Impfen ist der Schlüssel, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, sagen Virologen. Foto: Tim Reckmann/pixelio.de
25.10.2021

Entdeckung der Freiwilligkeit

Malte Thießen hat eine „Gesellschaftsgeschichte der Coronapandemie“ geschrieben. Im Interview erklärt er, warum Covid-19 eine Zäsur bedeutet.

Prominente werben für Corona-Impfungen und werden dafür gefeiert oder massiv beschimpft. Gab es bei früheren Impfdebatten eine ähnliche Spaltung der Gesellschaft?
Impfen wurde immer schon auch jenseits der Fachkreise diskutiert, am Stammtisch, in Karikaturen, Zeitschriften, Broschüren. Es ist stets ein politisches Thema gewesen, an dem sich die Geister scheiden. Aber was wir heute als emotional aufgeladene gesamtgesellschaftliche Debatte übers Impfen erleben, das ist in dem Ausmaß einmalig. Viele Argumente früherer Impfskeptiker und -gegner gleichen denen von heute, zum Beispiel die Sorge vor Impfschäden oder die Kritik am Einfluss der Pharmaunternehmen. Und es geht bei der Impfdebatte auch um grundsätzliche Fragen: Was muss der Einzelne für die Sicherheit der Allgemeinheit leisten, insbesondere der Risikogruppen und der Kinder, die noch nicht geimpft werden können?

Auch eine Impfpflicht wird immer wieder diskutiert. Welche Erfahrungen wurden früher damit gemacht?
Die erste Impfung, die Pockenimpfung, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Bayern und Hessen als Pflichtimpfung eingeführt. Für das gesamte Deutsche Reich galt seit 1874 eine Impfpflicht. Viele Impfgegner sahen sie als politisches Projekt eines totalitären Gesundheitsstaates. Sie waren nicht unbedingt gegen die Impfung, aber gegen die Impfpflicht, weil sie selbst über ihre Impfung und die ihrer Kinder entscheiden wollten.

„Man war früher nicht bereit, für Eindämmungsmaßnahmen wirtschaftliche Einbußen hinzunehmen“, sagt Prof. Dr. Malte Thießen. Er leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Gesundheit, der Gesundheitsvorsorge und des Impfens. Foto: LWL/Kathrin Nolte

„Man war früher nicht bereit, für Eindämmungsmaßnahmen wirtschaftliche Einbußen hinzunehmen“, sagt Prof. Dr. Malte Thießen. Er leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Gesundheit, der Gesundheitsvorsorge und des Impfens. Foto: LWL/Kathrin Nolte

War die Impfpflicht denn erfolgreich?
Aus historischer Perspektive war sie eher kontraproduktiv. Was die Impfpflicht im Fall der Pocken gebracht hat, war der schnelle Aufbau von Infrastruktur wie Impfanstalten. Am Anfang war die Impfquote hoch, auch weil die Pocken damals eine große Bedrohung waren mit vielen Todesopfern. Als die Pocken wegen der Impfungen zurückgingen, ließ die Impfbereitschaft nach. Die Impfpflicht wurde ein relativ stumpfes Schwert, weil ihre Kontrolle massive Ressourcen erforderte und man durch Sanktionen wie Zwangsimpfungen eher den Widerstand mobilisierte. Der Sinn einer Impfpflicht wurde schon in der Weimarer Republik diskutiert. In der NS-Zeit fing man an, Ausnahmen zuzulassen. Ein Grund dafür war die Entdeckung der Freiwilligkeit.

