Münsters Regierungspräsidentin Dorothee Feller. / Foto: Bröker
29.03.2019

„Es gibt diese Grenze in den Köpfen“

Dorothee Feller ist seit 2017 Regierungspräsidentin von Münster. Im Interview westfalenspiegel.de spricht die Juristin darüber, wie Zusammenarbeit in der Region funktionieren kann – und an welchen Hürden sie scheitert.

Frau Feller, als Regierungspräsidentin sind Sie für das Münsterland und das nördliche Ruhrgebiet zuständig. Wie bekommen Sie diese Regionen an einen Tisch?
Mit dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region umfasst der Regierungsbezirk zwei unterschiedliche Regionen, die wir eng begleiten. Wir haben im Münsterland eine boomende Wirtschaft, doch daraus entstehen neue Herausforderungen, etwa wenn es um knappen Wohnraum oder um den wachsenden Verkehr geht. Die Emscher-Lippe-Region hat trotz aller Schwierigkeiten viele Stärken. So ist die Stadt Gelsenkirchen Modellregion für die Digitalisierung im Bezirk Münster und entwickelt Modellprojekte für das ganze Land. Wir haben dort die Westfälische Hochschule, die das Programm Talent-Scout entwickelt hat, das von vielen anderen Hochschulen übernommen wurde. Vor allem aber gibt es in der Emscher-Lippe-Region etwas, das andere Regionen nicht mehr unbedingt haben, nämlich Menschen, die wir noch in Arbeit bringen können.

Welche Probleme gilt es zu überwinden?
Die Lippe bildet eine Art Grenze zwischen der Emscher-Lippe-Region und dem Münsterland. Es gibt diese Grenze in den Köpfen vieler Menschen: Wer diesseits der Lippe wohnt, orientiert sich in Richtung Münsterland, wer auf der anderen Seite wohnt, eher zum Ruhrgebiet. Das weiß ich als gebürtige Dorstenerin aus eigener Erfahrung. Außerdem gibt es  nur wenige öffentliche Bussverbindungen über den Fluss. Hier müssen wir viel stärker überlegen, wie man den Verkehr von der Emscher-Lippe-Region ins Münsterland und umgekehrt besser organisieren kann. Konkret geht es zum Beispiel darum, wie ein Auszubildender aus Gelsenkirchen unkompliziert mit Bus und Bahn ins Münsterland gelangen kann. Ähnliche Herausforderungen gibt es übrigens auch in Süd- oder Ostwestfalen. Somit könnte es sinnvoll sein, gemeinsam mit diesen Regionen Lösungen für diese Herausforderungen zu erarbeiten.

Haben Sie Beispiele für gelungene Zusammenarbeit?
Aber sicher. Nehmen Sie nur das Jahr 2016. Damals erwähnte der Landesentwicklungsplan die Region Westfalen nicht, anders als die Metropole Ruhr und die Metropolregion Rheinland. Die damalige Landesregierung hatte das schlichtweg vergessen und das sagt viel aus. Die einstimmige Kritik aus Westfalen hat dann dazu geführt, dass der Landesentwicklungsplan geändert und die mittelstandsgeprägte Wachstumsregion Westfalen berücksichtigt wurde.

westfalenspiegel.de traf die Regierungspräsidentin in ihrem Büro. Foto: Bröker

westfalenspiegel.de traf die Regierungspräsidentin in ihrem Büro. Foto: Bröker

Braucht Westfalen ein neues Gremium, um in solchen Fällen aktiv zu werden?
Wir haben genügend Gremien. Aber dieser Fall zeigt, dass alle profitieren, wenn wir uns besser austauschen. Und zu bestimmten Themen sollten wir auch gemeinsam unsere Stimme erheben.

Zum Beispiel?
Der Verkehr ist ein wichtiges Thema. Unsere Schienenverbindungen und Autobahnen gehen durch verschiedene Regionen Westfalens. Daher halte ich es für sinnvoll, dass wir uns bei geplanten Bauprojekten abstimmen. Mit einer gemeinsamen Stimme können wir gegenüber der Deutschen Bahn oder der Bundesregierung mehr bewegen.

Fehlt eine westfälische Identität?
Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn sich jemand zuerst als Münsteraner oder Ostwestfale fühlt, oder vielleicht auch mit einem Stadtteil besonders verbunden fühlt. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Westfalen ländlich-urban geprägt ist, denn daraus entstehen spezielle Chancen und Probleme. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie wir es schaffen, dass sich mehr Ärzte im ländlichen Raum niederlassen. Solche Themen sollten wir in Westfalen gemeinsam bearbeiten und voneinander lernen.

Gibt es denn ausreichend Interesse an einem Austausch?
Ich plädiere für eine Allianz der Willigen. Wir müssen uns in Westfalen vernetzen, denn wir stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Aber wenn wir warten, bis alle davon überzeugt sind, dann dauert es lange. Es gibt viele, die besser zusammenarbeiten wollen, und die sollten anfangen. Dann werden sich auch andere anschließen.

Was ist der nächste Schritt?
Im Rahmen des regelmäßigen Austauschs der Regierungspräsidenten ist die Idee entstanden, eine Art Markt der Möglichkeiten für kleine und mittlere Kommunen in Westfalen zu veranstalten. Städte und Gemeinden mit kleinen Verwaltungen haben oft nur geringe Kapazitäten, um Themen wie die Digitalisierung anzugehen. Daher gibt es dort ein großes Interesse an einem Austausch. Wir bereiten nun eine Zukunftsmesse vor, die im Spätsommer oder Herbst stattfinden soll. Ich bin zuversichtlich, dass viele Kommunen dort vertreten sein werden.

Interview: Annette Kiehl

Wie regionale Netzwerke helfen können, Fachkräfte in Westfalen zu gewinnen, darüber berichtet das Magazin WESTFALENSPIEGEL in Ausgabe 2_2019.

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