Auch Teile aus einem römischen Pferdegeschirr wurden untersucht. Foto: Christian Grovermann / Copyright: Varusschlacht im Osnabrücker Land
16.11.2022

Varus-Legion war in Kalkriese

Ein neue wissenschaftliche Methode hat den „metallurgischen Fingerabdruck“ der 19. Legion des römischen Feldherrn Varus identifiziert. Kalkriese wird damit als Ort der Varusschlacht wahrscheinlicher.

Bei der Schlacht am Teutoburger Wald 9 n. Chr. haben Germanen unter dem Anführer Arminius drei Legionen mit ca. 20.000 Mann unter dem römischen Feldherrn Varus vernichtend geschlagen. Hat die legendäre Varusschlacht in Kalkriese bei Osnabrück stattgefunden, wo seit Ende der 1980er Jahre ein römisch-germanisches Schlachtfeld ausgegraben wird? In einem mehrjährigen Forschungsprojekt des Varusschlacht-Museums Kalkriese und des Deutschen Bergbau-Museums Bochum ist die Chemikerin Annika Diekmann dieser Frage nachgegangen.

Die Bochumerin hat untersucht, ob archäologische Fundstücke vom Schlachtort bei Kalkriese den gleichen „metallurgischen Fingerabdruck“ aufweisen wie die Varus-Legionen. „Wir können sagen, dass die 19. Legion ihren Fingerabdruck in Kalkriese hinterlassen hat“, sagt Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer des Varusschlacht-Museums in Kalkriese, im Gespräch mit dem WESTFALENSPIEGEL. 

Kalkriese und Legionsstandorte, an denen Proben entnommen wurden. Karte: Dirk Fabian, ingraphis Kassel

Kalkriese und Legionsstandorte, an denen Proben entnommen wurden. Karte: Dirk Fabian, ingraphis Kassel

Es gebe eine Reihe von Funden aus Kalkriese, deren metallurgischer Fingerabdruck mit Funden aus dem Römerlager im badischen Dangstetten übereinstimme, wo sich die 19. Legion zuvor nachweislich aufgehalten hatte, führt Burmeister aus. Auch zu Fundstücken aus dem Römerlager Haltern, wo die 19. Legion vor der Varusschlacht stationiert war, passe die charakteristische Zusammensetzung der chemischen Spurenelemente in den untersuchten römischen Buntmetallen. 

Der Fingerabdruck der Kalkriese-Fundstücke stimme dagegen nicht mit dem der Legionen des Germanicus überein, die an der „Schlacht an den langen Brücken“ sechs Jahre später in Germanien gekämpft hat. Einige Forscher argumentieren, dass in Kalkriese nicht die Varusschlacht, sondern die für die Römer ebenfalls sehr verlustreiche Schlacht an den „langen Brücken“ im Jahr 15 n. Chr. ereignet haben könnte. Dies wird nun unwahrscheinlicher. „Wir können der Aussage ‚Varusschlacht in Kalkriese‘ ein weiteres Ausrufezeichen hinzufügen. Die Indizienkette wird stärker“, bilanziert Stefan Burmeister. „Und wir haben eine neue Methode, die prägt: Römische Legionen lassen sich anhand der Spurenelemente identifizieren.“

Mehr als 500 Proben entnommen

Die Forschenden um Annika Diekmann haben an sieben ehemaligen Legionsstandorten, darunter im heutigen LWL-Römermuseum in Haltern am See, Fundstücke aus Buntmetall wie Fibeln, Gürtelschnallen oder Riemenhalter untersucht. „Über zwei Jahre haben wir rund 550 Proben entnommen und mit chemischen Verfahren analysiert“, so Annika Diekmann. Dabei waren sämtliche römische Buntmetalle aus Kalkriese. Die Metalle, die von den römischen Legionen zur Reparatur in den Lagerschmieden eingesetzt wurden, enthalten in geringen Mengen charakteristische Spurenelemente. „So können wir den Legionen, von denen wir wissen, an welchen Lagerstandorten sie stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen.“ 

Die Forscherin Annika Diekmann vom Deutschen Bergbau-Museum in Bochum bei der Probenentnahme. Foto: Axel Thiele

Die Chemikerin Annika Diekmann bei ihrer Forschungsarbeit. Foto: Axel Thiele

Die Chemikerin wird in den nächsten Monaten ihre Dissertation vorlegen und darin ihre Forschungsergebnisse präsentieren. „Danach werden alle Daten veröffentlicht, so dass jeder noch mal selber nachrechnen kann“, sagt Burmeister, der davon ausgeht, dass weitere Projekte mit der neuen Forschungsmethode folgen werden. „Es gibt eine Reihe von Funden aus Kalkriese, die sich noch nicht klar zuordnen lassen.“   

Martin Zehren/wsp

Wie die Chemikerin Annika Diekmann gearbeitet hat, um den metallurgischen Fingerabdruck von römischen Fundstücken zu identifizieren, können Sie hier und im WESTFALENSPIEGEL 3/2022 nachlesen.

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