Antisemitische Schmierereien. Foto: Imago/Steffen Schellhorn
05.11.2020

„Sozialneid spielt eine große Rolle“

In den Medien häufen sich Berichte über Anfeindungen gegen Menschen jüdischen Glaubens. Ein Gespräch mit dem Gewalt- und Konfliktforscher Prof. Andreas Zick über Antisemitismus in Deutschland.

Im Oktober 2019 gab es einen schweren Anschlag auf die Synagoge in Halle. Nehmen judenfeindliche Einstellungen und Straftaten in Deutschland zu?
Alle Studien deuten darauf hin, dass Antisemitismus zunimmt. Er wird öffentlicher und tritt deutlicher in Erscheinung, was man zum Beispiel auch bei den Hygienedemonstrationen und Verschwörungsmythen sieht, und er wird handlungsorientierter: Terrorattentate wie in Halle sind immer das Ende eines längeren Radikalisierungsprozesses, der in bestimmten Milieus stattgefunden hat. Die meisten antisemitischen Taten jedoch gibt es im Internet, werden nicht gemeldet und tauchen in Statistiken gar nicht auf.

Wie ist die Situation in Nordrhein-Westfalen? Laut Landesregierung hat es 2019 im Land 315 antisemitisch motivierte Straftaten gegeben, darunter Beleidigungen, Schmähungen und Gewalt.
Wenn man sich die Polizeistatistiken ansieht, wird deutlich, dass Antisemitismus auch in Nordrhein-Westfalen zunimmt. Rechtsextreme Kreise und neurechte Milieus, die andere mit Antisemitismus anstecken wollen, sind hier sehr aktiv. Wir haben für NRW leider kein Monitoring, also keine genauen Daten von antidemokratischen und menschenfeindlichen Einstellungen inklusive des Antisemitismus. Ich plädiere sehr dafür, dass das Land solch ein Monitoring durchführt, um sich zu vergewissern und Präventionsmöglichkeiten auszuloten.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, in denen Judenfeindlichkeit besonders stark auftritt?
Es gibt keine Bevölkerungsgruppe, die vor Antisemitismus geschützt ist. Wenn wir in unseren Studien offene Formen des Antisemitismus messen, zum Beispiel die Zustimmung zu einem Satz wie „Der Einfluss der Juden ist zu groß“, dann sehen wir, dass offener Antisemitismus in den höheren Bildungsgruppen deutlich geringer auftritt. Wenn wir aber subtilere, verstecktere Formen des Antisemitismus untersuchen, verschwinden die Bildungsunterschiede. Gerade die versteckten Formen, die wir im Internet finden, kommen zum Teil von gebildeten Menschen aus dem bürgerlichen Milieu.

Wie zeigt sich „versteckter Antisemitismus“?
Zum Beispiel, indem wir Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht als Deutsche betrachten, sondern ihnen zuschreiben, anders zu sein, eine andere Kultur zu haben oder zu Israel zu gehören. In unseren Studien prüfen wir auch, ob Menschen Jüdinnen und Juden positive Eigenschaften wie Bewunderung oder Sympathie zuschreiben. Das kommt aus der Vorurteilsforschung, die sagt: Versteckt können wir andere auch abwerten, indem wir ihnen positive Eigenschaften vorenthalten.

Prof. Dr. Andreas Zick leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. In seinen Studien beschäftigt er sich unter anderem mit Vorurteilen und Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Foto: Universität Bielefeld/ Norma Langohr

Inwieweit geht Judenfeindlichkeit auch von Muslimen aus?
Wir haben in repräsentativen Umfragen keine signifikanten Unterschiede gefunden. Wenn es um den israelbezogenen Antisemitismus geht, haben muslimisch orientierte Menschen zwar höhere Werte. Die Frage ist nur, ob das auf ihre Religion zurückzuführen ist oder darauf, dass sie aus historischer Erfahrung gelernt haben, dass Israel immer eine Bedrohung für sie war. Israel wird als altes Feinbild oft mit antisemitischen Stereotypen verbunden. Aber die Differenzen zu Nicht-Muslimen sind nicht so dramatisch, wie wir das öffentlich diskutieren.

