Wiglaf Droste starb im Alter von 57 Jahren. Foto: Dirk Bogdanski/ Kulturgut Haus Nottbeck
27.09.2005

„Ich will die Wirklichkeit zuspitzen“

Die Auszeichnung Wiglaf Drostes mit dem höchsten westfälischen Literaturpreis ist eine mutige, aber die richtige Wahl. Die Juroren haben sich nicht beirren lassen. Auch wenn Droste wegen der polemischen Schärfe seiner Texte oft angefeindet wird, steht die hohe literarische Qualität seines Werks außer Frage.

Man greift nicht zu hoch, in diesem Autor einen legitimen Nachfolger Kurt Tucholskys, Karl Kraus‘, Joachim Ringelnatz‘ oder – bei den Reisebildern – Heinrich Heines zu sehen. Aus der gegenwärtigen deutschen Literaturszene fallen Vergleiche mit Robert Gernhardt oder Max Goldt ein. Droste kann es fraglos mit den größten deutschsprachigen Wort-akrobaten aufnehmen, und dies entspricht unzweifelhaft auch seinem Anspruch und Ehrgeiz. Viele halten den 1961 in Herford geborenen Autor sogar für den „zurzeit vielleicht besten, weil treffsichersten Satiriker Deutschlands“  (Christian Schmidt, Literaturwissenschaftler).

Ein unbequemer Autor

Und doch scheiden sich an Wiglaf Droste die Geister. Der Grund: Der Kolumnist ist nicht gerade zimperlich bei der Wahl seiner (sprachlichen) Waffen. Die Möglichkeiten, die ihm die Satire bietet, reizt er voll aus. Er liebt das Extrem und sagt seine Meinung geradeheraus. Dass er sich damit nicht bei allen beliebt macht, liegt in der Natur der Sache. Ihn selbst stört das aber nicht: „Ein Satiriker, der von allen gefeiert wird, steht im Verdacht, nicht allzu viel wert zu sein.“

Seine Kritiker nehmen ihn oft zu wörtlich und gehen ihm damit buchstäblich auf den Leim. Sie verkennen die Stilmittel und literarische Tradition einer Gattung, die Droste genau kennt und solide studiert hat. Er ist bestrebt, die Genres Satire und Polemik auf seine Weise produktiv weiterzuentwickeln, wobei sein Credo lautet: „Ich will die Wirklichkeit zuspitzen, um wahrhaftig zu sein.“ Der Leser – oder Zuhörer seiner vielen Lesetourneen -– ist dankbar für so viel Verve und Offensivgeist: Hier ist endlich jemand, der Farbe bekennt, statt langweilig herumzudrucksen. Und so viel ist klar: Nur durch einen hohen Grad an Professionalität kann es sich Droste leis-ten, seine Rolle auf diese Weise zu spielen. Ein fortwährender Drahtseilakt, der ihn zu Höchstleistungen geradezu zwingt.

Wiglaf Droste war nicht nur Satiriker, auch als Sänger trat er auf. Foto: Dirk Bogdanski/ Kulturgut Haus Nottbeck

Wiglaf Droste war nicht nur Satiriker, auch als Sänger trat er auf. Foto: Dirk Bogdanski/ Kulturgut Haus Nottbeck

Muss man aber so weit gehen, Papst und Klerus zu verhöhnen, die Frauenbewegung, die Ökos oder Politiker gleich welcher Couleur? Schaut man genauer hin, ist es vor allem fadenscheiniges Als-Ob-Gehabe, das Droste aufs Korn nimmt. Und natürlich unfreiwillige Komik, wie sie ihm auf Friedensdemos, beim Kirchentag, in deutschen Schlagern oder beim Zappen durch öde deutsche Fernsehlandschaften förmlich anspringt. Wann immer sich Pseudo-Getue selbstgefällig abfeiert, ist der Haudrauf zur Stelle und hält wortgewaltig dagegen. Mit dem bekanntermaßen wirkungsmächtigsten literarischen Instrument: dem Spott. Und dann kennt er wahrlich kein Pardon. Dann wird ketzerisch ausgeschlachtet, was die Feder hergibt. Droste teilt nach allen Seiten aus, mit einer Scharfzüngigkeit, die ihresgleichen sucht. Hier zeigt sich seine unbändige, oft übermütige Lust an der Formulierung – und ein spitzbübischer, eulenspieglerischer Hang, gern übers Ziel hinauszuschießen. Von seinen „Opfern“ fordert er – was diesen offensichtlich schwer fällt – weniger deutsche »Ehrpusselei« ein.

