„Sonnenfinsternis“ wird heute zu den grundlegenden Werken der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt. Foto: pixabay/Montage: wsp
25.05.2020

Meilenstein der politischen Literatur

Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ gibt es beim Coesfelder Elsinor Verlag erstmals in der deutschen Originalausgabe.

Eigentlich ja eine Todsünde. Schon auf der ersten Seite des Vorworts erfahren wir, welches Schicksal dem Romanhelden Nicolai Rubaschow widerfährt: Er wird brutal hingerichtet. Mindert ein solcher Spoiler nicht die Spannung? Bedurfte es überhaupt eines Romanvorworts, das ausführlich die Hintergründe des Werks erläutert? Die Frage ist mit einem unbedingten Ja zu beantworten. Ohne den erwähnten Vorspann ließe sich die Handlung von Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“ ungleich schwerer einordnen, und das nicht nur hinsichtlich des Romaninhalts, sondern auch mit Blick auf den literarischen Werdegang des Verfassers. Vor allem aber: Man würde nicht gewahr, welche Sensation die Neuauflage dieses Buches ist, dessen Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte einem Spionagethriller alle Ehre machen würde. 

Im Laufe des Romans wird Rubaschow dazu gebracht, Verbrechen zu gestehen, die er nie begangen hat. Offensichtlich bezieht sich Koestler hier auf die berüchtigten Schauprozesse, die Stalin 1938 und 1939 inszenieren ließ und in deren Verlauf führende Vertreter der Kommunistischen Partei spektakuläre, kaum glaubhafte Verfehlungen gegenüber ihrer eigenen Regierung einräumten. Die Foltermethoden ließen sich aber ebenso auch auf andere politische Systeme übertragen, beispielsweise das NS-Regime. „Sonnenfinsternis“ ist eine Parabel auf totalitäre Systeme, die, um ihre eigene Macht zu zementieren, vor keinem Verbrechen zurückschrecken. Das musste Koestler am eigenen Leibe erfahren. 1937 war er wegen seiner Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg inhaftiert worden und bangte in einer Gefängniszelle um sein Leben. Solche Erfahrungen fließen unmittelbar in den Roman ein. 

Weg zum Bestseller

Der 1905 in Budapest geborene jüdische Autor hatte zuvor als Ullstein-Korrespondent in Palästina und anschließend als Journalist in Paris und Berlin gearbeitet. 1931 trat er in die Kommunistische Partei ein und unternahm eine einjährige Reise durch die Sowjetunion. Er war zu dieser Zeit ein glühender Kommunist. Das änderte sich 1938 unter dem Eindruck der erwähnten Moskauer Prozesse. Im selben Jahr begann Koestler die Arbeit an „Sonnenfinsternis“. Als er den Roman 1940 abschloss, lebte er im Pariser Exil und stand unter Hausarrest. Seine englische Freundin, die Kunststudentin Daphne Hardy, fertigte damals eine englische Übersetzung an. Das deutsche Originalmanuskript ging verloren. Spätere deutschsprachige Ausgaben fußen auf fehlerhaften Rückübersetzungen aus dem Englischen.

Die englische Fassung stieß zunächst auf mäßige Resonanz. Sie öffnete jedoch jungen Intellektuellen die Augen, die mit dem Sowjet-Kommunismus sympathisierten. Es traf sie wie ein Schlag. „Wer kann jemals seine erste Lektüre von Sonnenfinsternis vergessen?“, schrieb der linksorientierte Labour-Vorsitzende Michael Foot in einer Rezension. Ein ähnliches Urteil fällten Intellektuelle in Frankreich, das gerade einen politischen Linksruck erlebte.