Was sind die Ursachen für Antisemitismus heute? 
Erstens werden Jüdinnen und Juden nicht als Teil unserer gemeinsamen Identität wahrgenommen. Sie tauchen nicht in unserem Bild von Zugehörigkeit auf. Zweitens sehen wir, dass jüdische Menschen immer wieder als wohlhabend und gebildet wahrgenommen werden, auch das ist eine stereotype Zuschreibung. Sozialneid spielt da eine große Rolle. Der dritte Faktor sind Defizite in der politischen Bildung. Und dann kommt noch hinzu: Wenn Sie sich in einer Gemeinschaft bewegen, in der ein hoher Antisemitismus die Norm ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie diesen annehmen, sehr groß. Das sehen wir in Verschwörungsgruppen, die erst zurückhaltend waren mit offenem Antisemitismus und für die der jetzt ganz wesentlich ist.

Wann beginnt Kritik an Israel antisemitisch zu werden?
Wir sprechen von antisemitischer Israelkritik, sobald wir einen Doppelstandard haben, dass man Israel für bestimmte Taten verurteilt, andere Länder jedoch nicht. Dann, wenn man dem Staat Israel das Recht auf eigene Existenz aberkennt. Auch bei historischen Vergleichen der israelischen Palästinenserpolitik mit der Judenverfolgung im „Dritten Reich“. Und wenn man Eigenschaften, die der Abwertung von Juden dienen, auf Israel projiziert. Oder wenn israelische Politik als jüdische Politik betrachtet wird und für das, was die israelische Regierung mit den Palästinensern macht, alle Jüdinnen und Juden in Israel in Haft genommen werden. Beinhaltet die Kritik an Israel keinen der genannten Punkte, ist sie in unserem Sinne nicht als antisemitisch zu bezeichnen.

Inwieweit unterscheidet sich heutiger Antisemitismus von dem der NS-Zeit?
Der sehr große Unterschied ist, dass der Nationalsozialismus den Antisemitismus von der Ideologie zum Gesetz gemacht hat. Und von der Ebene der vorurteilsvollen Abwertung auf die Ebene der Vernichtung gebracht hat. Dieser Antisemitismus war von der Idee getragen, dass Jüdinnen und Juden kein Recht auf Würde und Leben mehr haben. Diese Form von Rassismus wird in rechtsextremen Milieus weitertransportiert, die finden wir jetzt auf erschreckende Weise im Internet.

In NRW werden NS-Gedenkstätten jetzt verstärkt finanziell gefördert. Hilft das auch gegen Judenfeindlichkeit?
Die Stärkung der Erinnerungskultur ist sehr wichtig, weil Antisemitismus abnimmt, wenn sich Menschen mit Zeitzeugen beschäftigen und unmittelbar Kontakt zu Jüdinnen und Juden haben. Wichtig sind auch neue Formen digitaler Bildung, weil sich viele Menschen im Internet eine Einstellung zu Jüdinnen und Juden bilden und weil es immer noch viele gibt, die sich in der Schule nie mit Antisemitismus auseinandergesetzt haben. Eine besondere Herausforderung ist auch die Stärkung von Zivilcourage. Denn wenn bei Veranstaltungen, im Internet, in den Schulen, auf dem Arbeitsplatz antisemitische Äußerungen auftauchen, gibt es oft keine Gegenrede. Es sagt viel zu selten jemand: Das ist antisemitisch oder rassistisch.

Interview: Martin Zehren

In unserer Serie „Erinnerungsorte“ berichten wir über weitere Orte der Erinnerung und Menschen, die gegen das Vergessen arbeiten. Hier geht’s zur Serie.

Das Interview erschien zuerst in Heft 4/2020 des WESTFALENSPIEGEL. Gerne können Sie hier ein Probeabo bestellen.

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