National Library of Ireland, Dublin, 2004 (Ausschnitt). Foto: © Candida Höfer / courtesy Schirmer/Mosel
10.04.2019

Fotografierte Leselust

Sie sind Kathedralen des Wissens, Tempel der Weisheit, Oasen der Stille und Kontemplation, Sehnsuchtsorte für Autoren, Verleger, Büchernarren und Sammler. Die Fotografin und Bernd Becher-Schülerin Candida Höfer, 1944 in Eberswalde bei Berlin geboren und in Köln lebend, hat die größten öffentlichen Bibliotheken der Welt besucht und fotografiert.

Darunter die Bibliothek des Rijksmuseums in Amsterdam, die Pierpont Morgan Library in New York, die Trinity Library in Dublin, die Bibliothèque nationale de France, die Villa Medici in Rom und die Weimarer Anna Amalia-Bibliothek kurz vor der Brandkatastrophe. Entstanden ist ein prächtiger Bildband – 137 großformatige Farbaufnahmen von Bücher- und Dokumentensammlungen aus aller Welt, fast alle menschenleer und doch übervoll von Büchern und Akten. Der Schirmer/Mosel Verlag hat Candida Höfers „Bibliotheken“, 2005 erstmals erschienen, jetzt neu aufgelegt.

Beim Blättern in der Monographie überrascht die unglaubliche Vielfalt der so unterschiedlichen Büchertempel. Zu bestaunen sind prächtige Klosterbibliotheken des Barock, altehrwürdige Universitäts- und Museumsbibliotheken mit meterhohen Regalen voller ledergebundener Buchrücken und wunderbare Bildungskabinette aufgeklärter Fürstenhäuser mit Tonnengewölbe, Gelehrtenbüsten und Kordelabspannung ebenso wie moderne Bibliotheken mit Schmökerecken und Computerarbeitsplätzen, üppig ausgestattete Räume voller bibliophiler Schätze, aber auch völlig spartanisch eingerichtete Räume mit engen Gängen und wenigen Regalen.

Bibliotheken – Mit einem Essay von Umberto Eco, 272 Seiten, 137 Farbtafeln, 49,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0178-8

Bibliotheken –
Mit einem Essay von Umberto Eco, 272 Seiten, 137 Farbtafeln, 49,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0178-8

Candida Höfers Fotografien verbinden das Dokumentarische mit dem Künstlerischen, geben Zeugnis einer Buch- und Lesekultur, die vielfach längst überholt ist. Dazu passt der mitunter etwas historisch anmutende Essay des italienischen Philosophen und Autors Umberto Eco aus dem Jahr 1981, der in diesen opulenten Bildband einführt. Umberto Eco, der in „Der Name der Rose“ die labyrinthisch angelegten Räume einer mittelalterlichen Bibliothek zum Schauplatz seines berühmten Krimis machte, plädiert hier für „eine lustvolle Bibliothek, in die man gerne geht und die sich allmählich in eine große Freizeitmaschine verwandelt“. Heute, fast 40 Jahre später, ist dieser Wandel in vollem Gange.

Klaudia Sluka 

Der Beitrag ist aus dem WESTFALENSPIEGEL Heft 2/2019

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