelkasten ist ein einzigartiges geistesgeschichtliches Dokument, das eine große Faszination ausstrahlt. Ganz unabhängig von der Frage der Nutzung ist es also auch eine kulturelle Verpflichtung, dieses Material zu sichern und für zukünftige Generationen in einer Form zu bewahren, die seine Zugänglichkeit auf Dauer sicher stellt.

Interview: Annette Kiehl / wsp

Niklas Luhmann (1927-1998) forschte und lehrte von1968 bis 1993 an der Universität Bielefeld und zählt zu den einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenswerk war eine umfassende Theorie der modernen Gesellschaft

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