Zwei Millionen Exemplare in zwei Jahren

Von einer französischen Übersetzung, die im Frühjahr 1946 in den Handel kam, wurden im ersten Monat 70.000 Exemplare verkauft. Binnen zwei Jahren waren es zwei Millionen Exemplare, ein absoluter Rekord im französischen Verlagswesen. Der als sicher geglaubte Sieg der Kommunisten wurde durch Koestlers Roman möglicherweise vereitelt. Der Koestler-Biograf Michael Scammell: „Gerüchten zufolge soll eine kommunistische Abordnung damals sogar versucht haben, den Verlag zum Produktionsstopp zu überreden, und Parteimitglieder wurden angeblich in Buchhandlungen gesichtet, wo sie alle verfügbaren Exemplare aufkauften.“ 

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Auch in den USA sorgte der Roman für Furore, nicht zuletzt dank einer begeisterten Besprechung im „Time Magazine“. Als nach dem Krieg eine neue Ausgabe des Romans auf den Markt kam, explodierten die Verkaufszahlen. Koestler, der inzwischen in England lebte, wurde 1946 bei einem Besuch in Frankreich wie ein Held empfangen. Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus feierten ihn als Bruder im Geiste des Existenzialismus. Auch in den USA bereitete man Koestler einen enthusiastischen Empfang. Als er an Bord der „Queen Mary“ in New York eintraf, waren nicht die Mitreisenden, der berühmte Polarforscher Admiral Byrd, die Hollywood-Legende Clark Gable oder der Jazz-Star Dizzy Gillespie, die „Berühmtheit des Tages“, sondern eben Koestler, der in den USA zu einem gefeierten Vortragskünstler avancierte. Das Publikum war begierig auf Enthüllungen über Stalin und die Sowjetunion. Binnen weniger Jahre wurde „Sonnenfinsternis zu einem in 30 Sprachen übersetzten internationalen Bestseller und Koestler zu einem der einflussreichsten Journalisten seiner Zeit.

Originalmanuskript in Zürich aufgefunden

„Sonnenfinsternis“ wird heute zu den grundlegenden Werken der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt. In einem Ranking der Redaktion der US-amerikanischen „Modern Library“ wurde Koestlers Titel „Darkness at noon“ auf Platz acht der hundert bedeutendsten englischsprachigen Romane gesetzt. „Sonnenfinsternis“ blieb jahrelang ein internationaler Bestseller.

Dabei stützte man sich im deutschsprachigen Bereich auf die erwähnte, fehlerbehaftete Rückübertragung aus dem Englischen. Erst 2015 gelang es einem Studenten der Universität Kassel, das Originalmanuskript in einem Züricher Archiv aufzufinden. Dieser Fund wurde zur Grundlage einer Neuausgabe des Werks im Coesfelder Elsinor-Verlag. Der Fund hatte damals, mitinitiiert durch einen ausführlichen Bericht in der FAZ, auch das Interesse großer Verlagshäuser geweckt, die aber das Nachsehen hatten.

Vorstellung des Buchs im „Literarischen Quartett“

„Sonnenfinsternis“ umfasst 256 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3942788403

„Sonnenfinsternis“ umfasst 256 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3942788403

Auf Nachfrage erläuterte Verlagsleiter Thomas Pago: „Ich wollte ‚Sonnenfinsternis‘ damals eigentlich nur selbst unbedingt lesen, weil ich immer wieder darauf gestoßen war, und hatte über etwa zwei Jahre festgestellt, dass die im Buchhandel angekündigte Nachauflage offenbar ausblieb; ich habe dann einfach die zuständigen Agenturen in London ausfindig gemacht und etwas tollkühn nach den Rechten gefragt. Erwartet hatte ich natürlich eine Absage, stattdessen aber hatte man dort gar kein Problem damit, einen Vertrag zu erträglichen Konditionen mit dem unbekannten kleinen Verlag Elsinor abzuschließen.“

Die nun vorliegende Originalfassung des Textes entfacht ein neues Interesse an dem Roman. Vor allem die Vorstellung des Buchs im „Literarischen Quartett“ trug zu einer Renaissance bei. Thomas Pago: „Und es gab viele Anrufe von BuchhändlerInnen, die sich einfach freuten, dass mal wieder ein kleinerer Verlag einen so großen Titel präsentieren konnte.“ 

Walter Gödden

„Sonnenfinsternis umfasst 256 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3942788403
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Dieser Artikel erschien zuerst im WESTFALENSPIEGEL Heft 2/2020. Zur Inhaltsübersicht gelangen Sie hier.

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