Erol Sarp spielt am Flügel, Lukas Vogel (r.) verfremdet den Sound. Foto: Tonje Thilesen
27.08.2019

Klangwelten aus dem Flügel

Die „Grandbrothers“ haben einen einzigartigen Klaviersound entwickelt. Ihre Musik entsteht im Bochumer Probenraum. Das Duo spielt sie auf den Bühnen Europas. 

Schon Bach konnte mit den Tasteninstrumenten seiner Zeit Welten erschaffen, faszinierende, verästelte Architekturen bauen aus Klang. Nun wäre es vielleicht etwas hoch gegriffen, die Musik der Grandbrothers mit dem barocken Meister zu vergleichen. Aber auch Lukas Vogel und Erol Sarp lassen erstaunliche Landschaften entstehen aus Klängen, die man zwischen den Wänden eines Klaviers nicht vermutet hätte.

Handgemachtes Soundkonzept

Wenn die Grandbrothers auftreten, dann sieht die Bühne ein wenig aus wie ein Operationssaal – und der Flügel ist der Patient. Er hängt an Kabeln und verschmilzt mit Maschinen. Die Konstruktionen von Lukas Vogel, der den technischen Part übernimmt, bespielen nicht nur die Stahlsaiten und verfremden ihre Töne. Kleine Hämmerchen klopfen auch an die Innen- und Außenwände oder nutzen die Pedalstangen, um einen Beat zu kreieren, der Erol Sarps feines Spiel zwischen Pop, Minimal Music und Jazz anreichert und das Ganze wie aktuelle elektronische Musik wirken lässt.

Mit ihrem handgemachten Soundkonzept, das klingt, wie lange im Studio, an Synthesizern oder Laptops ausgetüftelt, haben sich die Grandbrothers einen Namen in der Musikszene gemacht, werden in einem Atemzug genannt mit Klavier-Erneuerern wie Hauschka oder Nils Frahm. Jetzt befinden sie sich allerdings an einem Scheideweg.

Aufwändige Verkabelung des Flügels macht den besonderen Sound der "Grandbrothers" möglich. Foto: Amos Fricke.

Die aufwändige Verkabelung des Flügels macht den besonderen Sound der „Grandbrothers“ möglich. Foto: Amos Fricke.

„Unsere ersten beiden Alben haben wir so aufgenommen, dass wir alles genauso live aufführen konnten“, erklärt Lukas Vogel. „Für das neue Album produzieren wir auch Sounds, die beim Konzert dann eingespielt werden.“ Das neue Konzept ist eine Weiterentwicklung, die den beiden auch viel Kopfzerbrechen bereitet, aber es ist keine Kehrtwende: Alle Sounds entstehen weiterhin auf der Grundlage von am Flügel erzeugten Tönen, aber sie werden jetzt gesampelt, noch weiter verfremdet, so dass man zum Beispiel auch mit satten, tiefen Bassfiguren spielen kann, wie es im aktuellen Clubsound Standard ist.

Auftritt im Schauspielhaus Bochum

Eigentlich haben die Grandbrothers ihre Form der Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten eines Klaviers nur für die Abschlussprüfung ihres Studiums der Bild- und Tontechnik in Düsseldorf erfunden. Dort hatten sie sich 2011 kennengelernt. Doch die rund 80 Besucher des Debütkonzerts waren so begeistert, dass die Musiker dachten: „Das kann nicht alles gewesen sein.“

Heute wird das Duo in Säle wie das große Haus des Schauspielhauses Bochum gebucht – oder noch eine Stufe drüber: die Royal Festival Hall in London oder auch die Hamburger Elbphilharmonie. Erol Sarp, der Tastenkünstler, lebt mittlerweile in Berlin, Lukas Vogel in Bochum. Nachdem sie sich Ideenschnipsel im Internet hin- und hergeschickt haben, treffen sich die beiden in ihrem Bochumer Probenraum, der auch Studio ist, um an neuen Aufnahmen zu tüfteln. Und schaffen so etwas Seltenes: in der ganzen Welt millionenfach gehörte Musikstücke „made in Ruhrgebiet“. 

Max Florian Kühlem

Dieser Beitrag stammt aus dem WESTFALENSPIEGEL Heft 4/2019.

Grandbrothers spielen am 4. Oktober, 20 Uhr, als Duo im Schauspielhaus Bochum. Weitere Infos zur Band finden Sie hier.

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