Ein Anziehungspunkt für Besucher von nah und fern: Der Weihnachtsmarkt in Hattingen. Foto: Stadtmarketing Hattingen e.V.
20.11.2025

Teure Sicherheit

In Westfalen eröffnen in diesen Tagen die ersten Weihnachtsmärkte. Der Schutz vor möglichen Anschlägen ist ein wichtiges Thema.

Ob unter dem größten Weihnachtsbaum der Welt in Dortmund, auf dem erleuchteten Prinzipalmarkt in Münster oder inmitten der Fachwerkromantik in Hattingen: Weihnachtsmärkte sind die Anziehungspunkte in zahlreichen Städten in der Region. Bereits in dieser Woche haben die ersten Märkte zum Beispiel in Bielefeld, Dortmund oder auch Herne eröffnet. Weitere Städte öffnen – nach Totensonntag – am 24. November die Buden und Attraktionen. Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg im Dezember 2024 stehen Veranstalter unter einem gestiegenen Druck, für die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher zu sorgen. Im Fokus steht dabei besonders die Absperrung von Straßen, um mögliche Anschläge mit Fahrzeugen zu verhindern.

Hattingens Weihnachtsmarkt zieht hunderttausende Gäste an

Hattingen zählt mit seiner historischen Altstadt zu den beliebtesten Zielen in der Adventszeit. Der „Nostalgische Weihnachtsmarkt“ in den von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen zieht jährlich eine sechsstellige Zahl von Besucherinnen und Besuchern von nah und fern an, berichtet Georg Hartmann, Geschäftsführer des Vereins Hattingen Marketing. Er organisiert seit 27 Jahren Weihnachtsmärkte und sagt: so kompliziert wie in diesem Jahr war die Vorbereitung noch nie. Dabei gibt das NRW-Innenministerium lediglich einen „Orientierungsrahmen“ für die Durchführung von „Veranstaltungen im Freien mit erhöhtem Gefährdungspotenzial“ vor. Inwiefern ein Weihnachtsmarkt oder auch ein Weinfest in diese Kategorie fällt, ist der Einschätzung von Veranstaltern und Polizei vor Ort überlassen. In Hattingen gilt – trotz aller Umstände – „Sicherheit geht vor“, sagt Hartmann. So ist die historische Altstadt nun praktisch abgesperrt; hierfür hat die Stadt Hattingen hydraulische Sperren angeschafft, die eine unbefugte Durchfahrt von sowohl PKW als auch LKW verhindern. Ein sechsstelliger Betrag wurde für das System investiert. Zudem müssen an einigen Stellen Sicherheitskräfte postiert werden, um die Sperren bei Bedarf zu öffnen. „Als Verein, der sich aus Mitgliedsbeiträgen und durch Sponsoren finanziert, hätten wir das nicht finanzieren können. Daher sind wir froh, dass die Stadt die Anschaffung geleistet hat“, so der Geschäftsführer.

Am Alten Rathaus in Hattingen öffnet Frau Holle vom 1. Dezember bis Heiligabend ein Fenster und lässt es schneien. Foto: Stadtmarketing Hattingen e.V.

Am Alten Rathaus in Hattingen öffnet Frau Holle vom 1. Dezember bis Heiligabend ein Fenster und lässt es schneien. Foto: Stadtmarketing Hattingen e.V.

Selbstverständlich ist das aber nicht unbedingt in allen Städten und Gemeinden, heißt es von der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing (bcsd). Schließlich zählen Veranstaltungen und deren Sicherheit nicht zu kommunalen Pflichtaufgaben. Die Vereinigung fordert daher: Staatliche Aufgaben wie die Gefahrenabwehr, zum Beispiel bei Anschlags- oder Attentatsrisiken, dürften nicht auf die Veranstalter abgewälzt werden. „Es kann nicht sein, dass sich die übergeordneten staatlichen Ebenen zurückhalten und die Verantwortung und finanzielle Last bei den kommunalen Ordnungsbehörden und teils ehrenamtlich engagierten Veranstaltern abladen“, sagt bcsd-Bundesvorsitzender Gerold Leppa: „Wir brauchen hier bundesweite und verlässliche Regeln, die alle Ebenen fordern, sonst werden wir bald niemanden mehr finden, der die immer weiter steigende Verantwortung für Veranstaltungen übernehmen und deren Finanzierung stemmen kann.“ Der Verband betont die Bedeutung von Festen und Märkten zur Stärkung von Innenstädten sowie für Kultur und Gemeinschaft. Aufgrund der gestiegenen Kosten für die Sicherheit, aber auch zum Beispiel für Gema-Gebühren seien öffentliche Veranstaltungen jedoch mittlerweile häufig ein Zuschussgeschäft. Gerade Veranstalter kleiner Feste stünden da unter Druck.

Kleine Weihnachtsmärkte unter Druck

So stand der kleine Weihnachtsmarkt „Ück-Zauber“ in Gelsenkirchen-Ückendorf vor dem Aus, weil Geld fehlte, um zum Beispiel das Veranstaltungsgelände mit Zufahrtssperren abzusichern. Eine Crowdfunding-Aktion rettete schließlich das Team, so dass der Weihnachtsmarkt am 6. Dezember stattfinden kann. In Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen muss der traditionelle Nikolausumzug hingegen abgesagt werden. Zur Absicherung der Strecke seien zertifizierte Anti-Terrorsperren notwendig gewesen. Da die Stadt darüber nicht verfüge könne der Zug trotz einer großen Unterstützung aus der Bevölkerung nicht stattfinden. Das tue ihm „außerordentlich leid“, sagte Bürgermeister Shoaiub Nazir. Als Ersatz werde es jedoch ein Nikolausfest am 5. Dezember geben – mit einem Mini-Umzug, heißt es aus Oer-Erkenschwick.

In Hattingen bedeuten die Absperrungen eine sichtbare Veränderung für das Leben in der Stadt, berichtet Marketing-Chef Georg Hartmann. Lieferdienste, Handwerker oder auch Bürgerinnen und Bürger, die in der Altstadt wohnen, müssen mit Einschränkungen zurecht kommen. Es gebe aber auch positive Stimmen: „Einige freuen sich aber auch über mehr Ruhe“, sagt Hartmann.

Annette Kiehl, wsp

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