Hier fühlen sich die Schweine "sauwohl". Im Stroh können sie wühlen. Foto: Jürgen Bröker
28.05.2019

„In die Zange genommen“

Landwirte sehen sich aktuell vielen Herausforderungen gegenüber. Sie müssen wirtschaftlich arbeiten und sehen sich gleichzeitig mit Forderungen nach mehr Tierwohl, umweltgerechter Produktion und mehr Klimaschutz konfrontiert. Im Interview erklärt Prof. Dr. Wolf Lorleberg, Dekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft an der Fachhochschule Südwestfalen in Soest, wie Landwirte damit umgehen können. 

Herr Lorleberg, stecken die Landwirte in einer der schwierigsten Phasen der vergangenen Jahre?
Ja, sicher! Die Landwirte fühlen sich wirklich in die Zange genommen zwischen dem Druck des Marktes einerseits und den gesellschaftlichen Anforderungen andererseits. Viele sehen sich zunehmend an den öffentlichen Pranger gestellt. In einzelnen Gesprächen stelle ich fest, dass einige Landwirte keinen Spaß mehr an ihrem Beruf haben, dass sie selbst überlegen aufzugeben oder aber ihren Kindern davon abraten, diesen Beruf zu ergreifen.

Wie können sich die Landwirte aus diesem Dilemma befreien?
Das ist schwierig und eine Patentlösung gibt es nicht. Die Lösungen sind sehr individuell. Zum Beispiel können entsprechende Produktions- und Geschäftskonzepte, die eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung haben, helfen. Der Schlüssel liegt darin, ein ethisch und ökologisch hochwertiges und faires Produkt herzustellen und trotzdem die Kosten zu decken. Man muss Kunden und einen Markt finden, die das entsprechend vergüten.

Kühe in einem Stall auf Haus Düsse in Bad Sassendorf. Foto: Jürgen Bröker

Kühe in einem Stall auf Haus Düsse in Bad Sassendorf. Foto: Jürgen Bröker

Wie gelingt das?
Nun zum Beispiel durch die Umstellung der Vermarktung. Statt auf Masse zu setzen, kann man einen Weg wählen, der einen näher an den Verbraucher bringt. Zum Beispiel durch eine Direktvermarktung. Aber auch bei Zukunftsinvestitionen können die Landwirte umsteuern: Wenn man einen neuen Stall benötigt, kann man direkt in ein tiergerechtes Konzept investieren, das z.B. mit einem Tierwohllabel oder anderem Gütezeichen konform geht. Auch so kann ich meine Vermarktungsstellung verbessern.

Sie haben viel mit jungen Menschen zu tun, die sich trotz aller Schwierigkeiten für den Beruf des Landwirts entschieden haben. Was treibt diese Menschen an?
Vor einigen Jahrzehnten hieß die Antwort: Sie werden Landwirt, weil die Familie es wünscht. Da gab es teils einen enormen Druck, den Hof, die Familientradition fortzuführen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute dürfen die jungen Menschen frei entscheiden. Und sie tun das ganz bewusst. Sie schätzen die Lebensform Landwirtschaft, mit der sie aufgewachsen sind. Für die meisten ist das spannend. Fast alle von ihnen sind gerne draußen, lieben Pflanzen und Natur, sind sich für körperliche Arbeit nicht zu schade, gehen gerne mit Technik um und haben keine Scheu vor freiem Unternehmertum.. Bei den Tierhaltern spielt die Liebe zu Tieren eine große Rolle! All das wird aber überlagert durch die Ungewissheit, ob der Beruf auch wirtschaftlich trägt. Denn als Landwirt muss man wissen, dass eben viel und alles passieren kann, bis die Ernte in der Scheune und das Geld auf dem Konto ist.

Wie kann konventionelle Landwirtschaft nachhaltig arbeiten?
Zunächst: Nachhaltig ist immer relativ! Es gibt keine landwirtschaftliche Produktionsform, die ohne den Verbrauch von Ressourcen auskommt. Es gibt nur nachhaltiger und weniger nachhaltig. Beim Ackerbau zum Beispiel sind Anbauformen weniger nachhaltig, wenn sie sich auf einseitige Fruchtfolgen stützen, durch die Art der Bodenbearbeitung Bodenleben und -strukturen schädigen, Erosion beschleunigen, Biodiversität gefährden oder Gewässer hoch belasten. Nachhaltiger sind bodenschonende Arbeitsweisen: Verzicht auf den Pflug, Direktsaatverfahren und angepasste erweiterte Fruchtfolgen mit „cleveren“ Pflanzenkombinationen, die pflanzenbauliche Probleme wie Krankheiten und Schädlinge schon im Vorfeld vermeiden. Wir müssen außerdem Wege finden, Pflanzenbausysteme ohne Herbizide wie Glyphosat zu betreiben.

Was ist mit dem Thema Gülle? 
Gülle nicht auszubringen wäre der falsche Weg. Die Kreislaufwirtschaft ist ja gewollt und sinnvoll. Aber wichtig ist, ohne klimaschädliche Emissionen nur so viel Gülle auszubringen, wie die Pflanzen auch verarbeiten können. Nur so können die Nitratbelastungen in den Gewässern und im Grundwasser reduziert werden.

