Der Wind steht wieder günstig für Udo Lindenberg. / Foto: Warner Music
14.03.2019

Keine Panik – Udo Lindenberg ist wieder auf Kurs

Mit 72 Jahren ist Udo Lindenberg angesagt wie nie. Durch die schwere Zeit davor haben ihn seine engsten Freunde gelotst, seine „Panikfamilie“.

Das Udoversum dehnt sich auch im fünften Jahrzehnt seiner Entstehung noch immer rasant aus. Ein neues Udo-Buch vom SPIEGEL-Autor Thomas Hüetlin, eine neue MTV-Unplugged-Aufnahme aus der Kampnagel-Fabrik, eine neue Tournee ab Mai durch die großen Hallen der Republik, davor sticht der „Rockliner 6“ noch in See, ein neuer Kino-Film über Udos junge Jahre von Regisseurin Hermine Huntgeburth – kurz: immer neue Projekte beleben, verwandeln, bereichern, bebildern und vervollständigen diesen Kosmos, den der bald 73jährige Udo Lindenberg mit scheinbar nie versiegender Energie befeuert.

Dafür sammelt er inzwischen Preise und Auszeichnungen im guten Dutzend. Mal fürs „Lebenswerk“ – was hier die Frage aufwirft: „Ja, für welches von allen?“ –,  mal als „Lebende Legende“ mit Verdienstorden, Museum, Denkmal und allem Drum und Dran. Dass er bis in diese Kategorien aufsteigen würde, darauf hätten manche Wegbegleiter vor gut zehn Jahren keinen Pfifferling gegeben, und im Rückblick gesteht er selbst ein, dass ihn der Alkohol in beinahe jeder Beziehung, physisch, psychisch und materiell, ruiniert hätte. 

Erneuerung der Lindenbergschen Ideenschmiede

Andererseits hat es in Udos Umlaufbahn immer Menschen gegeben, die fest an seiner Seite geblieben sind und auch in den größten Krisen an ihn geglaubt haben. An die Erneuerung der Lindenbergschen Ideenschmiede und an den Fortbestand einer großartigen Karriere, mit der Udo Lindenberg als Teil der Musikgeschichte seit den Anfängen in den 1970er Jahren unsterblich geworden ist.

Aus dem „Panikorchester“ von 1973, das der Sänger Udo mit dem Superhit „Alles klar auf der Andrea Dorea“ auf Erfolgskurs  brachte, ist über alle Höhen und Tiefen, über Ebbe und Flut, über Orkan und Flaute hinweg die heutige „Panikfamilie“ hervorgegangen. Es sind Matrosinnen und Matrosen, die ihren Käpt’n Udo lieben, verehren und umsorgen, und dass sie es gern tun, ist nicht zuletzt am Engagement und der Treue abzulesen, mit dem sie auf dem Lindenbergschen Schiff angeheuert haben, das wahlweise als stolzer Ozeandampfer durch die Wellen stampft oder als verrücktes Raumschiff ferne Welten erobert.

Doch es gibt nur wenige, die von sich sagen dürfen, dass sie Udo nah, sehr nah kommen. Er behauptet von sich selbst, er sei „schüchtern und zart besaitet“. Nicht im übermäßig strengen Sinne misstrauisch, doch wie sein Detektiv, den er als kleiner Junge in der Heimatstadt Gronau so gern im Rollenspiel mimte, sei er stets und überall auf der Hut.

