Fürstin Pauline zur Lippe, offizielles Regentinnen-Bild von Johann Christoph Rincklake, Ausschnitt. Foto: Lippisches Landesmuseum Detmold
28.12.2020

„Gescheidt, thätig, aber sehr eigenwillig“

Vor 200 Jahren starb Fürstin Pauline zur Lippe, die einst den ersten Kindergarten Deutschlands gründete. Ihr soziales Lebenswerk lebt bis heute fort.

Bewegte Zeiten waren es, als Fürstin Pauline am 18. Mai 1802, stellvertretend für ihren unmündigen Sohn Leopold, die Regentschaft des Landes Lippe übernahm. In ihre Regierungszeit fielen die Napoleonischen Kriege, die Abdankung des Kaisers in Wien und die Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress. Allein ihrem diplomatischen Geschick ist es zu verdanken, dass das Fürstentum Lippe in jener Zeit des Umbruchs seine Selbstständigkeit behielt. Geduldet von Napoleon und Preußen, führte Pauline in ihrem Territorium eine glänzende Regentschaft. Ihre engagierte Sozialpolitik ist bis heute unvergessen.

Fürstin Pauline zur Lippe war zweifellos eine sehr tatkräftige Frau mit ausgeprägter sozialer Ader und großem Durchsetzungsvermögen, sicherlich eine „Ausnahmefrau“ in Zeiten „als die Frauen noch sanft und engelsgleich waren“, wie eine Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte in Münster einst demonstrierte. So charakterisierte Joseph Görres, ein Zeitgenosse Paulines, die Fürstin als „gescheidt, thätig aber sehr eigenwillig“.

Ungewöhnlich umfangreiche Schulbildung

Schon als Kind war die am 13. Februar 1769 in Ballenstedt geboren Pauline Christine Wilhelmine von Anhalt-Bernburg für ihren Eigensinn, aber auch für ihre cholerischen Wutausbrüche berühmt-berüchtigt. Als Paulines Mutter nur wenige Tage nach ihrer Geburt starb, übernahm der Vater, Fürst Friedrich Albert, höchstpersönlich nicht nur die Erziehung des älteren Sohnes und Thronfolgers, sondern auch die der Tochter. Selbst für eine Adelige ihrer Zeit erhielt Pauline eine ungewöhnlich umfangreiche Schulbildung. Sie lernte Latein und Französisch, erhielt Unterricht in Geschichte und den allgemeinen Staatswissenschaften, setzte sich kritisch mit juristischen und philosophischen Werken auseinander und unterstützte bereits mit 13 Jahren den Vater bei seinen Regierungsgeschäften. Ganz gezielt wurde die junge Frau für das Fürstentum Lippe ausgesucht, um die Regentschaft des kränkelnden Leopold I. zu unterstützen.

Blick in den „Fürstin-Pauline“-Bereich der Dauerausstellung im Lippischen Landesmuseum Detmold (LLD). Foto: LLD

Blick in den „Fürstin-Pauline“-Bereich der Dauerausstellung im Lippischen Landesmuseum Detmold (LLD). Foto: LLD

Lange Zeit aber widerstand Pauline dem Werben des lippischen Thronfolgers. Als sie dann doch 1796 – mehr aus persönlicher Taktiererei denn aus Liebe – den Fürsten Leopold zur Lippe heiratete, begann für Pauline ein neuer Lebensabschnitt in einer neuen Stadt. An die Verwaltungsarbeit gewöhnt, vertrat Fürstin Pauline von Anfang an ihren wegen Krankheit oft unpässlichen Ehemann als Oberhaupt der Regierung, um nach dessen Tod ohne zu zögern 1802 die alleinige Herrschaft über das Fürstentum Lippe zu übernehmen.

Eine Pariser Mode wird nach Detmold verpflanzt

Auf den zahlreichen Ausflügen durch das Lipperland war sie auf die fatalen sozialen Missstände aufmerksam geworden, vor allem den hungernden Kindern arbeitsloser Eltern wollte sie helfen. In einem eigenhändig verfassten Aufruf an die „gebildeten Frauenzimmer“ machte die Fürstin den „Vorschlag, eine Pariser Mode nach Detmold zu verpflanzen“. Sie meinte damit das Vorbild französischer Frauen, die Säle eingerichtet hatten, „wo arme Mütter, während ihre Arbeit sie fern beschäftigte, ihre Kleinen zutraulich hinbringen und am Abend wieder abholen konnten, wo sie des Tages genährt und verpflegt wurden.“ Im Jahr 1802 gründete Pauline die Detmolder „Kinderbewahranstalt“ – und damit den ersten Kindergarten Deutschlands! Von Mitte Juni bis Ende Oktober wurden hier bis zu 20 Kinder, die nicht älter als vier Jahre alt sein durften, von morgens bis in den späten Abend hinein bereut, damit ihre Mütter ungestört der Feldarbeit nachgehen konnten.

Die Fürstin in einer Darstellung von Ernst von Valentini. Foto: Lippisches Landesmuseum Detmold

Die Fürstin in einer Darstellung von Ernst von Valentini. Foto: Lippisches Landesmuseum Detmold

Vom Geist der Aufklärung beeinflusst hat Fürstin Pauline als Regentin und Reformerin ihre Verantwortung stets sehr ernst genommen und mit viel Geld aus ihrem Privatvermögen, Zeit und Engagement verschiedene soziale Einrichtungen geschaffen. Erziehung zur Arbeit statt Almosenverteilung lautete ihr Credo. So engagierte sich Pauline in der Schulreform und der Lehrerausbildung, kämpfte gegen Hungersnöte, kümmerte sich um arme und alte Menschen, eine menschenwürdige Versorgung der Kranken und Geisteskranken und reformierte die Justiz.

Gründung der Detmolder Pflegeanstalt

Im Zentrum ihrer Wohlfahrtspolitik stand die Detmolder Pflegeanstalt, die sechs selbständig arbeitende Einrichtungen (Erwerbsschule, Freiwilliges Arbeitshaus, Krankenhaus, Waisenhaus, Lehrerseminar und Kinderbewahranstalt) unter einem Dach vereinigte. Ein bahnbrechendes, wohl durchdachtes ineinander greifendes System verschiedener Wohlfahrtseinrichtungen, bei denen jeder Bedürftige – „von der Wiege bis zum Grabe“ – Hilfe bekam. 1820 trat Pauline zugunsten ihres Sohnes Leopold von der Regentschaft zurück. Nur wenige Monate später starb sie am 29. Dezember 1820, vor 200 Jahren. Ihr soziales Lebenswerk lebt bis heute in den Einrichtungen der „Fürstin-Pauline-Stiftung“ fort.

Klaudia Sluka 

Dieser Beitrag erschien zuerst in Heft 5/2002 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Westfalens Weg in die Moderne“. Hier geht es zur Inhaltsübersicht des Magazins.

Das Landestheater Detmold hat zu Paulines 200. Todestag das eigens komponierte und im Juni uraufgeführte Musical „Pauline“ als CD veröffentlicht. Komponist Andreas Jören und Autor Johannes Jordan lassen die Fürstin zur Lippe und ihre Lebensgeschichte. Die CD kann über die Website des Landestheaters bezogen werden. 

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