Prof. Dr. Michael Krüger, Sporthistoriker der Universität Münster. Foto: Jürgen Bröker
27.09.2019

„Wahrer Sport ist Liebhaberei“

Der Sporthistoriker Prof. Dr. Michael Krüger von der Universität Münster spricht im Interview über die Anfänge des modernen Sports und den Wandel bei der Motivation zum Sport im Laufe der Jahrhunderte.

Herr Prof. Krüger, was ist überhaupt „Sport“?
Die schwierigste Frage also gleich am Anfang (lacht). Der Sportbegriff ist inzwischen wirklich sehr weit gefasst. Deshalb mache ich in meiner Vorlesung immer die Unterscheidung in Sport im weitesten Sinne – also dem, was jemand selbst unter Sport versteht. Und dem Sportbegriff im historischen Sinn.

Also könnte auch der Weg zur Arbeit, den ich mit meinem Fahrrad zurücklege, unter die weite Definition fallen?
Wenn Sie sagen, das ist für Sie Sport, dann ist das Sport, genau. Aber diese weite Fassung des Begriffs ist ja wenig aussagekräftig. Daher unterscheide ich davon die Definition des Sports im engen und historischen Sinn. Diese Idee ging vom England des 19. Jahrhunderts aus: Gemeint ist eine Art von Leibesübung, die darauf abzielt, sich im Wettkampf zu bewähren. Der individuelle Wettbewerb ist hier ein entscheidendes Kriterium.

Wann haben die Menschen denn angefangen, Sport zu treiben?
Sport in Form von elementaren Leibesübungen wie Laufen, Springen, Werfen, Gehen, auch Tanzen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Schon die Athleten im alten Griechenland haben zum Beispiel Gymnastik gemacht. Natürlich war das auch Sport. Das gilt auch für die Gladiatoren-Kämpfe im römischen Reich. Und man kann den Bogen auch weiterspannen zu den Ritterwettkämpfen im Mittelalter.

Dabei hat man doch gerade vom Mittelalter die Vorstellung, dass es für so etwas wie Sport keine Zeit gab.
Das gilt sicher nicht für den Adel. Der hatte Zeit und Geld – übrigens sind das bis heute wesentliche Voraussetzungen für den Sport. Wer den ganzen Tag von morgens bis abends auf dem Feld arbeiten musste, der brauchte keinen Sport. Aber für die Ritter war Sport Alltag. Reiten, Fechten und Geschicklichkeitsübungen dienten allerdings nicht nur dem Vergnügen, sondern auch zur Wehrertüchtigung.

Sporttreiben verfolgt immer einen Zweck, sagt Prof. Dr. Michael Krüger. Foto: Jürgen Bröker

Sporttreiben verfolgt immer einen Zweck, sagt Prof. Dr. Michael Krüger. Foto: Jürgen Bröker

Wie hat sich im Unterschied dazu die Motivation zum Sport bis heute verändert?
Zur modernen Idee des Sports gehört, dass man sich in der Freizeit und zum Spaß bewegt. Dieses Sportverständnis, Sport aus Spaß, ist eine typische Gentlemen-Idee, eine aristokratische Idee. Die englischen Gentlemen, die reich waren und viel Zeit hatten, haben das zur Ideologie des Sports erhoben. Diese ist später auch in die olympische Idee und das Verständnis vom Amateursport eingegangen: Wahrer Sport ist nur der, der aus Spaß, aus Liebhaberei gemacht wird. Nicht weil man reich werden will, das ist man als Aristokrat ohnehin.

Wie konnte Sport dann aber zu einem Massenphänomen werden?
Das hat mit dem wachsenden Wohlstand der Nationen zu tun. Im 20. Jahrhundert veränderte sich die Gesellschaft. Auch die Arbeiter hatten ein gewisses Maß an Wohlstand. Außerdem ermöglichte ihnen die Einführung des Acht-Stunden-Tages, in der Freizeit Sport zu treiben.

Die frühe Turnbewegung in Deutschland verfolgte aber auch politische Ziele.
Das stimmt natürlich. Turnen hatte einen Zweck. Es ging um die körperliche Ertüchtigung, die Gesunderhaltung, auch um die Erziehung zum Beispiel zum Patriotismus oder zur Solidarität. Der instrumentelle Gedanke des Sports ist aber auch heute noch vorhanden. Die Menschen, die ins Fitnessstudio gehen, verfolgen ja auch einen Zweck. Sie wollen fit und dadurch erfolgreich sein, eine gute Figur haben, gut aussehen.

Was gibt es noch für Motivationen im Freizeitsport?
Die sind sehr unterschiedliche. Ein Freizeitsportler kann natürlich auch leistungsmotiviert sein. Aber auch das Thema Gesundheit spielt eine wichtigere Rolle, vor allem für Menschen im Alter von 50 plus und auch für Frauen.

Gibt es heute noch soziale Unterschiede?
Ja, das zeigen einige empirische Studien. Bildungs- und Sozialstatus spiegeln sich beim Fitness- und Gesundheitszustand wieder. In den Studien schneiden die Menschen aus bildungsfernen Schichten deutlich schlechter ab als Menschen aus bildungsnahen Schichten. Zeit und Geld sind weniger das Problem, zumal es ja auch Programme gibt, die Menschen entsprechend finanziell unterstützen. Ich denke da an „Bildung und Teilhabe“-Programme. Es fehlt eher das Bewusstsein für den Sport.

Welche Rolle spielen die Kommunen dabei, die Einwohner zum Sporttreiben zu motivieren?
Natürlich haben Städte und Gemeinden eine große Verantwortung. Aber die nehmen sie auch zum ganz großen Teil wahr. Es gibt umfassende Planungen in nahezu allen Kommunen im Bereich Sport. Man muss zusehen, dass man die Bewegung wieder in die Stadt holt. Das Aasee-Areal in Münster ist ein solcher idealer Bewegungsraum in der Stadt. Dort sieht man Radfahrer, Jogger und andere Aktive. Oftmals wird sogar auf bestimmte Trends reagiert. Denken Sie an die vielen Skaterbahnen, die man gebaut hat, um für die Jugendlichen in einer Trendsportart etwas anzubieten. Schwierig ist es nur in diesem Bereich, dass Planung und Realisierung oft länger dauern, als der Trend anhält.

Interview: Martin Zehren und Jürgen Bröker

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