„Gefühle ernst nehmen“
Die Jugendpsychotherapeutin Laura Derks von der LWL-Universitätsklinik Hamm erklärt im Interview, welchen Zusammenhang es zwischen Körperunzufriedenheit und Essstörungen gibt.
Bin ich schön? Diese Frage stellen sich viele Menschen. Manche sind mit ihrem Körper jedoch so unzufrieden, dass es ihnen schlecht geht. Was kann ihr Umfeld für sie tun?
Laura Derks: Wenn sich andere mit ihrem Körper unwohl fühlen, neigen wir dazu zu sagen: Das ist doch nicht so schlimm. Das Wichtigste ist aber, dem Gegenüber das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden. Viele Studien zeigen, dass Körperunzufriedenheit über die Lebensspanne dazugehört. In der Pubertät ist das besonders ausgeprägt und gehört zum Entwicklungsprozess, denn der Körper verändert sich schnell und massiv. Daher ist es nachvollziehbar, dass sich Jugendliche unzufrieden oder überfordert fühlen. Diesen Gefühlen und Sorgen sollte man Raum geben. Erwachsene sollten ein offenes Ohr haben, auch mal ohne zu kommentieren. Und wir sollten den gesellschaftlichen Wahn nach Schönheit und Perfektion hinterfragen und stattdessen eher betonen, dass die Identität eines Menschen aus vielen Puzzlestücken besteht. Die Äußerlichkeit ist nur eines davon.

Laura Derks arbeitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin an der LWL-Universitätsklinik Hamm in der Forschung sowie in der Essstörungsambulanz und ist im Moderationsteam des Podcasts „Seelenstruggle“ zu hören. Foto: LWL
Wann führt ein schlechtes Körpergefühl zu psychischen Erkrankungen wie Essstörungen?
Laura Derks: Unzufriedenheit mit dem Körper ist nur ein Symptom einer Essstörung, es gibt viele mehr. Aber: Je höher die Körperunzufriedenheit, desto höher die Wahrscheinlichkeit an einer Essstörung oder auch an einer Depression zu erkranken. Essstörungen im Jugendalter haben zugenommen, vor allem die Anorexie, die Magersucht. Bei uns in der Klinik haben wir inzwischen eine lange Warteliste, und auch in der Ambulanz erreichen uns deutlich mehr Anfragen als noch vor ein paar Jahren.
Welche Warnzeichen für eine Essstörung gibt es?
Laura Derks: Wenn der Jugendliche nicht mehr die Essstörung kontrolliert, sondern die Essstörung zunehmend ihn. Wenn sich der Alltag verändert und das Familienleben und die Stimmung leiden. Wenn sich der Jugendliche zurückzieht, auch von Freunden, plötzlich Diäten macht, für die Mahlzeiten sehr lange braucht oder nicht mit zum Ausflug kommen möchte, weil es dort kein gesundes Essen gibt. Auch ein Leistungseinbruch in der Schule oder extremer Perfektionismus und exzessiver Sport können Frühwarnzeichen sein sowie Kalorienzählen und Verbote von Lebensmitteln. Bei Mädchen hat man das Thema etwas mehr auf dem Schirm. Aber wir behandeln in der Klinik auch Jungen mit Essstörungen.
Frühe Therapie hilft am besten
Wie alt sind die Erkrankten?
Laura Derks: Das Durchschnittsalter, in dem Menschen an Magersucht und Bulimie erkranken, liegt weltweit bei 15,5 Jahren. Die Erkrankten werden aber immer jünger, was biologisch dazu passt, dass die Pubertät mittlerweile oft eher einsetzt als früher. Bei uns waren früher Unter-14-Jährige mit Essstörung selten, mittlerweile haben wir eine Kinderstation mit einem Schwerpunkt Essstörungen, weil vermehrt auch 12- und 13-Jährige bei uns sind.
Welche Essstörung ist die häufigste?
Laura Derks: Die sogenannte Binge-Eating-Störung – sie ist gleichzeitig auch die am wenigsten bekannte. Sie bedeutet, dass Menschen Essanfälle haben, die sie nicht kontrollieren können. Und anders als bei der Bulimie erfolgt kein kompensatorisches Verhalten wie Erbrechen. Menschen mit Binge-Eating-Störung machen auch keinen exzessiven Sport. Sie haben das Gefühl, dass sie sich weniger gut kontrollieren können wie Gleichaltrige und schämen sich dafür. Meistens beginnt dies im Jugendalter, aber die Betroffenen kommen erst mit Mitte bis Ende 20 in die Behandlung.
Wie gefährlich ist eine Essstörung wie Magersucht?
Laura Derks: Die Magersucht ist eine der tödlichsten Krankheiten im Jugendalter. Und sie hat oft körperliche Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit oder hormonelle Probleme, die sich auf die Knochen auswirken können. Aber es gibt Hilfe: Ungefähr zwei Drittel der Betroffenen mit Essstörung, die eine Therapie machen, werden geheilt. Das heißt: Die Person ist in ihrem Alltag nicht mehr eingeschränkt. Betroffene mit chronischen Essstörungen haben nach der Behandlung oft nur noch leichte bis mittelschwere Symptome und können damit ihr Leben ganz gut gestalten.
Kostenlose Beratungsstellen
Wann sollte man in die Klinik gehen?
Laura Derks: Die Betroffenen sollten lieber einmal zu viel oder zu früh zu uns kommen als zu spät. Wir haben immer wieder Jugendliche, die erstmals zu uns kommen und seit zwei oder drei Jahren schon untergewichtig sind. Oft wurde leider lange Zeit keine Hilfe gesucht, weil die Eltern sich in einem Loyalitätskonflikt befinden. Das heißt, sie sehen, dass es ein Problem gibt, aber die Jugendlichen wollen nicht zum Arzt oder zur Therapeutin. Da geht viel wertvolle Zeit ins Land. Es gibt Studien, die zeigen: Je früher die oder der Betroffene eine Therapie macht oder eine andere Art von Unterstützung bekommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie oder er ganz gesund wird. Ich verstehe, dass Eltern ihr Kind nicht zum Arzt oder Therapeuten zwingen möchten. Es gibt für diesen Fall auch kostenlose Beratungsstellen für Eltern, wo sie ohne ihr Kind hingehen und Hilfe erhalten.
Die LWL-Universitätsklinik Hamm beteiligt sich an der „Hometreatment-Studie“. Was wird erforscht?
Laura Derks: Die Studie untersucht, ob man Jugendliche schneller wieder raus aus der Klinik bekommt. Bei Anorexie sind Jugendliche sehr lang in der Klinik, weil es dauert, bis ihr Normalgewicht wieder erreicht ist. Wir wollen, dass sie möglichst früh viel Zeit in der Familie verbringen und ihren Anschluss an den Freundeskreis nicht verlieren. Daher hat die Studie untersucht, wie es ist, wenn Jugendliche nach acht bis zwölf Wochen die Klinik verlassen und der Therapeut und weitere an der Behandlung Beteiligte zu ihnen nach Hause kommen. Die ersten Befunde sind sehr viel versprechend. Wir hoffen, dadurch Rückfälle zu reduzieren und die vollen Stationen zu entlasten.
Interview: Martin Zehren
Der Beitrag stammt aus dem WESTFALENSPIEGEL 04/2025.
Tipps zum Weiterhören und -lesen:
Podcastfolge des „Seelenstruggle“-Podcasts zum Thema Essstörungen: hier.
Project Body Image (Projekt zur Verbesserung des Körperbilds): hier.
Project YES (Projekt zur Stärkung mentaler Gesundheit): hier.