Zwei Wölfe laufen im Wald. Foto: Foto imageBROKER/Ronald Wittek
20.06.2022

Unter Wölfen

Schützen oder schießen? Eine einfache Antwort für den Umgang mit dem Wolf gibt es nicht.

Kaum ein anderes Wildtier spaltet die öffentliche Meinung so sehr wie der Wolf. Getötete Schafe, Ziegen oder Ponys befeuern die Forderungen nach Abschüssen von „Problemwölfen“. Doch zugleich genießt „Isegrim“ sowohl in Deutschland als auch in den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union den höchst möglichen Schutzstatus. Der Wolf ist längst auch in Westfalen heimisch geworden. Wie also mit ihm umgehen?

Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert, zeigt ein Besuch im Wolfsgebiet Schermbeck. Das Gebiet umfasst 957 Quadratkilometer und erstreckt sich von Rees am Niederrhein bis Dorsten im Kreis Recklinghausen, von Raesfeld im Kreis Borken bis zur Stadt Bottrop. Drumherum gibt es noch eine großzügige „Pufferzone“. Der Wolf ist hier seit 2018 sesshaft. Damals wurde Schermbeck zum ersten Wolfsgebiet in Nordrhein-Westfalen erklärt.

Ein Rudel im Wolfsgebiet Schermbeck

Momentan streift ein Rudel durch das Revier, ein Muttertier, die Wölfin mit der Kennung GW954f, auch „Gloria“ genannt, gemeinsam mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Nachwuchs. „Das Rudel findet hier sehr gute Bedingungen vor. Es gibt große Wildbestände“, erklärt Anja Baum, Wolfsberaterin im Wolfsgebiet Schermbeck. Dabei bedient sich der Wolf vor allem bei älteren und kranken Tieren und erfüllt so eine wichtige Aufgabe im Ökosystem.

Herdenschutzhunde werden vom Land gefördert. Foto: Bröker

Herdenschutzhunde werden vom Land gefördert. Foto: Bröker

Allerdings reißen die Schermbecker Wölfe auch immer wieder Tiere, die auf Weiden stehen. Allein in Bottrop hat das LANUV als zuständige Behörde seit 2018 mehr als ein Dutzend Nutztierrisse durch einen Wolf nachgewiesen. Zwar werden Maßnahmen zum Herdenschutz – höhere Zäune und Herdenschutzhunde – gefördert. Doch sind diese für die Schäfer nicht so leicht umzusetzen.

Hoher Druck auf Weidetierhalter

„Jeder Schäfer will seine Schafe schützen, doch muss der Schutz auch machbar und in den Alltag integrierbar sein“, sagt zum Beispiel Ortrun Humpert, Vorsitzende des Schafzuchtverbandes NRW. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie eine Schäferei in Marienmünster im Kreis Höxter. Ihr Betrieb liegt in der Pufferzone des Wolfsgebiets Senne. In der Regel sind Schäfereien Ein-Mann-Betriebe. Ob man da einen 90 Zentimeter hohen Zaun in zum Teil unwegsamem Gelände um seine Herde aufstellt oder einen 1,20 Meter hohen Zaun, wie zum Schutz vor dem Wolf gefordert, ist ein großer Unterschied.


Lesen Sie auf unserer Sonderseite zum Wolf in Westfalen auch, wie Sie sich verhalten sollten, wenn Ihnen ein Wolf begegnet.


Angesichts des geringen Verdienstes von etwas mehr als sechs Euro Stundenlohn (so Humpert) ist der Schäferberuf etwas für Idealisten. Auch deshalb gibt es seit Jahren immer weniger Berufsschäfer. „Die wirtschaftliche Unsicherheit ist auch ohne den Wolf schon immens“, sagt Humpert. Der Druck durch den Wolf könne nun weitere Schaf- und Weidetierhalter zur Aufgabe zwingen, glaubt sie.

Guter Erhaltungszustand in Deutschland

Auch auf einer vom Gahlener Bürgerforum organisierten Veranstaltung in einem Dorstener Gasthof wird das Ende der Weidetierhaltung vielfach heraufbeschworen. Der Tenor hier ist eindeutig: Die Pferde- und Rinderhalter sowie Schaf- und Ziegenzüchter müssen ihre Herden gegen ein Tier schützen, das sie selbst nicht haben wollen. Und dafür müssen sie auch noch zum Teil bezahlen. „Wenn der Wolf gesellschaftlich gewollt ist, und wenn auch Weidehaltung gesellschaftlich gewollt ist, dann soll die Gesellschaft bitte auch den Schutz unserer Tiere bezahlen“, sagt einer aus dem Publikum und bekommt viel Applaus.

Solchen Argumenten lässt sich nur schwer etwas entgegenhalten. Auch ein Abschuss einzelner Wölfe, die regelmäßig Weidetiere reißen, erscheint logisch. Zumal der Erhaltungszustand des Wolfes in Deutschland inzwischen gut ist. Allerdings zeigen Studien auch, dass Wölfe von Herdentieren ablassen, wenn diese durch entsprechende Maßnahmen vor Übergriffen geschützt sind. Eine friedliche Koexistenz von Wolf und Mensch, wie sie sich Wolfsberaterin Anja Baum wünscht, scheint jedenfalls nicht so leicht zu erreichen.

Jürgen Bröker, wsp

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