Mit solchen Maschinen wird die Gülle auf die Felder gebracht. Sie sollen Geruchsemissionen minimieren. Foto: Uschi Dreiucker / www.pixelio.de

Mit solchen Maschinen wird die Gülle auf die Felder gebracht. Sie sollen Geruchsemissionen minimieren. Foto: Uschi Dreiucker / www.pixelio.de

Ist die Digitalisierung die erhoffte Wunderwaffe? 
Nein, gleichwohl eröffnet sie viele Möglichkeiten. Die digitalen Anwendungen sind innovativ und nicht umstritten, deshalb werden sie auch von der Politik hochgehalten. Aber: Die Digitalisierung alleine kann uns die Felder nicht frei von Schädlingen oder Krankheiten halten. Sie kann uns aber dabei helfen, punktgenau zu düngen oder zu behandeln. Dieses so genannte „Precision Farming“ rechnet sich in Großflächen-Betrieben, wie es sie in den neuen Bundesländern, in den USA und in Osteuropa gibt. Aber können wir auch Vorteile im Münsterland oder in der Soester Börde erzielen? Dieser Frage gehen wir aktuell nach.

Westfalen war einmal geprägt von vielen kleinen Höfen. Die Tendenz war in den vergangenen Jahre eher so, dass weniger Höfe immer größer wurden. Bleibt das so?
Die Landwirtschaft, die sich auf wenige Produkte der Massenproduktion spezialisiert hat, wird weiter wachsen müssen. Das ist eine Art ökonomisches Naturgesetz. Aber es gibt einen kleinen Trend dagegen. Die Betriebe, die auf Direktvermarktung, höherwertige Produkte und ideelle, vielfältige Leistungen setzen, können auch ohne ständige Vergrößerung bestehen. Man kann auch in der Wertschöpfung wachsen, nicht nur über die reine Masse.

Die Gesellschaft fordert von den Landwirten mehr für das Tierwohl, den Umwelt- und Klimaschutz zu tun. Zu Recht?
Natürlich darf die Gesellschaft das verlangen – aber besondere Leistungen müssen auch finanziert werden. Heute sind Lebensmittel stets verfügbar und günstig. Daran haben sich die Menschen gewöhnt. In Umfragen sagen die Menschen zwar, sie würden mehr für Lebensmittel bezahlen, wenn diese umwelt- und tiergerechter produziert werden. Aber die Scannerdaten an den Kassen zeigen ein anderes Bild. Da geht günstig immer noch vor Tierwohl oder ökologische Erzeugung.

Es scheint so, als sei die Kluft zwischen Lebensmittelkonsument und den Landwirten als Produzenten dieser Lebensmittel nie so groß gewesen, wie heute. Lässt sich da gegensteuern? 
Ja, das ist tatsächlich eine bedauerliche Entwicklung. An der Informationslage liegt es nicht: Jeder kann heute nahezu alle Informationen über Lebensmittelerzeugung bekommen, die er haben möchte. Ich frage mich aber: Wollen die Leute überhaupt genau wissen, wie Lebensmittel produziert werden? Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir in der Schule das Thema Ernährungserziehung umfangreicher aufgreifen würden. Dabei kann man auch vermitteln, wie Lebensmittel produziert werden. Wer die Bedingungen kennt, unter denen Lebensmittel hergestellt werden und wer weiß, welcher Aufwand damit verbunden ist, der ist vielleicht auch eher bereit, mehr für Lebensmittel auszugeben.

Neue Ideen der Vermarktung: Bei der Solidarischen Landwirtschaft stützen die Verbraucher durch monatliche Beiträge den Landwirt. Foto: Jürgen Bröker

Neue Ideen der Vermarktung: Bei der Solidarischen Landwirtschaft stützen die Verbraucher durch monatliche Beiträge den Landwirt. Foto: Jürgen Bröker

Was sind die Themen, mit denen sich die Landwirtschaft in Zukunft beschäftigen muss?
Eine Frage wird sicher sein, mit welchen Methoden und Instrumenten wir Pflanzenschutz mit Rücksicht auf Biodiversität, insbesondere Insekten, durchführen können. Außerdem wird die Klimarelevanz der Produktionsverfahren immer wichtiger werden. Ich glaube, dass wir in 15 Jahren die Förderung in der Landwirtschaft ganz daran ausrichten werden, welche Auswirkungen die geförderte Produktion auf Klima und Umwelt hat. Auch die Einsparungspotenziale von CO2 und anderen Treibhausgasen werden zu einem sehr wichtigen Thema.

Was ist mit dem Fleischkonsum?
Sicher wird es auch bei der Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln Veränderungen geben. Ich erwarte allerdings nicht, dass sich vegane Ernährung als Massentrend durchsetzen wird, auch wenn der Anteil ihrer Befürworter in der Bevölkerung weiter steigt. Aber Fleisch könnte zunehmend in Laboren – d.h. „in der Petrischale“ – erzeugt werden. Der Fleischmarkt könnte sich spalten: Billige Kunstfleischprodukte für den Massenmarkt, daneben weiterhin Premiumprodukte aus natürlicher Haltung für zahlungskräftigere Verbraucherschichten.

Gewinnt die Landwirtschaft so die gesellschaftliche Akzeptanz zurück?
Das wird man sehen. Klar ist, dass wir daran hart arbeiten müssen. Für die Branche ist dies das wichtigste Thema für die nähere Zukunft. Aber sehen Sie: Wenn man daran arbeitet, moderne Tierhaltung tiergerecht und nachhaltig zu gestalten, haben Sie trotzdem weiter ein Problem mit Menschen, die gar keine Tierhaltung wollen. Noch ist nicht abzusehen, wie sich Meinungstrends und politische Gewichte diesbezüglich verschieben. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Agrarerzeugung mittelfristig radikalen Veränderungen unterworfen wird.

Interview: Jürgen Bröker

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