„Globale Krisen werden in Kommunen verhandelt“
Mehr als die Hälfte der Politikerinnen und Politiker wurden im Rahmen ihres Dienstes bereits mit Aggressionen konfrontiert, zeigt eine aktuelle Studie der Hans Böckler Stiftung. Dazu zählen Beleidigungen, Verleumdungen oder auch Ausgrenzung. Jeder fünfte Betroffene gab an, das Engagement aufgrund der Angriffe reduziert zu haben. Im Interview mit dem WESTFALENSPIEGEL erklären die Konfliktforscherinnen Dr. Kerstin Eppert und Dr. Sonja Fücker, wie in Konflikte in Kommunen besser gelöst werden können.
Frau Fücker, über was wird in Städten und Gemeinden gestritten?
Dr. Sonja Fücker: Zu den häufigsten Konfliktthemen zählen Migration, Sicherheit und der Verkehr. Je nach Region gibt es aber Unterschiede. Beispielsweise wird in ländlichen Räumen viel mehr über die Energiewende, wie zum Beispiel den Bau von Windräder gestritten als in Städten, wo die Themen Sicherheit und Ordnung drängender sind. In Westdeutschland ist häufig der Verkehr ein Streitpunkt. In Bielefeld wurde beispielsweise der Umbau des Johannistals zu einem großen Konflikt. Konkret ging es hier um den Bau eines Radwegs und dem Wegfall von Parkplätzen.

Die Soziologin Dr. Sonja Fücker forscht zur kommunalen Konfliktbearbeitung. Foto: Sarah Jonek
Geht es dabei nur um einen Radweg oder um viel mehr?
Fücker: Zunächst einmal geht es um den Radweg. Aber wir beobachten, dass der Frust bei Bürgerinnen und Bürgern generell wächst, wenn sie den Eindruck haben, dass sie ihre Anliegen nicht angemessen einbringen können. Dann geht es eben nicht mehr nur um die eigentliche Sache, sondern um den Wert demokratischer Beteiligung. Solche Stimmungen werden mitunter auch genutzt, um Politik und Verwaltung in ein bestimmtes Licht zu rücken und damit den Vorwurf laut zu machen, dass zum Beispiel öffentliche Diskussionen nur zum Schein geführt wurden.
„Konfliktsensible Aufklärung ist sehr wirkungsvoll“
Was läuft hier schief?
Fücker: Kommunen laden immer wieder mit besten Absichten zu Dialogveranstaltungen ein. Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die sich beteiligt, ist häufig aber gering. Überwiegend handelt es sich dabei um gut ausgebildete Menschen mit Zeit und Interesse, also um eine kleine Gruppe engagierter Menschen. Viele andere sind zwar unmittelbar von einer Entscheidung, wie zum Beispiel dem Radweg, betroffen, doch sie können aus praktischen Gründen nicht teilnehmen oder wollen es nicht. Und dann macht sich in der Öffentlichkeit der Eindruck breit, dass man ohnehin nichts ausrichten kann.
Wo könnte die Lösung liegen?
Fücker: Zunächst einmal ist eine konfliktsensible Aufklärung sehr wirkungsvoll. Das sehen wir beispielsweise bei der Deutschen Bahn. Hier sind die Mitarbeitenden mittlerweile darin geschult, den Fahrgästen zu erklären, aus welchen Gründen ein Zug Verspätung hat oder welche Lösungen in Erwägung gezogen werden, damit es bald weitergeht. Das sorgt in einer Situation, die Unsicherheit erzeugt, für mehr Verständnis. In Kommunen geht es zunächst einmal darum, Bürgerinnen und Bürgern zu erklären, an welchen Stellen die Stadt- oder Gemeindeverwaltung überhaupt entscheiden kann und wo es bereits Vorgaben vom Bund gibt.
Frau Eppert, Sie leiten die Konfliktakademie an der Universität Bielefeld. Was können Sie und ihr Team in diesen Fällen leisten?
