Das Museum Abtei Liesborn im Kreis Warendorf. Foto: Museum Abtei Liesborn
21.04.2022

Licht und Farbe in Liesborn

Liebermann, Macke, Nolde – das Museum Abtei Liesborn nimmt die Besucher der Ausstellung „Meisterwerke des Expressionismus aus der Sammlung Johenning“ mit in eine Welt aus Licht und Farbe. 

Mit „Alpenveilchen und Chrysanthemen“ erwachte bei Renate und Friedrich Johenning die (Sammel-)Leidenschaft für die Kunst. Im Jahr 1979 erwarben die Eheleute das leuchtend farbige Blumenaquarell von Emil Nolde, hängten das Bild in ihrem Wohnzimmer auf und erfreuten sich fortan an seinem Anblick. Neun Jahre später kamen drei weitere Nolde-Aquarelle hinzu, und von nun an wuchs die Sammlung des aus Oelde stammenden Kaufmanns und seiner Ehefrau jährlich um ein bis zwei Werke der klassischen Moderne. Jetzt ist sie erstmals vollständig öffentlich zu sehen.

Alexej von Jawlensky, Kiefern, ca. 1911, Foto: Renate und Friedrich Johenning Stiftung

Alexej von Jawlensky, Kiefern, ca. 1911, Foto: Renate und Friedrich Johenning Stiftung

Das Museum Abtei Liesborn zeigt 40 Meisterwerke von acht Künstlern – von Max Liebermann und Lovis Corinth über Paula Modersohn-Becker und August Macke bis zu Alexej von Jawlensky und eben Emil Nolde, dessen Arbeiten den Schwerpunkt der Sammlung ausmachen. Es ist eine Sammlung, die von den Johennings ohne jegliches Kalkül zusammengetragen wurde. Einzig ihr persönlicher Geschmack, ihre Liebe zur Kunst entschied über den Ankauf der Bilder, die 2018 in eine Stiftung übergegangen sind. Stiftungszweck ist es, die Werke später einmal Museen zu schenken, damit diese ihre Sammlungslücken schließen können.

Enge Verbindung zum Museum

Dass eine so bedeutende Privatsammlung im Museum Abtei Liesborn präsentiert wird, kommt nicht von ungefähr. Denn Friedrich Johenning hat eine besondere Verbindung zu diesem Ort: Von 1919 an war sein Vater Heinrich Bürgermeister im nahen Oelde, bis ihn die Nationalsozialisten 1933 aus dem Amt drängten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übte Heinrich Johenning dieses Amt erneut für kurze Zeit aus; nach ihm ist heute ein Platz in Oelde benannt. Zur Erinnerung an seine Eltern hat der in Düsseldorf lebende Friedrich Johenning dem Liesborner Museum bereits 2011 das Gemälde „Reitknecht am Strand“ von Max Liebermann geschenkt, das nun den Auftakt der Ausstellung bildet.

„Unter den Künstlern, die in Deutschland die Moderne einläuteten und sich damit radikal gegen die akademische Lehre der Malerei wandten, war Liebermann der älteste“, sagt Dr. Jutta Desel, stellvertretende Leiterin des Museums. Nicht nur die vom französischen Impressionismus geprägte Malweise, sondern auch die aus der Welt der einfachen Leute stammenden Bildmotive waren Ausdruck dieses künstlerischen Aufbegehrens: Als „Rinnsteinmalerei“ verhöhnten Kritiker zu jener Zeit Arbeiten wie Liebermanns „Zwei holländische Kinder“.

„Lesendes Mädchen auf dem Balkon“

August Macke: Lesendes Mädchen auf Balkon, 1910, Foto: Renate und Friedrich Johenning Stiftung

August Macke: Lesendes Mädchen auf Balkon, 1910, Foto: Renate und Friedrich Johenning Stiftung

Begeistert haben sich die Eheleute Johenning vor allem für Werke, die sich durch eine große Farbintensität auszeichnen. Herrschen bei Liebermann ebenso wie in den Kinderbildern von Paula Modersohn-Becker, die mit ihrer stark reduzierten Physiognomie vom Streben der Künstlerin nach Vereinfachung zeugen, noch eher dunkle Töne vor, so setzt sich bei August Macke die Freude und Experimentierlust an der Farbigkeit durch. Nach seiner Rückkehr aus Paris, wo er den Fauvismus kennengelernt hatte, malte er 1910 sein „Lesendes Mädchen auf dem Balkon“: Flächig trägt er hier die Farben auf, grenzt sie durch dunkle Linien voneinander ab und spielt mit Komplementärkontrasten.

Drei Jahre zuvor hatte Macke für einige Monate die Malschule von Lovis Corinth in Berlin besucht. Corinth selbst ist in Liesborn mit dem „Melonenstillleben“ vertreten, das ebenso wie das „Stillleben mit Äpfeln, blauer Schale und Kanne“ von Alexej von Jawlensky deutlich von Paul Cézanne beeinflusst ist. „Ich verstand, daß ich nicht das malen mußte, was ich sah, sogar nicht das, was ich fühlte, sondern nur das, was in mir, in meiner Seele lebt“, hat Jawlensky einmal sein Anliegen beschrieben, das rein Intuitive in eine künstlerische Form zu fassen. Zu den eindringlichsten Arbeiten der Ausstellung gehört sein stark stilisiertes „Heilandsgesicht: Seelische Melodie“ von 1922, das Jawlensky unbestreitbar als „wahrhaft modernen Heiligenmaler“ (Karl Schmidt-Rottluff) ausweist.

Die aktuelle Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai zu sehen.

Regina Doblies

Dieser Beitrag ist aus Heft 2/2022 des WESTFALENSPIEGEL. Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Gerne senden wir Ihnen im Rahmen unseres Probeabos zwei Ausgaben kostenlos zu. Klicken Sie dazu einfach hier.

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