Eine Schachtel mit Briefen als Dokument der Trennung: Gertrud Reifeisen aus Dorsten schrieb viele Briefe an ihre Tochter Ilse, die 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt wurde. Die Eltern wurden im KZ ermordet. JMW – Leihgabe Elise Hallin. Foto: Moritz Brilo.
05.04.2022

„Kinder auf der Flucht“

Kindertransporte, mit denen jüdische Kinder aus dem NS-Staat ins Ausland gerettet wurden, stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten. 

Spätestens nach den Novemberpogromen 1938 war Juden in Deutschland, Österreich und den besetzten Gebieten der Tschechoslowakei bewusst, dass es für sie keine Zukunft mehr gab im „Deutschen Reich“. Viele jüdische Eltern schickten ihre Kinder ins Ausland, um sie zu retten. Die britische Regierung beschloss nach langen Verhandlungen, unbegleitete Kinder aufzunehmen. Innerhalb von weniger als einem Jahr wurden etwa 10.000 Kinder mit dem Kindertransport nach Großbritannien gerettet. Ungefähr nochmals so viele unbegleitete Kinder und Jugendliche fanden Aufnahme in Ländern wie Frankreich und den USA. Die Rettung war jedoch erst der Anfang eines langen Weges. Sehr viele sahen ihre Eltern nie wieder.

Ankunft in Holland: Ein Zug mit Kindern auf dem Weg nach Großbritannien. Foto: JMW

Ankunft in Holland: Ein Zug mit Kindern auf dem Weg nach Großbritannien. Foto: JMW

Die Schau „Kinder auf der Flucht“ zeigt die Geschichte am Beispiel von sechs Kindern aus Westfalen und dem Rheinland. Im Zentrum stehen ihre individuellen Erfahrungen und Erinnerungen auf der Flucht und in der neuen Heimat. Die Geschichten zeugen von Trennung, Schmerz und Einsamkeit, aber auch von Resilienz und manchmal von Chancen, heißt es vom Museum. Die Ausstellung wird mit einer Bild- und Videoinstallation um einen weiteren Aspekt erweitert. In ihrer Video- und Bildinstallation „Fractured Legacy“ befasst sich die kanadische Künstlerin Mia Weinberg mit der Geschichte ihres Vaters und dessen „zerbrochenem Vermächtnis“. Kurt Weinberg konnte 1939 aus dem ostwestfälischen Werther mit dem Kindertransport nach Großbritannien flüchten. Die Arbeit seiner Tochter illustriert die weitreichenden Folgen des Holocaust und die Erfahrung von Vertreibung und Flucht für die Nachkommen.

Die Ausstellung ist im Jüdischen Museum Westfalen vom 10. April bis 3. Juli 2022 zu sehen. Weitere Informationen hier.

wsp

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