Rund 15.000 Studierende lernen und forschen an der FH Münster. Foto: FH Münster, Marek Michalewicz
29.07.2021

Selbstbewusst und ambitioniert

Vor 50 Jahren wurde mit den Fachhochschulen in NRW eine neue Hochschulgattung aufgebaut.  Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wie die „FHs“ mittlerweile offiziell heißen, sind eine Erfolgsgeschichte. Landesweit sind dort heute fast 250.000 Studierende eingeschrieben.

Nach den Wirtschaftswunderjahren wurden gut ausgebildete Fachkräfte benötigt. Die Fachhochschulen, von denen viele aus Ingenieurschulen hervorgegangen sind, sollten praxisnah und schnell ausbilden. Mehr Menschen wurde so eine akademische Bildung ermöglicht, und das auch in Städten und Regionen, die keine traditionellen Hochschulstandorte waren. Bildungsgerechtigkeit und Praxisbezug – diese Themen prägen die 19 öffentlichen und privaten Fachhochschulen in Westfalen nach wie vor, während die Universitäten sich stärker auf die Grundlagenforschung konzentrieren. 

Im Jubiläumsjahr präsentieren die Fachhochschulen ihre Leistungen und Innovationen, die immer wieder auch über die Campusgrenzen hinaus wirken. So kooperiert die Technische Hochschule OWL in zahlreichen Projekten mit der regionalen Wirtschaft. „Wir forschen zu Themen, die für die regionale Industrie aktuell sind, zum Beispiel in den Bereichen Big Data und Automatisierung“, sagt Prof. Stefan Witte, der im Fachgebiet digitale Kommunikationssysteme an der TH OWL forscht und lehrt.

An der TH OWL wird ein neuartiges Ein-Schienen-Fahrzeug entwickelt, das MonoCab. Grafik: TwoWest

An der TH OWL wird ein neuartiges Ein-Schienen-Fahrzeug entwickelt, das MonoCab. Grafik: TwoWest

Dazu zählt das Mobilitätsprojekt MonoCab, ein elektrisch betriebenes Ein-Schienen-Fahrzeug. „Das MonoCab soll ein Fahrzeug für den On-Demand-Modus werden, Fahrgäste können es ordern. Es ermöglicht auf eingleisigen Strecken einen Verkehr in beide Richtungen gleichzeitig und könnte auf stillgelegten Strecken eingesetzt werden, die für den konventionellen Bahnverkehr nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind“, beschreibt der Ingenieur das Vorhaben, für das der Landeseisenbahn Lippe e.V. als Ideengeber mit dem Deutschen Mobilitätspreis ausgezeichnet worden ist. Bereits im nächsten Jahr soll das Fahrzeug auf einem Streckenabschnitt im Kreis Lippe präsentiert werden.

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Selbstbewusst und ambitioniert treten die Hochschulen heute auf. Schließlich ist die Zahl der „FHs“ in NRW in den vergangenen 50 Jahren von 19 auf 43 gestiegen, die Zahl der Studierenden hat sich von rund 42.000 auf 247.784 nahezu versechsfacht. Knapp ein Drittel aller Studierenden in NRW ist an einer Fachhochschule eingeschrieben, zeigen aktuelle Daten des Statistischen Landesamtes.

Doch während die Zahl und auch die Bedeutung der Fachhochschulen in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben, hinken die Rahmenbedingungen immer noch hinterher, heißt es von FH-Wissenschaftlern kritisch in Richtung Politik. So seien die Forschungsbedingungen dort nach wie vor nicht angemessen, die Professoren haben oft wenig Ressourcen für die wissenschaftliche Arbeit. So sind die Hochschullehrer in der Regel verpflichtet, 18 Semesterwochenstunden zu unterrichten, da bleibt wenig Zeit für andere Bereiche. Zudem gibt es nur wenige Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, Promotionen sind bislang nicht ohne Weiteres möglich und auch der Zugang zu Fördertöpfen gilt für FH-Wissenschaftler als schwierig.

Prof. Dr. Ute von Lojewski, Präsidentin der FH Münster. Foto: Bröker

Prof. Dr. Ute von Lojewski, Präsidentin der FH Münster. Foto: Bröker

Besonders die fehlenden Promotionsmöglichkeiten sind ein Kritikpunkt. Für talentierte Absolventen sei diese Situation „unbefriedigend“, macht Prof. Ute von Lojewski, Präsidentin der FH Münster, im Interview mit dem WESTFALENSPIEGEL deutlich. Sie setzt sich für landesweites Promotionskolleg ein. „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten in diesem Rahmen gute Masterstudierende aktiv bis zur Promotion führen. Dieses Modell wird gerade vom Wissenschaftsrat begutachtet, und ich hoffe sehr, dass es bald umgesetzt wird“, sagt von Lojewski.

Viele Bewerber um Professorenstellen legten heute Wert auf Forschungsmöglichkeiten, berichtet die Präsidentin: „Wir brauchen Professorinnen und Professoren, die neben der Praxiserfahrung auch ein Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen mitbringen.“ Von Lojewski ist überzeugt: Solche Rahmenbedingungen seien auch eine Zukunftsfrage für die Fachhochschulen.

Annette Kiehl, wsp

Mehr zum Thema „50 Jahre Fachhochschulen“ und ein Interview mit Hochschulpräsidentin Prof. Dr. Ute von Lojewski lesen Sie im WESTFALENSPIEGEL 04/2021.

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