„Niemals vergessen“ heißt das Online-Lexikon zur Erinnerung an verfolgte jüdische Fußballer. Screenshot: Deutsches Fußballmuseum
27.08.2021

Erinnerung an jüdische Fußballer

Auf Initiative des Deutschen Fußballmuseums soll ein Online-Lexikon an jüdische Fußballer erinnern. Viele Beiträge stammen aus dem Netzwerk der deutschen Fußballmuseen und Vereinsarchive.

Fast jeder deutsche Fußballverein hatte zu Beginn der 1930er Jahre bekannte jüdische Fußballer oder Funktionäre in seinen Reihen. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland und der beginnenden Verfolgung der Juden wurden diese aus dem Vereinsleben ausgeschlossen. „Auch die Erinnerung an die jüdischen Fußballer wurde ausgelöscht“, sagt der Sporthistoriker Henry Wahlig vom Fußballmuseum. 

„Niemals vergessen – das Online-Lexikon verfolgter jüdischer Fußballer“ soll in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. Es funktioniert ähnlich wie Wikipedia und will die Erinnerung an die verfolgten Menschen wieder wachrufen. Namen, Erfolge und Lebensschicksale vieler jüdischer Fußballer sollen unter dem Dach des Fußballmuseums abrufbar sein. Zum Beispiel wird an Erich Gottschalk erinnert, der ursprünglich bei einem Vorgängerverein des VfL Bochum, später für Hakoah Bochum spielte. 1938 gewann er mit seinem Bochumer Verein die Deutsche Meisterschaft in der jüdischen Liga. Nach der Pogromnacht 1938 wurde Gottschalk in das Konzentrationslager Oranienburg deportiert und emigrierte nach seiner Freilassung mit seiner Familie in die Niederlande. Seine Frau, Tochter und Eltern werden Opfer des Holocaust. „Gottschalk selbst überlebte 1945 einen der grausamen „Todesmärsche“ und kehrte in die Niederlande zurück“, so Wahlig. Seine früheren Erfolge im Fußball werden ihm nicht geglaubt.

Weitere Einträge erwünscht

Mehr als 150 Namen umfasst das Lexikon bereits. Weitere sollen folgen. Fanprojekte und Vereinsarchive von Proficlubs in ganz Deutschland steuern die Daten bei. „Wir möchten aber auch andere Interessierte ermutigen, in ihrem Umfeld nach weiteren Lebensgeschichten für das Lexikon zu forschen“, sagt Wahlig. Im Fußballmuseum soll zudem der Ausstellungsbereich „Zwischen Krieg und Vernichtung“ um Biographien aus dem Lexikon erweitert werden. So soll neben dem virtuellen Gedenkort des deutschen Fußballs auch ein physischer entstehen, heißt es.

Das Onlinelexikon-Projekt fuße auf umfangreichen Recherchen und Vorarbeiten von Prof. Lorenz Peiffer und seinem Team an der Leibniz Universität Hannover, die die wissenschaftliche Erforschung der jüdischen Sportgeschichte seit vielen Jahren federführend vorantreiben, teilt das Fußballmuseum mit.

Museumsdirektor Manuel Neukirchner sagte: „Die Nationalsozialisten löschten nicht nur Leben aus, sondern auch Erinnerungen. Die Konterfeis sportlich erfolgreicher Juden wurden aus Sammelalben entfernt, ihre Namen von Gedenkplatten gekratzt, ihre Gesichter aus Vereinsfotos herausretuschiert und ihre Erfolge aus Rekordlisten gestrichen. Mit dem Online-Projekt machen wir auf das Schicksal verfemter und ermordeter jüdischer Sportpioniere aufmerksam, die dem Fußball in Deutschland einst wichtige Impulse gaben. Zudem ist es unser Anliegen, ein permanentes Zeichen gegen jede antisemitische und rassistische Tendenz im heutigen Fußball zu setzen.“

Neue Serie

1700 jüdisches Leben in Deutschland. Der WESTFALENSPIEGEL feiert mit. Also: L’Chaim – auf das Leben!

jüb/wsp

Lesen Sie auch im Bereich "Gesellschaft, Kultur"

Testen Sie den WESTFALENSPIEGEL!

Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Dann überzeugen Sie sich von unserem Magazin!