Rechtsanwalt Wilhelm Spiegel in Uniform im Garten seines Hauses in Kiel mit Frau, Schwiegereltern und Kindern, ca. 1916. Foto: Privat
05.08.2021

Glück und Tragik

Die jüdische Familie Spiegel war lange in Westfalen ansässig. Heute ist sie in alle Welt verstreut.

Das Ende kam am 12. März 1933. In dieser Nacht, gegen 1.45 Uhr, wurde der der 57 Jahre alte Rechtsanwalt Wilhelm Spiegel in seiner Villa in Kiel mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Es war ein politischer Mord, eine Hinrichtung. Die Täter, zwei SA-Männer, entkamen unerkannt. Sie wurden nie für ihre Tat zur Verantwortung gezogen. Spiegel war Jude und er war ein leidenschaftlicher Demokrat, der die Republik von Weimar gegen ihre Verächter noch in ihrem Untergang bis zum bitteren Ende verteidigte. Ein Jahr zuvor hatte er tollkühn Hitlers Erscheinen vor dem Landgericht in Kiel beantragt mit der Begründung, dieser bereite einen Bürgerkrieg vor. Das vergaßen ihm die Nationalsozialisten nicht.

Wurzeln in Gelsenkirchen

Spiegel wurde 1876 als ältestes von vier Geschwistern in Gelsenkirchen geboren. Seine Eltern, Theodor und Rosa, betrieben hier ein gut gehendes Textilgeschäft. Die Familie war seit Jahrhunderten in Westfalen ansässig. Der erste namentlich bekannte Vorfahr war wohl David Feidel in Hovestadt, der dort um 1750 lebte. Dieser Feidel (oder möglicherweise sein namentlich unbekannter Vater?) war offenbar Berater und Financier des Grafen von Plettenberg, der für den Ausbau seines soeben erworbenen Wasserschlosses und die Anlage eines ausgedehnten französischen Gartens erhebliches Kapital benötigte. Im Gegenzug gewährte der adelige Herr dem Juden, der in unmittelbarer Nähe des Schlosses 1774 ein großes Haus erbaute, Schutz und verschiedene Privilegien. So waren beide in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis miteinander verbunden.

Als Napoleon Westfalen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinen Machtbereich integrierte und den Juden die bürgerliche Gleichstellung brachte, ordnete er zugleich die Annahme fester Familiennamen an. Der Familienrat entschied sich für den Namen Spiegel. Ob dieser Name aus dem Frankfurter Ghetto abzuleiten ist, wo es neben dem Haus der Rothschilds auch eines „Zum Spiegel“ gegeben haben soll, lässt sich ebenso wenig belegen wie die Vermutung, die Familie gehörte zu jenen Juden, die im Zuge der großen mittelalterlichen Pogrome aus den urbanen Zentren an Rhein und Main ins ländliche Westfalen vertrieben wurden. Der christliche Furor hatte sie zu Parias gemacht, die sich am Rande der Gesellschaft in minderen Berufen durchschlagen mussten, da ihnen der Zugang zu zünftigen Tätigkeiten verboten war.

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Von Generation zu Generation vermehrte die Familie ihren Wohlstand, aber sie engagierte sich auch im sozialen Bereich und in gemeindlichen Angelegenheiten. Meyer Spiegel, 1805 geboren, übernahm die höchst verantwortliche Aufgabe des Mohel in einem großen Bezirk rund um Hovestadt: Ihm oblag die Beschneidung neu geborener Söhne am achten Tag nach der Geburt, wie es die religiöse Tradition verlangt. Die Ausübung dieser Tätigkeit setzte neben einer ruhigen Hand und medizinischen Grundkenntnissen eine im Glauben gefestigte vorbildliche Lebensführung voraus.

Meyer, der 1875 bei seinem Sohn Theodor in Gelsenkirchen starb, hat alle 194 Beschneidungen, die er in den Jahren von 1835 bis 1865 durchgeführt hat, in einem besonderen Buch dokumentiert. Dieses seltene Dokument befindet sich heute nach einer langen Odyssee im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten.

„Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“

Meyers Enkel Wilhelm, der so grausam aus dem Leben gerissen wurde, hatte zwei Brüder, Otto und Ernst, sowie eine Schwester, Meta, die später einen niederländischen Arzt heiratete. Das Ehepaar wurde im Oktober 1944 von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet. Otto war seinem Bruder nach Kiel gefolgt und machte sich dort als Kinderarzt einen Namen, Ernst wurde Syndikus in einer Kölner Papierfabrik. Dass die drei Söhne von Theodor und Rosa Spiegel allesamt erfolgreich akademische Berufe ergriffen, ist gewiss ein Beispiel für den Aufstiegswillen dieser jüdischen Generation im deutschen Kaiserreich.

Ja, sie hatten sich durch Leistung und Engagement Anerkennung verschafft. Sie sahen sich stolz als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Aber ihre Erfolge riefen auch Neid, Missgunst und, schlimmer noch, blinden Hass hervor. Der Antisemitismus in seinen verschiedenen Ausprägungen begleitete das Leben der Juden wie ein böser Schatten bis hin zum Holocaust.

Familienzusammenkunft 2018 in Scheveningen bei Den Haag. Foto: Annet van der Voort

Familienzusammenkunft der Spiegels 2018 in Scheveningen bei Den Haag. Foto: Annet van der Voort

Die Verfolgung hat die Überlebenden über die ganze Welt verstreut. Wenn sich die Spiegel-Familie in unregelmäßigen Abständen trifft – wie 2018 am Nordseestrand bei Den Haag – dann kommen sie aus Israel, den USA, aus Südafrika, Kanada, Australien und Großbritannien. Bilder und Erinnerungen werden aufgerufen und machen eine Geschichte lebendig, die weit zurückweist in das alte Westfalen.

Volker Jakob

Dieser Artikel ist im WESTFALENSPIEGEL 04/2021 erschienen.

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