Mut zum Risiko
Zum Start der Theatersaison: Was die westfälischen Bühnen ab Herbst zeigen. Unser Kritiker Stefan Keim gibt einen Überblick.
Schöner kann ein Übergang kaum sein. Hand in Hand stehen Michael Heicks und Nadja Loschky vor dem Publikum und nennen sich gegenseitig „Herzensmenschen“. Zwei Jahre haben sie das Theater Bielefeld gemeinsam geleitet. Nun übernimmt Nadja Loschky allein, verzichtet auf ein neues Logo und ähnlichen teuren Schnickschnack, will das Bewährte mit neuen Impulsen weiterführen. Das kann sie auch, denn was Michael Heicks in insgesamt 25 Jahren – davon 20 als Intendant – in Bielefeld geleistet hat, ist großartig. Viele neue Stücke und Ideen, große Publikumsnähe, ein hochklassiges Ensemble, das zum großen Teil beisammen bleibt – dafür steht Bielefeld. Und für spartenübergreifendes Arbeiten, Stücke, in denen Oper, Schauspiel und Tanz zusammenfinden. So ein Stück hat auch Nadja Loschky im Programm, bei „Kassandra“ nach Christa Wolf führt sie nicht nur Regie, sondern hat auch die Textfassung mit erarbeitet. Zum Saisonstart gibt es ein unbekanntes Musical, „Anastasia“, die Geschichte der verschollenen Zarentochter, nach einem märchenhaften Film. Die Inszenierung wird realistischer, getreu dem Bielefelder Spielzeitmotto „Unfassbar real“. Während Michael Heicks dem Haus als Regisseur erhalten bleibt und das Ehedrama „State of the Union“ von Nick Hornby inszeniert.
„Der goldene Drache“ am Theater Hagen
Deutlicher wird der Wechsel am Theater Hagen. Hier haben der scheidende Intendant Francis Hüsers und der ebenfalls aufhörende Generalmusikdirektor Joseph Trafton noch einen großen Erfolg mit der Uraufführung der Oper „American Mother“ gefeiert. Doch das Abschiedsbuch erregt Unruhe, weil einer der Autoren Hüsers Vorgänger Norbert Hilchenbach heftig kritisiert und im Gespräch mit der „Westfalenpost“ auch gleich seinen Nachfolger Søren Schuhmacher runtergemacht hat. Schlechter Stil zum Abgang, zumal die Auslastung immer weiter gesunken ist. Schuhmacher glaubt an die Oper und will neuen Schwung ins Theater bringen. Er startet mit dem zeitgenössischen satirischen Stück „Der goldene Drache“, bei dem das Publikum auf der Bühne sitzt, nah dran an den Sängern und dem Kammerorchester. Das gab es schon auf vielen Bühnen, aber noch nicht in Hagen, Im weiteren Verlauf der Spielzeit sollen unter anderem Leonard Bernsteins „West Side Story“ und Verdis „Traviata“ das Haus füllen.
Michael Schulz hat das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen verlassen, sein Nachfolger Frank Hilbrich fängt erst nächsten Sommer an. Doch Schulz hat die Spielzeit noch geplant, neben Klassikern wie Puccinis „La Bohème“ und Wagners „Fliegendem Holländer“ steht auch „Monty Python’s Not the Messiah“ nach dem Kultfilm „Das Leben des Brian“ auf dem Programm. Das Landestheater Detmold zeigt neben der „Traviata“ auch die sehr schöne Oper „The Wreckers“ von Ethel Smyth. Und hat mit „Das Glück ist eine Orange“ ein Musical über die erste deutsche Brauselimonade in Auftrag gegeben, ein Stück Detmolder Stadtgeschichte.
Elfriede Jelinek mit „Endsieg“ in Münster
Die Oper Dortmund will ihre Erfolgsserie unter anderem mit dem Musical „Grease“ fortsetzen, plant aber auch wieder Ur- und Erstaufführungen, die internationales Interesse erregen werden. Von der zu ihrer Zeit berühmten und heute fast vergessenen französischen Komponistin Clémence de Grandval gibt es die Oper „Mazeppa“, und die Komponistin Sarah Nemtsov hat im Auftrag des Theaters Dortmund den düsteren Science-Fiction-Roman „Wir“ von Jewgeni Samjatin vertont. In Münster versucht die Intendantin mit einem Best-Of-Spielplan aus „Traviata“, „Bohème“, „Liebestrank“, „Tristan und Isolde“ und einer Operngala Publikum anzulocken, während das Schauspiel einen zeitnahen Spielplan präsentiert. Elfriede Jelinek beleuchtet in „Endsieg“ das Erfolgsgeheimnis von Donald Trump, Milena Michalek erzählt Dostojewskis Roman „Der Idiot“ neu aus heutiger Sicht. Die Tanzsparte hat ebenfalls einige interessant klingende Projekte im Angebot.
Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 4/2025 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Wa(h)re Schönheit“.
Kritikerlob und Zuschauerflaute – in diesem Zwiespalt bewegt sich weiterhin das Bochumer Schauspielhaus. Intendant Johan Simons setzt wie Münster auf Dostojewski. Aus dem Roman „Der Spieler“ wird auf der Bühne „Spieler“, ein Gesellschaftsporträt. Sonst gibt es wenige bekannte Titel, Bochum bleibt risikofreudig, zum Beispiel mit dem portugiesischen Stück „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“. Das Prinzregenttheater Bochum erlebt unter der neuen Leitung von Sabine Reich eine große Umgestaltung. Statt Eigenproduktionen gibt es in Zukunft Gastspiele, die meist nur ein Wochenende lang gespielt werden. Nach einem „Marktplatz für utopisches Theater“ folgt zum Start die Performance „Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus“. Das Wolfgang Borchert Theater Münster hingegen setzt weiter auf ein eigenes Ensemble und einen literarisch orientierten Spielplan. Das Theater Paderborn wiederum startet mit George Orwells „Farm der Tiere“ und hat neben Kleists „Der zerbrochne Krug“ wieder viel Zeitgenössisches auf dem Spielplan. Die Theaterlandschaft Westfalens bleibt also reich und breit gefächert – mit einigen neuen Akteuren und Impulsen.
Stefan Keim