Mit Tablet unterwegs ins Mittelalter. In der Dauerausstellung auf Burg Vischering kein Problem. / Foto: Bröker
02.04.2018

Tablet-Tour ins Mittelalter

Burg Vischering – Moderne Technik führt kleine Besucher durch die neugestaltete Ausstellung in längst vergangene Zeiten. Ein Tipp für Familien.

Auf dem Weg vom Parkplatz zur Burg Vischering werden die Schritte von Katharina (7 Jahre), Anne (11) und Lotte (11) schneller. Das Abenteuer ruft und zieht die drei Mädchen an wie ein Magnet das Eisen. Im Foyer der Vorburg schnell noch die Jacken ausgezogen und dann nichts wie rein in die Ausstellung. In der Hand halten alle drei dabei ein Tablet.

„Ihr könnt in jedem Raum an den Wänden eine kleine Schatztruhe entdecken. Wenn ihr euch diesem Kästchen nähert, öffnet sich ein Spiel auf Eurem Bildschirm“, sagt Swenja Janning, Kulturreferentin des Kreises Coesfeld. Sie begleitet die drei Mädchen auf ihrer Entdeckungstour durch das alte Gemäuer. Ebenfalls mit dabei ist die Mutter von Anne und Katharina, Gundel Hütten.

Kampf gegen den Drachen

Gleich im ersten Ausstellungsraum kämpfen die Mädchen gegen einen Drachen. Kein Problem für die drei furchtlosen Entdeckerinnen. Nach erfolgreichem Kampf bekommen sie einen Hinweis: sie sollen eine Tür suchen. „Hier Mama, oder“, fragt Katharina und ist schon an der kleinen hölzernen Tür angekommen. Vorsichtig öffnet die Zweitklässlerin diese und lugt hinein. „Was ist das“, will Katharina wissen. Die Antwort auf die Frage hat ihr Bildschirmcomputer. Dort erscheint ein kurzer Text, der ihr erklärt, dass sie in der ehemaligen Toilette der Burg steht. In früheren Zeiten funktionierte diese natürlich noch ohne Spülung. Ein Loch im Boden, das die Hinterlassenschaften direkt in die Gräfte beförderte, musste ausreichen. Weiter geht’s. Zum nächsten Rätsel.

Anne und Lotte lassen sich mehr Zeit. Die beiden gehen in die fünfte Klasse und sind damit dem Alter für den Kinderguide eigentlich schon entwachsen. Denn dieser ist für Kinder der 1. bis 4. Klasse entwickelt worden. Spaß macht die Erkundung der Burg mit dem tragbaren Computer aber auch den beiden Großen. Die Elfjährigen rücken hin und wieder ganz nah an die Vitrinen, um zum Beispiel mehr über die ausgestellten Lanzen und Schwerter zu erfahren. „Dass die damals so groß waren, hätte ich nicht gedacht“, sagt Lotte zu ihrer Freundin.

Schulklassen besuchen Burg Vischering

Seit der Wiedereröffnung der Ausstellung hat der Kreis Coesfeld als Museumsbetreiber schon viele Gäste begrüßt. „Wir sind mit dem Start in den ersten beiden Monaten sehr zufrieden“, sagt Swenja Janning. Auch viele Schulklassen haben das Angebot angenommen. Bis zu 30 Kinder können sich gleichzeitig mit dem Tablet auf Zeitreise begeben.

Die Tablet-Tour für Kinder ist Teil des neuen Ausstellungskonzepts. Insgesamt wurden knapp 10 Millionen Euro in den Umbau der Burg und die Neukonzeption des Museums investiert – eingebettet in das Gesamtkonzept der Regionale 2016. Statt analoger Tafeln, die dem Besucher Informationen über bestimmte Ausstellungsstücke vermitteln, gibt es nun vielfach multimediale Anwendungen, die die Gäste der Burg quasi in die Ausstellung hineinziehen.

Das eiserne Halsband des Lambert von Oer. / Foto: Bröker

Das eiserne Halsband des Lambert von Oer. / Foto: Bröker

Lotte und Anne erkunden gerade das große Himmelbett, in dem im 16. Jahrhundert Heidenreich Droste zu Vischering und seine Frau Jaspara geschlafen haben. Mit Hilfe des Touchscreens, der in unmittelbarer Nähe des Bettes steht, können sie sich einzelne Schnitzereien im Kopfbrett genauer ansehen. Katharina ist da schon zwei Räume weiter. Sie hat ihren Lieblingsort in der Burg entdeckt. Eine in den Boden eingelassene, bruchsichere Glasplatte. Durch die Scheibe sieht sie Bücher durch die Luft fliegen. „Das finde ich schön“, sagt sie. Durch dieses Loch im Boden, die so genannte Ausflucht, konnten die Adeligen früher ihre Habseligkeiten in Sicherheit bringen, wenn die Burg angegriffen wurde.

Gemälde erwacht zum Leben

Und es gibt noch weitere Ausstellungs-Höhepunkte. Das eiserne Halsband des Lambert von Oer zum Beispiel. Die Geschichte dazu haben die Ausstellungsmacher des Berliner Büros McCauly ganz besonders inszeniert. Nähert sich der Besucher einer Nische erscheinen auf dem Bildschirm an der Wand lebensgroße Figuren. Schauspieler haben dort verschiedene Rollen eingesprochen und erzählen wie lebende Gemälde die Geschichte des Halsbandes. Etwas weiter im großen Rittersaal staunen die Mädchen über das gläserne Service, das strahlend weiß auf der großen Tafel aufgedeckt ist. Beim Betreten des Raumes erlebt der Besucher zudem eine echte Überraschung – welche, das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Über den Innenhof geht es schließlich in das Untergeschoss zum nächsten Teil der Ausstellung.

Schau mit vielen Sinnen

Entdecken, ausprobieren, einzelne Teile und Türen durchaus auch anfassen und öffnen – Besucher auf Burg Vischering erleben die Schau mit vielen Sinnen. Und die Kinder besiegen Drachen, löschen Brände, feiern ein großes Adelsfest und erfahren fast nebenbei jede Menge über die Burg und ihre ehemaligen Bewohner. Den großen Mädchen hat die Tour Spaß gemacht. „Mir hat das große Bett besonders gut gefallen“, sagt Anne. Auch ihrer Mutter Gundel hat es gefallen: „Die Tablet-Tour ist gut gemacht, für die Kinder ist das eine gute Möglichkeit, die Ausstellung zu erkunden. Und für uns Eltern bleibt auch Zeit, sich einiges anzusehen“, sagt sie. Und wie war es für die jüngste Entdeckerin? „Gut“, sagt Katharina. Ein typischen Lob aus dem Mund einer Siebenjährigen. Beim Verlassen der Burg bereitet sie dann schon mal ihren nächsten Besuch auf Burg Vischering vor. „Wir können das doch noch mal machen, Mama – oder“, fragt sie.

Jürgen Bröker

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