Der andere Droste

Daneben gibt es – und das darf nicht übersehen werden – einen Wiglaf Droste der leisen Töne. So erheischen beispielsweise jene Kegeltourdamen, die auf einer Wochenendsause mal so richtig auf die Pauke gehauen haben und denen er nun im Zugabteil begegnet, nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch sein Mitleid. Dann ist Droste niemand, der nachtritt und sich auf Kosten anderer amüsiert. Stattdessen stellt er die Frage nach der Ereignisarmut im Leben dieser Frauen, die offensichtlich ein Ventil für ihre Unterdrückung brauchen.

Hinter der rauen Schale verbirgt sich ein eher sensibler, verletzlicher Mensch. Der allerdings, wenn er mit den banalen Auswüchsen unserer Medien- und Eventkultur konfrontiert wird, rot sieht. Dann teilt er, siehe oben, aus – gnadenlos und ohne Wenn und Aber. Dabei sind die Werte, für die er streitet, oft fast konservativer Natur. Drostes Unwirschheit entzündet sich an einem Unbehagen an deutschen Zuständen, die einer drohenden kollektiven Entmündigung entgegensteuern. Hier will er, in bester deutscher Literaturtradition aufklären, Entfremdung rückgängig machen. Dagegen setzt er ein unbedingtes Bekenntnis zur Lebenskultur, wie er sie in anderen, bevorzugt südlichen Ländern kennen gelernt hat.

Im Mittelpunkt seiner Schelte steht immer wieder ein allzu sorgloser und naiver Umgang mit der Sprache. Er hört genau hin bei Verlautbarungen der selbst ernannten Medien- und Politikprominenz und entlarvt Floskeln, Worthülsen und verräterische Ausrutscher. Er hat sein Ohr am Puls der Zeit, durchaus nervös, hellwach, ein kritischer Beobachter, jemand der sich einmischt und dieses Einmischen zum Kern seiner literarischen und journalistischen Arbeit erklärt. In einem Interview bekannte er: „Wenn jemand in der Öffentlichkeit durch unablässige Repetition von Dummheiten auf sich aufmerksam macht, dann verstehe ich das als Einladung. Wie beim Tennis: Der hat seine Aufschläge gehabt, jetzt bin ich dran.“ Und: „Es gibt diese selbst gemachte Medienprominenz. Solche Leute können einem furchtbar auf die Nerven gehen, da entsteht bei mir so eine gewisse Abwehr- oder Notwehrhaltung. Grob gesagt: Man muss auch mal den Medienmüll heruntertragen, weil er sonst irgendwann die Wohnung füllt.“

Der Medienarbeiter

Wiglaf Droste Texte erschienen unter anderem in der "taz", der "Süddeutschen" und der "Zeit". Foto: pixabay

Wiglaf Droste Texte erschienen unter anderem in der „taz“, der „Süddeutschen“ und der „Zeit“. Foto: pixabay

Drostes „virtuos formulierte Notwehr“ hat ihm inzwischen auch das Lob der Literaturwissenschaft eingebracht, die Droste hohe sprachliche Virtuosität und Sensibilität attestiert. Er verfüge nicht nur über Witz, sondern auch über Charme, wurde von anderer Seite ergänzt. Der „Spiegel“ bescheinigte, dass der „Dirty Old Man“ ein Weltphilosoph von Rang sei. Es spricht für sich, dass Drostes Texte, die zunächst eher in der Underground-Szene anzusiedeln waren, inzwischen – außer auf der „Wahrheitsseite“ der „taz“ – auch in der „Frankfurter Allgemeinen“, der „Zeit“, im „Spiegel“ oder der „Süddeutschen“ zu finden sind. Was nicht heißen soll, dass sich hierdurch für den Autor etwas geändert hat. Er ist nach wie vor ein »Typ« geblieben, jemand, der sich nicht verbiegen lässt.

