An der Matthias-Claudius-Schule in Inklusion seit mehr als 30 Jahren Alltag. Foto: Robert-Bosch-Stiftung / Traube47
26.07.2019

Teamwork und Toleranz

Seit es einen Rechtsanspruch auf Inklusion gibt, ist es für behinderte Kinder deutlich einfacher, einen Platz an einer Regelschule zu finden. Doch an den Schulen hat sich durch das Gesetz nicht alles positiv entwickelt. Sie fordern mehr Flexibilität und mehr Personal.

„Eine Schule für alle muss möglich sein.“ Mit dieser Überzeugung wurde 1986 die Matthias-Claudius-Grundschule in Bochum-Weitmar in freier Trägerschaft gegründet, vier Jahre später die Gesamtschule. Seit mehr als 30 Jahren ist die Inklusion dort Normalität. Die Schüler kommen aus dem gesamten Stadtgebiet und aus anderen Ruhrgebietsstädten dorthin. Die Einrichtung ist gefragt, sie erhält stets mehr Bewerbungen als Plätze vorhanden sind – und zwar nicht nur von Eltern behinderter Kinder.

Von 26 bis 28 Schülern in einer Klasse haben sechs bis sieben einen ausgewiesenen sonderpädagogischen Förderbedarf. Dieser überdurchschnittlich hohe Anteil ermöglicht es der Schule, besonders viele Sonderpädagogen zu beschäftigen und somit die meisten Unterrichtsstunden mit zwei Lehrkräften zu besetzen. In „Lernbüro“-Stunden arbeiten die Kinder gemeinsam an Projekten. Dabei unterscheiden sich die Aufgaben, die die einzelnen Schüler zu bewältigen haben, je nach ihren Stärken und Schwächen.

Langjähriges Engagement für Inklusion

2018 wurde die Matthias-Claudius-Schule für ihr Engagement mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. „Die auffallend achtsame, wertschätzende und anerkennende Kommunikationskultur dieser Schule beeindruckt und macht ihr zutiefst christliches Ethos anschaulich“, hieß es in der Laudatio der Robert-Bosch-Stiftung, die den renommierten Preis verleiht. Für die Lehrer der Schule ist der Preis eine wohltuende Bestätigung ihrer Arbeit und ihres Engagements für Inklusion. Baustellen gibt es hier trotzdem noch viele, berichtet die Sonderpädagogin Barbara Rochholz. So wünscht sie sich unter anderem einen flexibleren Einsatz der Integrationshelfer, als es derzeit möglich ist.

Bevor es im Jahr 2013 den Rechtsanspruch auf inklusive Bildung gab, war es für Eltern deutlich schwieriger als heute, für ein behindertes Kind einen Platz an einer Regelschule zu finden. Einige Schulen engagierten sich jedoch bereits Jahre zuvor für ein gemeinsames Lernen, dazu zählt auch die Maximilian-Grundschule in Hamm. Die stellvertretende Schulleiterin Ricarda Tiemann erinnert sich, dass die Lehrer und Schulleiter deutlich flexibler und freier agieren konnten: „Wir hatten vor der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Inklusion pro Jahrgang eine inklusive Klasse mit einer reduzierten Schülerzahl. Es gab genügend Sonderpädagogen, so dass wir uns stärker an den Bedürfnissen der Kinder orientieren und flexibler agieren konnten. Zum Beispiel, indem wir bei Bedarf eine Lernwerkstatt mit den Inklusionskindern gebildet haben.“

Unterrichten im Team: Barbara Rochholz und Nils Beckmann. Foto: Kiehl

Unterrichten im Team: Barbara Rochholz und Nils Beckmann. Foto: Kiehl

Christine Stehlings Sohn Paul (Name geändert) hat das Down-Syndrom. 2008, bei der Einschulung des heute 17-Jährigen, war das gemeinsame Lernen noch nicht selbstverständlich. Ermutigt durch positive Erfahrungen aus der Kindergartenzeit, erkämpfte sich die Familie jedoch einen Platz an der Maximilian-Schule für ihn. „Es tut ihm gut, wenn er gefordert wird. Er hat gelernt, sich in Strukturen einzufügen, und schaut sich vieles von anderen Kindern ab“, begründet Pauls Mutter die Entscheidung.

