Die "Langemarckstraße" in Münster-Mitte erinnert an die Schlacht von Langemarck 1914 in Flandern. Diese wurde von der NS-Propaganda ideologisch instrumentalisiert. Geplant ist, dass die Straße in Zukunft "Langemarkstraße" heißt, in Erinnerung an den belgischen Ort Langemark mit seinem Soldatenfriedhof als Weltkulturerbe. Foto: Zehren
03.12.2025

„Straßennamen haben viel mit Identität zu tun“

Im neuen Jahr entscheiden die Bürgerinnen und Bürger in einem Stadtbezirk Münsters, ob fünf Straßen umbenannt werden sollen. Wir haben den Münsteraner Politikwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Kersting gefragt, warum bei diesen Fragen oft heftig gestritten wird.

Herr Prof. Kersting, über die Umbenennung von Straßen wird immer wieder gestritten. Warum hat dieses Thema solch eine „Sprengkraft“?
Prof. Norbert Kersting: Wenn über eine mögliche Umbenennung von Straßennamen diskutiert wird, geht es häufig um den bürokratischen Aufwand, der auf die Bürgerinnen und Bürger zukommt. Tatsächlich spielen aber andere, emotionale Gründe eine viel stärkere Rolle. In verschiedenen Debatten, zum Beispiel bei der Umbenennung von Münsters „Hindenburgplatz“ im Jahr 2012, hat sich immer wieder gezeigt, dass Straßennamen viel mit Identität und Erinnerungen zu tun haben. Dementsprechend polarisiert sind hier die unterschiedlichen Gruppen.

Manche Straßennamen wurden über viele Jahrzehnte akzeptiert, heute sind sie aufgrund von Bezügen zum Nationalismus oder auch zum Kolonialismus umstritten. Welche Standards gelten hier eigentlich?
Das ist unter Umständen eine Gratwanderung. Man muss eine Person aus ihrer Zeit heraus bewerten und kann nicht unbedingt die heute geltenden Erwartungen an politisch korrektes Verhalten anlegen. Trotzdem gibt es einige Kriterien zur Orientierung. Beispielsweise, ob eine historische Figur federführend an Menschenrechtsverletzungen beteiligt war oder ob es sich um einen Mitläufer handelte, der seine Ehre aus anderen Bereichen gezogen hat. Das sind komplizierte Bewertungen. Daher würde ich empfehlen, Straßen nicht unbedingt nach Personen zu benennen.


In Münster-Mauritz sollen fünf Straßen umbenannt werden. Es geht um die Nähe der Namensgeber zum Nationalsozialismus. Rund 100.000 Bürgerinnen und Bürger im Stadtbezirk Münster-Mitte können am 8. Februar 2026 in einem Bürgerentscheid abstimmen, ob die Straßen neue Namen erhalten oder ihre bisherigen Bezeichnungen behalten. Initiiert wurde der Bürgerentscheid von der „Bürgerinitiative für Münsters Straßen“, die gegen eine Änderung ist. Sie warnt vor dem Aufwand, der mit einer Umbenennung einhergeht und fordert, dass Interessen der betroffenen Bürgerinnen und Bürger in die Entscheidung einbezogen werden.


 

Wenn der Konflikt nun da ist: Wie können Lösungen aussehen, um Frieden zwischen Befürwortern und Gegnern einer Umbenennung zu schaffen?
In Münster-Mitte wird es im Februar einen Bürgerentscheid zu Straßennamen geben. Das ist gewissermaßen das letzte Mittel, um einen solchen Konflikt zu klären. Ich sehe das in diesem Fall eher kritisch. Denn hier wird von rund 100.000 Bürgerinnen und Bürgern in einem Stadtbezirk über eine Frage abgestimmt, die in letzter Konsequenz die ganze Stadt betrifft und beschäftigt. Ein möglicher Kompromiss in solchen Fragen kann darin bestehen, dass Straßenschilder mit umstrittenen Namen ergänzt werden um eine historische Erläuterung der historischen Persönlichkeiten.

Und wenn eine Straße doch umbenannt wird – wird diese Entscheidung dann akzeptiert?
In den Jahren 2011/12 wurde in zahlreichen Städten über die Umbenennung von Straßen diskutiert und entschieden. Häufig ging es um Bezüge zum Nationalsozialismus. Die Erfahrung mit diesen Prozessen zeigt, dass sich Bürgerinnen und Bürger recht schnell an neue Straßennamen gewöhnen und diese für sich annehmen. Heute gibt es in Münster wohl nur noch sehr wenige Menschen, die sich den Hindenburgplatz zurückwünschen.

Interview: Annette Kiehl, wsp

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