Das Urteil der Droste-Jury stellte auch die ungemeine Produktivität Drostes heraus. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher listet 71 Treffer auf, in der Hauptsache Bücher und Tonträger Drostes neben Projekten, an denen er beteiligt war, etwa „Best of Kult. Schriftsteller und Fotografen erklären die Welt“, „It’s a Zoni. Zehn Jahre Wiedervereinigung“ (mit Gerhard Henschel), „Johnny Cash revisited“ oder „Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht. Das Who’s who peinlicher Personen“. Daneben fungiert Droste – mit sonorer Stimme ausgestattet – als Hörbuchsprecher etwa der Krimis von Kinky Friedman oder einem Projekt mit dem Jazzmusiker und Karikaturisten Volker Kriegel. Zu erwähnen ist ferner ein Audio-Book, auf dem Droste dem französischen Aufklärer Voltaire seine Stimme leiht und dessen Roman „Candide“ (1759) kongenialisch rezitiert. In den Startlöchern ist ein Hörbuch, das er gemeinsam mit Harry Rowohlt realisieren möchte: Eine Sprechfassung von Christian Dietrich Grabbes groteskem Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“.

Der Wandlungsfähige

In diesem Jahr überraschte Droste mit dem veritablen Lyrikband „Nutzt gar nichts, es ist Liebe“. Die Kritik sparte nicht mit Lob: „Drostes Lyrik bindet den gerechten Zorn in eine Form … Es gibt derzeit nur wenige Autoren in Deutschland, die so scharfe Pointen setzen können und es tatsächlich schaffen, das komische Gedicht als Waffe zu gebrauchen.“ Droste beherrsche etwas, „das heutzutage keiner kann, aber jeder können will: das Gelegenheitsgedicht“. – „Wiglaf Droste gehört zur Satiriker-Bundesliga … Hier offenbart er sich als Poet mit Sinn für Nonsens und zärtliche Komik. Grandios sind auch seine lakonischen Prominentenverse.“ Und: „Einen wie Wiglaf Droste braucht die tiefschürfende deutsche Dichterseele. Seine Verse lüften den Kopf gar wohltuend aus.“ Drostes anmutige Gedichte dürften all jene Lügen strafen, die glauben, den Autor abstempeln zu können. Der Absatz seiner Bücher kann sich übrigens sehen lassen. Er liegt zwischen 6000 und 20000 Exemplaren pro Buch bzw. Audiobook.

Die Wandlungsfähigkeit Drostes beweisen auch drei CDs, die er mit dem „Spardosenterzett“ eingespielt hat. Bei „Für immer“ (2000) und „Wolken ziehn“ (2002) lernen wir Droste abgeklärt und lässig als Chansonier bei der Verwirklichung der Idee kennen, „seriöse akustische Abendunterhaltung weiterzuentwickeln“. Was man sich freilich nicht allzu harmlos vorstellen darf. Und surprise, surprise: Der Mann ist auch noch ein guter Sänger!

Wiglaf Droste verkörpert einen Berufsstand, der bisher bei Droste-Preisträgern kaum eine Rolle spielte: den eines literarischen Medienarbeiters. Hier zu bestehen, ist hartes Brot. Droste hat sich in diesem Metier durchgesetzt – ohne Anbiederung und ohne seinem Stil untreu zu werden. Im Gegenteil: Er hat einen eigenen Ton kreiert und unverwechselbar gemacht. Droste ist inzwischen sein eigenes Markenzeichen. Erreicht hat er dies durch eine gewisse – vielleicht sogar westfälische – Sturheit und eine vitale Lust an der Literatur. Sein jüngstes, erst in diesen Tagen erschienenes Audiobook trägt übrigens den Titel „Westfalian Alien“. Es sei hiermit unbedingt zum Kauf empfohlen – eine gute Gelegenheit, den Autor in Höchstform kennen zu lernen.

Walter Gödden

Dieser Beitrag stammt aus dem WESTFALENSPIEGEL Heft 05/2005

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