Mit der Einführung des gemeinsamen Lernens wurden in NRW Hürden für die betroffenen Familien abgebaut. An der Maximilian-Grundschule veränderte sich mit diesem Schritt aber nicht alles zum Positiven. Vielmehr wurden Sonderpädagogen abgezogen, um weitere Schulen zu betreuen, zudem dürfen seitdem keine speziellen Inklusionsklassen mehr eingerichtet werden. Kinder mit festgestelltem Förderbedarf – derzeit sind es 22 von insgesamt rund 270 Schülern – wurden auf mehrere Klassen verteilt. Sonderpädagogen sind stundenweise vor Ort, um Lehrer zu beraten und Lernmaterialien zu organisieren. Für die Arbeit im Unterricht mit dem Kind bleiben ihnen nur wenige Stunden. „Das bedeutet, dass die Sonderpädagogen nicht kontinuierlich mit den Kindern arbeiten können, und das ist gerade für Schüler mit Behinderung schwierig“, sagt Schulleiterin Christina Kühler.

„Immer noch zu wenige Sonderpädagogen“

Nichtsdestotrotz engagiert sich die Grundschule weiterhin für die Eingliederung von Kindern mit Behinderung. „Die Klassen lernen durch die Inklusionskinder Teamwork und Toleranz. Auf der anderen Seite werden Schüler mit Behinderung in den Klassen ohne übertriebene Rücksichtnahme gefordert und im Idealfall auch mitgezogen“, erzählt Kühler.

Christine Stehlings Sohn wechselte nach der Grundschulzeit zur Hauptschule. Begleitet wurde er dort von einer Integrationshelferin, die ihn kontinuierlich im Unterricht und auch auf dem Schulweg begleitete und unterstützte. Sonderpädagogen waren dort ebenfalls nur für wenige Stunden pro Woche in der Klasse, erzählt die Verlagsherstellerin und kritisiert: „Ich halte es für ein Versäumnis, dass es zehn Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland immer noch zu wenige Sonderpädagogen gibt. Die Politik hätte viel früher in die Ausbildung von Lehrern investieren müssen.“

An weiterführenden Schulen nimmt die Inklusionsquote ab

Als Initiatorin einer Down-Syndrom-Gruppe in Hamm setzt sich Christine Stehling für die gesellschaftliche Teilhabe betroffener Kinder ein. Trotz ihrer Überzeugung wechselte ihr Sohn in der neunten Klasse die Schule, berichtet sie: „Er war das einzige Kind mit geistiger Behinderung in der Hauptschul-Klasse und die sozialen Beziehungen der Jugendlichen untereinander wurden schwieriger. Als es auf das Thema Berufsorientierung zuging, hat er sich schließlich selbst dazu entschlossen, die Förderschule zu besuchen, und ist mit dieser Entscheidung glücklich.“

Mit dieser Erfahrung ist die Familie kein Einzelfall. So gelingt der gemeinsame Unterricht in der Grundschule mit Unterstützung von Integrationshelfern in vielen Fällen; an den weiterführenden Schulen nimmt die Inklusionsquote, also der Anteil von Schülern mit Förderbedarf im gemeinsamen Lernen, aber deutlich ab. Die Abgrenzung der Jugendlichen in der Pubertät, große Klassen und fehlende Unterstützung zählen zu den vielfältigen Gründen. „Der Weg in die Regelschule ist für Kinder mit Behinderung heute einfacher geworden, als es bei uns vor mehr als zehn Jahren der Fall war“, sagt Stehling. „Das ist ein großer Gewinn, entbindet Eltern jedoch nicht von ihrer Pflicht, gut zu überlegen, welcher Weg der richtige für ihr Kind ist. Und das kann unter Umständen auch die Förderschule sein.“

Annette Kiehl

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