Melanie Hauptmanns, Jahrgang 1978, ist Unternehmerin, Coachin, TV-Expertin und Model. Ihre Agentur sitzt am Niederrhein. Foto: Fräulein Kurvig – Deutschlands schönste Kurven
07.08.2025

„Fräulein Kurvig“ schreibt Geschichte

Melanie Hauptmanns wurde bekannt als „Fräulein Kurvig“. Die Vorreiterin der Bodypositivity-Bewegung in Deutschland setzt sich für Toleranz ein.

Es war die Anfrage einer Designerin, die zum Schlüsselmoment für Melanie Hauptmanns wurde. Ob sie bei einer Modenschau in Düsseldorf auf den Laufsteg gehen wolle. „Ich wusste in dem Moment: Jetzt schreibe ich Geschichte als erstes Plus-Size-Model.“ Sie hatte damals zwar schon eine regelmäßige Kolumne über Bodypositivity in einem Magazin, schrieb über die Schönheit und die Akzeptanz des eigenen Körpers fernab gängiger Schönheitsideale. Doch auf den Laufstegen und in Modezeitschriften suchte man lange nach Models jenseits der Kleidergröße 34. Und dann stand Melanie Hauptmanns da, in einem spektakulären Brautkleid mit 80.000 Swarovski-Kristallen, das Highlight der Modenschau – und hörte, dass der Comedian Kaya Yanar mit zwei Kameramännern im Publikum sitzt. „Ich bekam totale Panik“, erzählt sie. „Wird er sich über mich lustig machen? Doch dann sah ich meinen Mann am Ende des Laufstegs, der keine Sekunde zweifelte, dass ich hier mein Ding mache.“ Sie lief los – und die 1000 Leute im Publikum standen auf und jubelten.

Pionierin in Sachen Bodypositivity

15 Jahre später blickt Melanie Hauptmanns, die aus Brüggen am Niederrhein stammt, auf eine beachtliche Karriere zurück: Sie führt mit „Fräulein Kurvig“ eine Plus Size- und Diversity-Modelagentur, lenkt ein 26-köpfiges Team, schreibt Bücher über ihre eigene Geschichte, Bücher gegen Bodyshaming, Diskriminierung und Selbstverleugnung, wird international als Coachin und Sprecherin für Bodypositivity gebucht und ist auch in den Medien zur Expertin für den Aufbau und Erhalt von Selbstbewusstsein, Akzeptanz und Liebe zum eigenen Körper geworden. Ihr TV-Auftritt kürzlich beim „Kölner Treff“ beeindruckte die Promi-Gäste der Talkrunde sehr: Alle waren begeistert von ihrer Leidenschaft, mit der sie erzählt. Auch über sich. „Ich habe selbst als Kind Mobbing erlebt, vermeintlich witzige Sprüche haben mich tief verletzt“, sagt sie. „Worte können Waffen sein.“ Darum geht sie heute unter anderem auch in Schulen und in Kindergärten, um ihre Botschaft mitzuteilen: „Das Schönste an dir bist du!“ Die seelischen Belastungen durch den ständigen Vergleich mit der angeblich perfekten Internet-Welt seien groß, schon bei 10-Jährigen. „Was ich in Schulen erlebe, erschüttert mich sehr. Es hat alles eine andere Qualität bekommen. Es gibt so viele digitale Filter für Fotos, die das Aussehen optimieren, aber das ist einfach nicht das reale Leben.“ Auch das Cover-Mädchen sehe im echten Leben nicht aus wie auf dem Cover. „Ich möchte der Nachwelt etwas geben, will Frauen und Männer stärken“, sagt sie. „Wir lernen von klein auf, dass unser Wert von Äußerlichkeiten abhängt. Es ist immer wieder ein Kampf zu erklären, dass wir gut genug sind, so wie wir sind. Wir haben vergessen, was normal ist. Normal sind Cellulite und Falten! Wenn ich mit 80 Jahren auf mein Leben zurückblicke und Lachfalten in meinem Gesicht sehe, habe ich doch alles richtig gemacht.“

Engagiert für mehr Toleranz

Diese positive Sichtweise auf sich und ihren Körper musste auch sie erst lernen. Das erste Mal, dass sie keine Diskriminierung erlebte, war in Amerika. Sie war 19, als sie dort ein Studium begann. Ihre Figur war hier „normal“. Und sie staunte, dass sie im Modeladen nicht in einer Übergrößen-Ecke shoppen musste, sondern dass ihre Größe neben den anderen einsortiert war. Als sie wieder nach Deutschland zurückkehrte, waren auch die alten Herausforderungen wieder da. Kein ärmelloses T-Shirt tragen, um keine komischen Sprüche zu kassieren? „Damit sollte endlich Schluss sein, ich wollte mich nicht mehr für meinen Körper schämen.“ Es war der Startschuss für ihr Bodypositivity-Projekt. Ihr nächstes Projekt hat sie schon im Kopf. Ein TV-Format, das ihre Botschaft umsetzt. Aber nicht reißerisch. „Noch hat sich kein Sender getraut, das mitzumachen“, erzählt sie. Doch das werde kommen, da ist sie sich sicher. Wenn sie etwas will, dann beißt sie sich durch. „Ich kann tatsächlich schlecht Ruhe geben“, sagt sie lachend.


Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 4/2025 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Wa(h)re Schönheit“.


Manchmal weiß sie selbst nicht, wie sie all die Arbeit schafft. Denn was sie mit „Fräulein Kurvig – Deutschlands schönste Kurven“, der ersten Misswahl für kurvige Frauen, vor über zehn Jahren begonnen hat, ist heute, wie sie selbst sagt, zu einem „Riesen-Mindset“ geworden mit umfangreichen Aktivitäten für mehr Toleranz in unserer Gesellschaft. Diese Misswahl ist auch heute noch die einzige Plus Size- und Diversity-Misswahl der Republik – und feiert die Vielfalt von Menschen. Die nächste Wahl zum „Fräulein Kurvig“ findet am 13. Dezember in Kooperation mit dem Krefelder Weihnachtscircus statt. Es wird ein Fest der Diversität – und Selbstliebe.

Sabine Müller

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