Nach 17 Jahren wechselt MiR-Intendant Michael Schultz nach Saarbrücken. Foto: Björn Hickmann, MiR
08.07.2025

Neue Blicke auf Klassiker

Michael Schulz hat das Musiktheater Gelsenkirchen geprägt. Nach 17 Jahren als Intendant verabschiedet er sich mit einem Konzert.

Die Opernlandschaft des Ruhrgebietes lässt sich mit Berlin vergleichen. Da gibt es zwei große Tanker – Essen und Dortmund. Wie in Berlin die Staatsoper Unter den Linden und die Deutsche Oper. Dazwischen gibt es in der Hauptstadt die Komische Oper, ein Ort für Witziges und Zeitgenössisches, für schräge Blicke auf bekannte Stoffe, ein bisschen lebendiger und stets dem Publikum zugewandt. So etwas ist das Musiktheater im Revier (MiR) Gelsenkirchen für das Ruhrgebiet. Okay, zum Ruhrgebiet zählen auch noch die Opern in Duisburg und Hagen – hier ist also sogar noch ein bisschen mehr los als in Berlin. In der Komischen Oper wie auch im MiR kommen aktuelle Themen auf die Bühne, Stoffe, die heute etwas zu sagen haben. Michael Schulz, der seit 17 Jahren Intendant am Musiktheater Gelsenkirchen ist und das Haus im Sommer verlässt, bestätigt diesen Eindruck: „Es geht mir immer um die Glaubhaftigkeit des Spiels, nicht nur um das Olympische des Gesangs.“ So hat er viele bekannte Stücke mit packenden neuen Regieideen inszeniert und inszenieren lassen, ohne dabei abzuheben. „Es kommen nur Stücke auf die Bühne, die eine gute Geschichte erzählen“, lautet sein Credo.

Rock-Opern und Puppentheater

Besondere Aufmerksamkeit erregte das Musiktheater mit Rock-Opern der Band Coppelius, Stoffe aus dem Geist des Steampunk. Wenn „Krabat“ oder der großartige „Klein Zaches genannt Zinnober“ nach Motiven von E. T. A. Hoffmann gespielt wurden, parkten rund um das Haus Autos mit Nummernschildern aus ganz Deutschland. Das war dampfendes, direktes, mitreißendes Musiktheater, in dem die Mitglieder der Band als Komponisten und Autoren fungierten, aber auch selbst auf der Bühne standen. Ebenso interessant ist gerade die Arbeit des MIR.LAB, einem mit Landesmitteln finanzierten Laboratorium, das mit vielen Leuten arbeitet, die sich sonst nicht für Musiktheater interessieren. In Gelsenkirchen Kunst zu machen, einer Stadt mit vielen Problemen, bezeichnet Michael Schulz auch als „gesellschaftliche Herausforderung. Aber genau darauf hatte ich große Lust. Ich wollte unter Beweis stellen, dass Gelsenkirchen lebenswert ist.“ Auch die Gründung einer Puppentheatersparte fällt in seine Amtszeit.

Natürlich muss ein Intendant auch und vor allem das Kerngeschäft bedienen. „Wir haben hier weiterhin ein klassisch informiertes Publikum, das auch andere Lesarten von bekannten Stücken akzeptiert“, sagt Michael Schulz. Und ist besonders stolz darauf, dass in Gelsenkirchen niemand nachhaltig sauer ist, wenn eine Aufführung mal nicht gefällt. Sondern einfach wiederkommt, denn beim nächsten Mal wird es wieder besser. Dieses gewachsene Vertrauen spürt man abends im Parkett.


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Michael Schulz hat noch drei Jahre Vertrag gehabt. Aber mit Ende 50 reizt ihn eine neue Herausforderung, das Saarländische Staatstheater Saarbrücken. „Da habe ich zum ersten Mal auch eine Schauspielsparte“, erklärt der Intendant. Das Musiktheater im Revier verlässt er nicht ohne Sentimentalität. „Es ist das vielleicht großartigste Theatergebäude, so etwas gibt es nirgendwo sonst.“ Damit meint Schulz die berühmten Schwämme von Yves Klein, die anderen in den Bau integrierten Kunstwerke, die Möglichkeiten der Bühne. Aber auch die Belegschaft, das Publikum, die Stadt. „In Gelsenkirchen geht es immer um was“, sagt der Intendant und nimmt viel Dankbarkeit und Applaus mit auf seinen Weg.

Stefan Keim

Unter dem Motto „Mach’s gut, Michael!“ findet am Sonntag, 13. Juli, eine Abschiedsgala für Michael Schultz am Musiktheater im Revier statt. Mit dabei sind unter anderem das Ensemble und die Neue Philharmonie Westfalen sowie ein Überraschungsgast. Es gibt noch ein paar Restkarten hier.

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