Kerstin Eppert: Ausgetragen werden diese Konflikte in den Städten und Gemeinden. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie gesellschaftliche Uneinigkeit im lokalen Raum entsteht und sich zu einem Konflikt entwickelt und welche Möglichkeiten es gibt, damit produktiv umzugehen. Dabei geht es auch um die Frage, welche Zusammenhänge es mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und globalen Ereignissen gibt. Ein Ziel dabei ist, aus der Wissenschaft heraus in die Kommunen Kompetenzen zu vermitteln, um Konflikte besser lösen zu können.

Die Soziologin Dr. Kerstin Eppert ist wissenschaftliche Leiterin der Konfliktakademie ConflictA in Bielefeld. Foto: Sarah Jonek
Unterschiedliche Meinungen gab es schon immer. Warum müssen wir das Streiten nun neu lernen?
Eppert: Wir leben in einer Gesellschaft, in der laufend Informationen vermittelt und geteilt werden. Oftmals unvollständig. Da liegt es in der Natur der Sache, dass es mehr Konflikte gibt. In aller Welt gibt es Kriege und Krisen, die auch in den Kommunen verhandelt werden. Ein Beispiel dafür ist der Nahostkonflikt, der vor Ort in Städten und Gemeinden für Betroffenheit, Polarisierung und Konflikte sorgt
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister erleben zunehmend Aggressionen und Angriffe. Ist das die neue Normalität?
Eppert: Grundsätzlich ist die Bereitschaft, sich rücksichtsvoll und solidarisch zu verhalten, in der Gesellschaft sehr hoch. Ich beobachte jedoch, dass der Umschwung von einem zivilen Miteinander hin zu Aggressionen heute viel schneller kommt als vor einigen Jahrzehnten. Menschen sind zunehmend darauf eingestellt, angegriffen zu werden, und daher selbst schnell in einer Verteidigungs- und Schutzhaltung. Dabei geht es nicht unbedingt um einen tätlichen Angriff, sondern auch um verbale Übergriffe. Opfer dieser Gewalt sind in erster Linie vulnerable Gruppen, also unter anderem People of Colour, Obdachlose, Menschen mit Behinderungen und auch Frauen.
Fücker: Ich würde Kommunen raten, sich mit Blick auf solche Konfliktlagengut aufzustellen. Das kann bedeuten, dass es Anlaufstellen bei Problemen gibt, dass man sich mit anderen Städten austauscht und dass bei Veranstaltungen durch die Moderation entsprechende Grenzen gesetzt werden. Das alles ist umso wichtiger, weil sich in der Kommunalpolitik viele Menschen ehrenamtlich engagieren, die bei diesem Thema selbst meist über wenig Erfahrung verfügen.
Ist der raue Ton aus den sozialen Medien im Alltag angekommen?
Eppert: Das mag eine Rolle spielen, aber die Ursachen von Aggressionen sind komplexer. Um nur einen Punkt zu nennen: Wir leben in einem Land, in dem die soziale Ungleichheit strukturell immer mehr zunimmt. Armut stellt eine Bedrohung für die eigenen Lebenschancen und letztlich auch körperliche Unversehrtheit dar. Das zeigt sich auch in den steigenden Zahlen von Erwachsenen und Kindern mit psychischen Erkrankungen. Diese Prekarität führt dazu, dass wir als Einzelne und kleinere Kollektive in einer Konfliktsituation oftmals nicht so besonnen reagieren können wie Menschen, denen es richtig gut geht.
Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 4/2025 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Wa(h)re Schönheit“.
Frau Fücker, Sie haben zu Nachsicht und Vergebung promoviert. Würde uns allen etwas mehr davon gut tun?
Fücker: Ganz so einfach ist das nicht. Um zu vergeben, braucht es gute Gründe. Und es gibt ebensolche Gründe, das nicht zu tun; gerade wenn es um psychische oder körperliche Gewalt geht. Verzeihen ist etwas, zu dem Menschen bereit sein müssen.
Interview: Annette Kiehl
ConflictA an der Universität Bielefeld
Die bundesweit erste universitäre Konfliktakademie ConflictA wurde 2023 an der Universität Bielefeld gegründet. Initiator ist der Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick. Die Soziologin Dr. Kerstin Eppert ist die wissenschaftliche Leiterin. Die Soziologin Dr. Sonja Fücker forscht dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur kommunalen Konfliktbearbeitung. Gefördert wird die ConflictA durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.