Befreundet seit WG-Zeiten 

Eine, die das aus erster Hand bestätigen kann, ist die Hamburger Sängerin Inga Rumpf: „Udo lernte ich Ende 1968 im Jazzhouse kennen. Wir suchten damals mit den ‚City Preachers‘ einen neuen Drummer und Udo passte stilistisch gut zu uns. Er stieg dann Anfang 1969 bei uns ein, wohnte ein halbes Jahr in unserer WG in der Kleinen Reichenstaße“, erzählt sie und erinnert sich: „Oh ja, er war immer politisch interessiert. Wir diskutierten stundenlang über gesellschaftspolitische Themen der 60er Jahre: Frauenemanzipation, Frieden, Black Movement, Vietnam und Religion. Nach außen war er cool, innerlich aber äußerst sensibel und angespannt. Mit großer Leidenschaft und Ehrgeiz setzte er sein Anliegen durch. In unserer WG hat er sich vor Hausarbeit gedrückt. Das führte manchmal zu Diskussionen innerhalb der Band, aber weil er ein guter Musiker, Sänger und Songschreiber war, verziehen wir ihm seine Egozentrik.“ Für Udo ist Inga, die 1982 mit ihm auf der „Intensivstationen“-Tournee unterwegs war, bis heute eine „gute Freundin“. 

Aktuelles Album: MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik

Aktuelles Album: MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik. Cover: Warner Music

Diese Zuneigung gilt auch einer Frau, die ihn von seiner intimsten Seite kennt. Und das liegt nicht nur daran, das er einst in Unterhose vor ihr in der Tür stand. „Ich war damals 16 und suchte meine Freundin, die in der legendären WG von Udo, Otto und Westernhagen untergetaucht war“, lacht Niko Kazal. Inzwischen ist die „Zarin“, wie Udo sie ob ihrer russischen Attitüde getauft hat, seit nahezu 20 Jahren für Maske, Styling, Outfit und nicht zuletzt ‚Erste Hilfe‘ in allen Lebenslagen zuständig.

Treffen bei der Zarin

Wir treffen uns in ihrem Atelier in Hamburg St. Georg, direkt um die Ecke des Hotels Atlantic, wo Udo residiert. „Udo lässt sich gern betüdeln“, sagt Niko und ergänzt: „Wenn man so lange so eng miteinander verbunden ist, dann hat man ein Gespür für die Bedürfnisse des anderen.“ Aus anfänglicher Sympathie ist tiefe Freundschaft geworden, die weit über den Job hinaus geht. Es waren gute Zeiten, schlechte Zeiten. „Zwischen 7. Himmel und Geisterbahn“, sagt Niko Kazal, mit beiden Extremen nur zu gut vertraut. Heute schätzt sie besonders die Disziplin, die Udo an den Tag legt: „Alkoholfreies Bier, kein Nikotin, gesunde Ernährung, Muskeltraining und Dauerlauf um die Alster – Udo ist fitter als mancher 50Jährige.“ 

Es klingelt. „Das könnte er sein“, sagt Niko, „gegen Abend kommt er öfter mal auf einen Sprung rein.“ Das unverkennbare, näselnde „Hallöchen“ ist schon im Treppenhaus zu hören. „Oh, Herrenbesuch“, sagt Udo bei  einer herzlichen Umarmung. „Ach ja, Interview mit der ‚Zarin‘, tolle Frau.“ Niko hat die neuen Charts: „Du bist weiter an Nummer 1. Grönemeyer dahinter.“ Udo zwinkert unter seinem Basecap: „Cool, freut mich natürlich. Muss man ja auch mal sportlich sehen.“ Auf die Tour angesprochen, sagt Udo: „Die Mannschaft ist vollzählig an Deck und es wird viel getüftelt. Songs, Effekte, Technik und so. Und fliegende Nonnen. Doch, echt, fliegende Nonnen werden auch dabei sein.“

Andreas Linke

Album
MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik, mit Jan Delay, Andreas Bourani, Alice Cooper und Maria Furtwängler (Warner Music, auf CD Vinyl, DVD und BluRay)

Buch
Thomas Hüetlin und Udo Lindenberg: Udo. Kiepenheuer & Witsch,348 S., 24 Euro, ISBN 9783462050776

Tournee
Konzerte ab 31. Mai, darunter am 9. Juli in der König-Pilsener-Arena Oberhausen und am 12. und 13. Juli in der Dortmunder Westfalenhalle.

www.udo-lindenberg.de

Dieser Beitrag erschien im WESTFALENSPIEGEL Heft 1_2019.               

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