Eigensinniger Poet: Hannes Wader, 1942 in Bielefeld geboren, blickt zurück. Montage: wsp
28.10.2020

Keine Kompromisse

Der in Bielefeld geborene Liedermacher Hannes Wader blickt in seiner Autobiografie „Trotz alledem. Mein Leben“ zurück.

Eine Szene aus dem Berlin der 1960er Jahre: Hannes Wader packt in einer Kneipe seine Klampfe aus, um für seine Freunde ein paar Lieder zu singen. In deutscher Sprache. Die ist damals verpönt, gilt als Sprache der Nazis, der Kriegstreiber. Während er spielt, geht ein anderer Gast zur Jukebox, wirft eine Münze ein und lässt einen anderen Song, womöglich der Beatles oder Rolling Stones, spielen. So laut, dass Wader seine Gitarre wieder einpackt. Keine Chance, gegen die Musikbox kommt er mit seinen nachdenklichen Liedern nicht an.

Wie ist die Szene einzuordnen? Hannes Waders Autobiografie „Trotz alledem. Mein Leben“ liefert uns die Erklärung. Damals war die Musikszene im Umbruch. Auf der einen Seite eroberte die Beatlemania die Welt, auf der anderen Seite wurden Singer-Songwriter wie Bob Dylan und Joan Baez auch in Deutschland bekannt. Und dann war da noch eine deutsche Liedermacherszene, die sich allmählich Gehör verschaffte, mehr oder weniger poetisch, mehr oder weniger klamaukig, mehr oder weniger politisch. Und dem Verdikt Lügen strafte, auf Deutsch könne man keine Songs schreiben, Deutsch sei unsingbar.

Wader wird zum neuen Star der Liedermacherszene

Ihre Protagonisten waren Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Ulrich Roski, Schobert und Black, Insterburg & Co. und eben Hannes Wader aus Bielefeld, der nach Berlin gekommen war, um dort sein Grafikstudium fortzusetzen, sich im Grunde genommen aber nur für Musik interessierte. Auch er war auf der Suche nach einem neuen, eigenen Ton. Er versuchte, in der Szene Fuß zu fassen, zunächst eher hilflos, dann aber zunehmend selbstbewusster, als Straßenmusiker, in kleinen Clubs, in Kneipen.

Dann folgte sein erster Auftritt auf dem Liederfestival Burg Waldeck. Seit 1964 traf sich dort die deutsche Folk- und Chansonszene. Wader hörte erst spät davon, zufällig, über eine entfernte Freundin. Und die kannte ausgerechnet den Organisator des Treffens, das jährlich Tausende Besucher zum ersten deutschen Open-Air-Festival lockte. Wader bewirbt sich und wird eingeladen. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Wader wird zum neuen Star der Liedermacherszene, ist plötzlich „in“. Bald tritt er in Hallen vor 3000 bis 5000 Besuchern auf. Ausverkaufte Tourneen, unter anderem mit Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, schließen sich an.

Immer wieder neue Wege

„Trotz alledem. Mein Leben“ erschien im Münchener Penguin Verlag. 592 Seiten. Zahlr. Abbildungen. 28 Euro. ISBN 978-3328600497

„Trotz alledem. Mein Leben“ erschien im Münchener Penguin Verlag. 592 Seiten. Zahlr. Abbildungen. 28 Euro. ISBN 978-3328600497

Waders Autobiografie rekapituliert die Etappen dieses Erfolgs. Sie blendet aber auch die vielen Kollateralschäden, die persönlichen Krisen, nicht aus. Wader bezeichnet sich selbst als notorisch Unangepassten, Suchenden, Getriebenen, permanent an Selbstzweifel Leidenden. Anpassung sei für ihn ein Fremdwort. Auch musikalisch war er stets eigensinnig. Er beschritt immer wieder neue Wege, die bei manchen Fans und erst recht bei seinen Plattenfirmen für Kopfschütteln sorgten.

Er wollte sich jedoch nicht festlegen lassen, weder als „Protestsänger“ noch in eine andere Richtung. Er wandte sich dem Volkslied zu, dem niederdeutschen Lied, dem Arbeiterlied und sogar dem Schubert’schen Kunstlied – und war fast überraschend mit alledem gleichermaßen erfolgreich. Um keinen Preis wollte er Kompromisse eingehen: „Ich beschließe – und werde mich von nun an immer daran halten –, beim Liederschreiben niemals kaufmännische Aspekte zu berücksichtigen. Scheiß auf Kommerzialität. Scheiß auf Sendbarkeit.“ In summa hat Wader rund 1500 Konzerte gegeben und 25 LPs bzw. CDs herausgebracht, die ihm unter anderem den Deutschen Musikpreis für sein Lebenswerk, den „Echo“, einbrachten.

Walter Gödden

Dies ist eine gekürzte Fassung der Buchbesprechung von Walter Gödden. Den gesamten Text lesen Sie im WESTFALENSPIEGEL 4/2020.
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