Thorsten Nagelschmidt hat seinen Roman „Soledad“ in Kolumbien angesiedelt. Foto: S. Fischer Verlag / Alena Schmick
01.12.2025

Suche nach Identität

Zur Vorweihnachtszeit haben wir vier Buchtipps: darunter den fünften Roman eines der besten westfälischen Erzähler und eine Dokumentation, die Mut macht, von Lioba Werth. 

Selbstfindung am anderen Ende der Welt

Es geht um Identität, Sexualität, den richtigen Lebensentwurf, das Ankommen bei sich selbst, worum auch sonst? Der 1976 in Rheine geborene Schriftsteller und Musiker (Muff Potter) Thorsten Nagelschmidt lässt in seinem fünften Roman „Soledad“ zwei Charaktere aufeinandertreffen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Handlung spielt nicht in heimischen, sondern in exotischen Gefilden, in einem entlegenen Dorf im kolumbianischen Dschungel. Hier kreuzen sich die Lebensgeschichte des 69-jährigen Lodge-Betreibers Rainer und einer halb so alten Hamburger Fotografin, die nach einer schmerzhaften Trennung von ihrer Partnerin eigentlich nur für ein paar Tage bleiben möchte, ihren Aufenthalt dann aber, gefangen genommen von Rainers Lebensgeschichte, verlängert.

Nach seinem vielgelobten Berlin-Roman „Arbeit“ hat Nagelschmidt, ein genauer Beobachter menschlicher Psyche und sozialer Umstände, ein weiteres Werk vorgelegt, das Persönliches und Zeitgeschichtliches unangestrengt miteinander verwebt und den Leser unweigerlich in den Bann zieht. Einer der besten westfälischen Erzähler!  Walter Gödden

Frankfurt: S. Fischer Verlag 2024. 448 Seiten. 26 Euro

Lioba Werth: Wer älter wird, hat mehr vom Leben Foto: Coppenrath Verlag

Lioba Werth: Wer älter wird, hat mehr vom Leben Foto: Coppenrath Verlag

Altern als Chance

Ein Trostbuch? Ein Schönreden des Unabänderlichen? Auch das nicht. „Wer älter wird, hat mehr vom Leben“ von Lioba Werth ist eher eine Dokumentation in Form von Interviews über das, was interessante und ob ihres sozialen Engagements bewundernswerte Menschen im vorgerückten Alter so treiben. Und sie sind alle ausnahmslos aktiv und kreativ, wissen mit ihrer Zeit viel anzufangen, ohne zu überdrehen und einem gesellschaftlich aufoktroyierten Jugendkult hinterherzuhecheln.

Man liest sich fest, von der ersten bis zur letzten Seite, ob bei einer Ordensschwester, einem bekannten Schauspieler (Hannes Jaenicke), einem Original wie dem Skateboard-König Titus oder den Ausführungen des Schriftstellers Burkhard Spinnen. Rückschläge werden als Herausforderungen begriffen, die – es nützt ja nichts! – bewältigt werden müssen. Von Lethargie also keine Spur, eher Gelassenheit, auch im Umgang mit überspannten Erwartungen. Statt Stillstand lautet die Losung: neue Leidenschaften entdecken und langgehegte Träume umsetzen. Also: Ärmel aufkrempeln, weitermachen! Ein geschmackvoll gestaltetes, wertiges Buch zu einem überraschend günstigen Preis.  Walter Gödden

Münster: Coppenrath Verlag. 160 Seiten. 14 Euro

„Dreistromland“ im geschichtlichen Wandel

Werner Bergmann: Denkwürdiges aus 40.000 Jahren Ruhrpott-Geschichte Foto: Henselowsky Boschmann

Werner Bergmann: Denkwürdiges aus 40.000 Jahren Ruhrpott-Geschichte Foto: Henselowsky Boschmann

Da scheint gleich im Titel „Denkwürdiges aus 40.000 Jahren Ruhrpott-Geschichte“ etwas durcheinandergeraten: Wo „Ruhrgebiet“, vulgo „Ruhrpott“, doch erst hundert Jahre alt ist und seine Historie vor Kohle und Stahl kaum der Rede – und der Forschung –­ wert war. Der Autor Werner Bergmann, Jahrgang 1946, der in Bochum Mediävistik lehrte, sieht das anders: Am Anfang steht ein prähistorischer Schädel, der 1911 beim Bau des Rhein-Herne-Kanals gefunden wurde und weithin unbekannt ist.

Bergmann durchstreift Altertum, Mittelalter und frühe Neuzeit. Die Bodenschätze, die Macht und Reichtum brachten, hebt er erst im neunten (der 18) Kapitel. Im Schnelldurchlauf geht’s durchs 19. und 20. Jahrhundert, ohne dass das Schlüsselwort „Strukturwandel“ einmal bemüht wird. Die Erklärung bleibt Bergmann nicht schuldig: Der „Flickenteppich Revier“ möge zusammenfinden, wünscht er sich und schlägt, mit allen Wassern der Region (Ruhr, Emscher, Lippe) gewaschen, den „passenden Namen“ vor, der „auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken“ kann: „Dreistromland.“  Andreas Rossmann

Bottrop: Henselowsky Boschmann. 240 Seiten. 28 Euro

Ein wichtiger Autor zum Wiederentdecken

Walter Goedden (Hg.): Vom Leben, vom Schreiben. Foto: Aisthesis Verlag

Walter Goedden (Hg.): Vom Leben, vom Schreiben. Foto: Aisthesis Verlag

Zu Unrecht vergessen: Paul Schallück, 1922 in Warendorf geboren, galt in den 1950er Jahren in der jungen Bundesrepublik als literarischer „Shooting Star“. Er war omnipräsent im Radio, im Feuilleton. Seine Romane, Essays und Hörpiele waren in aller Munde. Der Name Schallück wurde in einem Atemzug mit dem Heinrich Bölls genannt, in dessen Nähe in Köln er später lebte und der ihm vielfältig verbunden war. Jetzt hat Walter Gödden für „Vom Leben, vom Schreiben“ die Briefe und Postkarten veröffentlicht, die der vielbeschäftigte Schriftsteller zwischen 1954 und 1975 an die Eltern im heimatlichen Westfalen schrieb. Sie liefern nicht nur Einsichten in die Schreibwerkstatt eines aufstrebenden Literaten, sondern auch in die intellektuellen Grabenkämpfe zwischen braun gefärbten Traditionalisten und kritischen Neuerern in einer spannenden Umbruchszeit.

Aber da ist eben auch der Sohn im Dialog mit seinen Eltern, der eine intime Einsicht in ganz persönliche Befindlichkeiten eröffnet. Diese übrigens gut und klug kommentierte Sammlung regt dazu an, eine vergessene Stimme neu zu entdecken.  Volker Jakob

Der Schriftsteller Paul Schallück privat. Briefe an die Eltern 1954-1975. Bielefeld: Aisthesis Verlag. 430 Seiten. 28 Euro

 

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