Ein Kinderarzt untersucht einen Jungen. Foto: Pixabay
22.12.2022

Kinderärzte sauer auf Lauterbach

Die Kinder- und Jugendärzte der Region haben Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zum Rücktritt aufgefordert. Sie werfen dem SPD-Politiker Wortbruch vor.

Vor dem Hintergrund der Krise in den Kinderkliniken und Kinderarztpraxen hatte Lauterbach in einer Aktuellen Stunde am 15. Dezember im Bundestag gesagt: „Jede zusätzliche Leistung, die erbracht wird, wird voll bezahlt, sodass hier nicht über Gebühr am Rande der Erschöpfung gearbeitet wird und man das noch nicht einmal komplett bezahlt bekommt. Das schulden wir den Praxen. Daher setzen wir die Budgetierung für die Kinderkliniken und für die Praxen ab sofort aus.“ Bisher ist das finanzielle Budget der Kinderarztpraxen im Voraus festgelegt und gedeckelt. Für die Praxen bedeutet das: Behandeln sie mehr Patienten, als in diesem Budget vorgesehen, bekommen sie die Mehrkosten nicht erstattet.

Die Kinder- und Jugendärzte in NRW werfen dem Minister vor, sein Versprechen nicht halten zu wollen. Schließlich habe er noch am selben Tag einen Brief an die Kassenärztliche Bundesvereinigung und den Bund der Krankenkassen geschrieben, in dem er diese bitte, sich doch bis zum 20. Januar 2023 darauf zu einigen, dass die Kinder- und Jugendärzte jetzt oder später mehr Geld bekommen sollten. Sie werten das als Rückzieher Lauterbachs.

„Treten Sie mit Anstand zurück“

„Wenn Versprechen, die einmal gegeben wurden, nun nicht einmal mehr einen Tag lang gelten, dann gilt unsere Zusage, weiter für die Versorgung der Patienten zu sorgen, eben auch nicht mehr. Herr Lauterbach, Sie haben die Wahl: Halten Sie Ihr Versprechen und bezahlen Sie Leistungen, die erbracht werden, auch tatsächlich, oder treten Sie mit Anstand zurück, wenn Sie als Minister nicht die Macht oder den Willen haben, dies umzusetzen“, erklärt Dr. Marcus Heidemann, Landesvorsitzender des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Westfalen-Lippe.

Gemeinsam mit seiner Amtskollegin Christiane Thiele aus dem Landesverband Nordrhein droht Heidemann damit, dass die Kinderärzte ihr Versorgungsangebot deutlich zurückfahren und ab Januar Akutpatienten nur noch durch Notfallvertretungen in jeweils wenigen Praxen einer Region versorgen lassen könnten. Das Arbeiten zum Nulltarif habe jetzt ein Ende, heißt es weiter.

Situation wird sich noch verschärfen

Die Kinder- und Jugendarztpraxen sehen sich seit Wochen immer wieder mit neuen Infektionswellen konfrontiert, sagt Michael Achenbach, Pressesprecher der BVKJ Westfalen-Lippe, gegenüber dem WESTFALENSPIEGEL. Er hat selbst eine Praxis im sauerländischen Plettenberg. Über die Bitte des Deutschen Städtetages, die niedergelassenen Ärzte mögen doch angesichts der hohen Infektionszahlen ihre Praxen auch über die Feiertage länger geöffnet lassen, habe man nur kurz nachgedacht, erklärt er weiter: „Das haben wir abgelehnt. Weil wir ja jetzt schon ständig länger geöffnet haben. Noch mehr für nichts arbeiten, geht nicht.“

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Langfristig rechnet Achenbach damit, dass sich die Situation in den Praxen noch weiter verschärfen wird. „Die Babyboomer gehen bald in Rente. Nachfolger sind vielerorts nicht in Sicht“, sagt er. Zwar werden an einigen Hochschulen mehr Studienplätze angeboten. Doch dauere die Ausbildung zum Kinder- und Jugendarzt elf Jahre.

Und noch etwas gibt er zu bedenken. Die nachrückende Generation habe zu Recht andere Vorstellungen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Sie werden verständlicherweise nicht bis 21 Uhr in der Praxis sein wie viele der aktuellen Kolleginnen und Kollegen“, so Achenbach. Der tatsächliche Bedarf an neuen Ärzten dürfe daher nach der Zahl der ausscheidenden Ärztinnen und Ärzte berechnet werden, sondern nach deren Lebensarbeitszeit.

Notdienst ausgeweitet

Unterdessen teilt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe mit, dass man wegen des gestiegenen Patientenaufkommens in den Kinder- und Jugendarztpraxen vorübergehend die Kapazitäten im kinderärztlichen Notfalldienst erhöhe. „65 Haus- und Kinderarztpraxen haben sich kurzfristig dazu bereit erklärt, ab Heiligabend die Notfall-Versorgung zu unterstützen“, heißt es. Das Entlastungsangebot läuft zunächst bis Mitte Januar. Mehr Infos dazu gibt es hier.

jüb/wsp

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