Inwiefern?
An der neuen freiwilligen Diphtherieschutzimpfung wurde erkannt, dass Aufklärung und niedrigschwellige Angebote eine deutlich höhere Impfquote brachten als bei der Impfpflicht gegen Pocken. Die Impfung gegen Diphtherie, die in Bielefeld und Aachen begann, wurde massiv im Kino, Radio, mit Plakaten und Broschüren beworben. Später bei der freiwilligen Polioimpfung hatte die Bundesrepublik ebenfalls eine höhere Impfquote als bei der Pflichtimpfung gegen Pocken, auch weil man in den 1960er Jahren staatliche Prüfverfahren für Impfstoffe etablierte und transparent über Nebenwirkungen aufklärte. Als dann die Pocken eingeschleppt wurden wie 1970 im Sauerland, weckte das riesige Ängste, weil die Krankheit auf eine weitgehend ungeimpfte Bevölkerung traf. Dann sind die Leute zu den Impfstellen geströmt.

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Wie ist es gelungen, das Pockenvirus auszurotten?
Dank internationaler Kooperation. Die Weltgesundheitsorganisation WHO startete in den 1960er Jahren ein weltweites Programm mit systematischen Impfungen insbesondere in Afrika und Asien. 1980 gab es die Siegesmeldung: „Die Pocken sind tot.“ Das ist vor allem als politische Leistung beachtlich, weil es in den frostigen Phasen des Kalten Krieges geschafft wurde. Alle zogen gesundheitspolitisch an einem Strang. Beim globalen Denken waren wir daher schon einmal weiter: Heute sind in einzelnen Ländern 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung gegen Corona geimpft, aber ein Großteil der Erde hat noch gar keinen Zugang zu einem systematischen Impfprogramm. Die WHO mahnt immer wieder an, dass wir nur sicher sind, wenn alle geimpft sind.

Inwieweit bedeutet die Coronapandemie eine Zeitenwende?

Malte Thießen: Auf Abstand, Campus Verlag, 222 Seiten, 24,95 Euro Foto: Campus Verlag

Malte Thießen: Auf Abstand, Campus Verlag, 222 Seiten, 24,95 Euro
Foto: Campus Verlag

Bei Corona hatte die Gesundheit erstmals Vorrang vor Wirtschaftsinteressen. Bei vorherigen Epidemien hat es vereinzelt Abstandsregeln und Quarantänemaßnahmen gegeben, aber so systematisch und flächendeckend wie jetzt ist einzigartig. Man war früher nicht bereit, für Eindämmungsmaßnahmen wirtschaftliche Einbußen hinzunehmen. In der Bundesrepublik zum Beispiel gab es bei der Hongkonggrippe 1969/70 mit zehntausenden Toten keine Maßnahmen. Doch mit der Expansion des Sozialstaats seit den 1960er Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Gesundheitsvorsorge für alle gleichberechtigt wichtig ist und dass das Rentenalter, der „Goldene Herbst“, als schützenswert gilt.

Werden wir künftig „auf Abstand“ bleiben?
Bei der Arbeit und in der Freizeit haben wir jetzt mehr Möglichkeiten des Abstandhaltens. Das beste Beispiel sind Videokonferenzen. Eigentlich waren alle Versuche, mit Bildtelefonen auf dem deutschen Markt seit den 1970er Jahren Fuß zu fassen, gescheitert. Doch seit Corona sind Videokonferenzen generationsübergreifend selbstverständlich und werden etabliert bleiben, auch weil sie in der globalen Kommunikation eine kostengünstige Alternative sind.
Dass Menschen seit anderthalb Jahren „auf Abstand“ gehen, ist im historischen Vergleich einmalig. Am Anfang der Pandemie mussten wir das erst lernen: Der Klassiker ist die Pressekonferenz, in der der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte forderte, sich wegen Corona bitte nicht mehr die Hände zu schütteln, und sich dann unbedacht per Handschlag verabschiedete. Mittlerweile haben sich Rituale wie der Ellenbogen-Gruß im Alltag eingebürgert. Es wird dauern, bis viele körperliche Nähe wieder zulassen. Sie wird exklusiver, ein Ausdruck von Wertschätzung für den engeren Freundes- und Familienkreis.

Interview: Martin Zehren

Der Beitrag stammt aus dem Schwerpunkt „Gesundheit und Wohlergehen“ in Heft 5/2021 des WESTFALENSPIEGEL.

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