Judith Neuwald-Tasbach ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen. Fotos: Jürgen Bröker
05.05.2021

Schalom in Gelsenkirchen

Wie leben Juden heute in Deutschland? Ein Besuch in einer jüdischen Gemeinde mitten im Ruhrgebiet. 

„Mein Haus ist ein Haus der Gebete für alle Völker“ – so steht es außen an der Fassade des Jüdischen Gemeindezentrums Gelsenkirchen. Ein Spruch aus dem Buch Jesaja. Er steht für Offenheit, Toleranz, Freiheit. An diesem Ort mitten in der Innenstadt von Gelsenkirchen müssen Kameras darüber wachen, dass eben diese Werte eingehalten werden.

So ist es überall in Deutschland vor jüdischen Einrichtungen: Kameras und besonderer Schutz sind nötig. Mehrfach wurden die Scheiben des Gelsenkirchener Gemeindezentrums schon eingeworfen, viele Gemeindemitglieder setzen ihre Kippa ab und verstecken die Kette mit dem Davidstern unter der Kleidung, wenn sie auf die Straße gehen. „Die Angst nimmt zu, so wie der Antisemitismus zunimmt“, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Eigentlich haben wir die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen getroffen, um über jüdisches Leben mitten im Ruhrgebiet zu sprechen, über koscheres Essen vielleicht oder über die Feste, über die Musik. Doch lassen sich die Sorgen der Juden vor der Zunahme von Vorurteilen und der Angst vor Gewalt dabei nicht ausblenden. Bestimmen sollen sie das Gespräch aber nicht.

Synagoge als Zentrum der Gemeinde

Neuwald-Tasbach hat in den großen Gemeinderaum gebeten. Sie sitzt an einem langen Tisch. „Nach den Gottesdiensten essen wir hier oft gemeinsam“, sagt sie. Alte und Junge sind dann gemeinsam am Tisch, während draußen im Hof unter der Gedenktafel für die von den Nationalsozialisten deportierten Juden die Kinder spielen. Hier finden Gruppentreffen statt. Jugendliche tauschen sich aus, Kinder lernen Hebräisch, Konzerte und Aufführungen finden statt, es wird gesungen, gelacht, gelebt. Führungen durch das Gebäude enden hier oft bei einer Fragerunde. All das hat die Corona-Pandemie ausgebremst. „Die Synagoge ist ein Haus des Gebets, ein Haus der Versammlung und ein Haus des Lernens“, erklärt Neuwald-Tasbach. Sobald es die Pandemie zulässt, soll sie das auch in Gelsenkirchen wieder sein, soll das Gemeindeleben wieder hochgefahren werden.

Blick in den Gebetsraum der Synagoge in Gelsenkirchen. Fotos: Jürgen Bröker

Blick in den Gebetsraum der Synagoge in Gelsenkirchen. Fotos: Jürgen Bröker

Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen reicht weit zurück, bis ins 18. Jahrhundert. 1731 lebten dort etwa zehn Juden. Erst mit der Industrialisierung im Ruhrgebiet und der einsetzenden Zuwanderung kamen mehr Juden in die Stadt. Bis 1933 wuchs ihre Zahl auf rund 1600 an. „Es folgte der dramatische Einschnitt der nationalsozialistischen Verfolgung“, erklärt der Historiker Stefan Nies. Er ist maßgeblich an der Konzeption einer Wanderausstellung zum jüdischen Leben in Gelsenkirchen beteiligt, die von der LWL-Kulturstiftung gefördert wird. Von den 1600 Juden floh damals rund die Hälfte. Wer es nicht rechtzeitig schaffte, die Stadt zu verlassen, wurde verfolgt, verschleppt, ermordet.

Rückkehr in die alte Heimat

Nach 1945 kehrten die Juden nur langsam nach Gelsenkirchen zurück. Einer der ersten war Kurt Neuwald, der Vater von Judith Neuwald-Tasbach. Sie sei nach dem Krieg geboren, habe sich schwer damit getan, zu verstehen, warum ihr Vater in diese Stadt zurückgekehrt sei, in der er so viel Leid und Verrat erfahren habe, sagt die Gemeindevorsitzende. Die Antwort ihres Vaters darauf war stets: Er habe nicht gewollt, dass Hitler posthum Recht bekomme, und keine Juden mehr in Gelsenkirchen leben. Versöhnung war ihm ein wichtiges Anliegen.

Für junge Juden in Deutschland ist die Geschichte, die Erinnerung an die Schoa, die Ermordung von Millionen Menschen wichtig. „Das ist Teil unserer Geschichte. Und es ist wichtig, dass das nicht vergessen wird. Aber ich möchte nicht, dass jüdisches Leben darauf reduziert wird“, sagt Junna. Die junge Frau möchte zeigen, dass Juden in Deutschland leben wie Menschen anderen Glaubens auch. „Ich bin eine Studentin wie jede andere auch. Ich bin Teil der Gesellschaft in Deutschland.“

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Junna ist 20 Jahre alt. Sie studiert Wirtschaftspsychologie und engagiert sich seit 2017 in dem Projekt „Meet a Jew“. Dabei gehen Juden in Schulklassen oder treffen sich mit Initiativen, Vereinen und Parteien, um über das jüdische Leben ins Gespräch zu kommen. So sollen Vorurteile aufgebrochen werden oder im Idealfall gar nicht erst entstehen. „Diese Treffen sind immer wieder interessant, man wird mit spannenden Fragen konfrontiert“, sagt Junna. Welche Feiertage habt ihr? Wie betet ihr? Lebst Du koscher? Das sind nur einige dieser Fragen.

„Eine Käse-Schinken-Pizza esse sich nicht“

Die junge Jüdin sagt, dass es viele Arten gebe, das Judentum auszuleben. So wie es bei anderen Religionen auch der Fall sei. Sie selbst nimmt es mit koscherem Essen zum Beispiel nicht ganz genau. „Ich verzichte auf Schweinefleisch und achte darauf, dass ich Milchprodukte und Fleisch voneinander trenne. Eine Käse-Schinken-Pizza esse ich zum Beispiel nicht“, erklärt sie.

Das Judentum ist für Junna eng mit Tradition verknüpft. Ein Beispiel ist das Pessachfest. Es erinnert die Juden bis heute an den Auszug aus Ägypten. Weil das Volk damals das Land schnell verlassen musste, konnten die Juden den Teig für Ihr Brot nicht mehr säuern. Daher gibt es bis heute in dieser Festwoche nur ungesäuertes Brot. „Solche Traditionen verbinden uns mit unseren Vorfahren, sie erinnern uns an unsere Wurzeln“, sagt auch Neuwald-Tasbach. Über das Jüdische Jahr, in dem nun 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert werden, sind beide glücklich. „Wir können zeigen, das jüdisches Leben nicht exotisch und nicht neu ist“, sagen beide. Es gehört zu Deutschland.

Jürgen Bröker

Der Beitrag ist aus Heft 02/2021 des WESTFALENSPIEGEL. 

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