Die Holocaust-Überlebende Eva Weyl wird bei einem Interview für das Projekt „Holo-Voices“ gefilmt. Die Aufnahmen sollen in einer Ausstellung auf Zeche Zollverein in Essen zu sehen sein. Besucherinnen und Besucher können dort Fragen stellen, die von dem KI-gesteuerten Hologramm beantwortet werden. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Pool, Bernd Thissen
07.11.2025

„Verbrechen vor der Haustür sichtbar machen“

Der Historiker Prof. Dr. Malte Thießen vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte mahnt im Interview mit dem WESTFALENSPIEGEL: „Gedenken darf nicht zur Routine werden“.

Herr Prof. Thießen, viele Städte und Gemeinden laden in diesen Tagen zum Gedenken an den 9. November ein, dem Jahrestag der Reichspogromnacht 1938. Sie warnen jedoch vor einem „Gedenken-Leerlauf“. Warum?
Die Erinnerungskultur zum Nationalsozialismus ist ein wenig in die Jahre gekommen. Der 9. November ist dafür ein gutes Beispiel, weil er lange sehr ritualisiert mit großen großen schweren Gedenkveranstaltungen begangen wurde. Aber dies hat letztlich wenig mit der Lebenswelt der Betroffenen zu tun. Ein gutes Signal scheint mir ein Trend zu sein, dass Kommunen zusammen mit Initiativen oder Geschichtswerkstätten die Verbrechen im eigenen Ort sichtbar machen.

Stolperstein für Ruth Stukenbrock in Borgholzhausen, die in der NS-Zeit in der Heilanstalt Marsberg ermordet wurde. Foto: LWL / Hollwedel

Stolperstein für Ruth Stukenbrock in Borgholzhausen: Die Jugendliche wurde in der NS-Zeit in der Heilanstalt Marsberg ermordet. Foto: LWL / Hollwedel

Was ist für Sie zeitgemäßes Gedenken?
Es geht bei Erinnerungskultur immer um gegenwärtige Interessen. Aktuelle Themen bringen uns dazu, uns mit Geschichte auseinanderzusetzen. Gutes Gedenken ist, wenn ich erstens dazu einen Lebensweltbezug habe. Das zweite Wichtige sind Interaktion und Partizipation, dass man sich mit einbringen und weiterdenken kann. Und drittens muss Gedenken herausfordernd sein. Es bringt nichts, wenn wir es auf einen Tag legen, wir uns in die Arme nehmen und immer wieder „Nie wieder“ sagen. Gedenken ist dann nachhaltig, wenn es unsere Gewissheiten aufbricht. Wenn wir nicht nur an die Opfer denken, sondern auch daran, dass bei uns viele Menschen mitgemacht oder weggeguckt haben. Und dass die einzelnen Täter nicht das alleinige Problem sind, sondern eine Gesellschaft, die von der Ausgrenzung profitiert hat oder nichts dagegen getan hat. Auch wir können in einer Diktatur oder in einem autoritären System Teil des Problems werden.

Stolpersteine als positives Beispiel

Haben Sie Beispiele für empfehlenswerte Gedenkprojekte in Westfalen?
Tatsächlich finde ich nach wie vor die Stolpersteine gut, die im Pflaster vor den ehemaligen Wohnungen von NS-Opfern verlegt werden. Weil sie voraussetzen, dass Initiativen vor Ort zunächst die Biografien der NS-Opfer und die Verbrechen an ihnen aufarbeiten. Wir konzentrieren uns heute stark auf die Überlebensgeschichten von Zeitzeugen. Aber der ganz große Teil der Opfer hat nicht überlebt, ist verraten, denunziert, ignoriert und ermordet worden. Initiativen wie die Stolpersteine zeigen solche gesellschaftlichen Zusammenhänge – und damit auch die Verbrechen unmittelbar vor unserer Haustür.

Stolpersteine gibt es inzwischen auch für Menschen mit Behinderungen, die in der NS-Zeit in Kliniken wie der Provinzialheilanstalt Marsberg ermordet wurden.
Die Auseinandersetzung in den LWL-Kliniken mit diesem Thema finde ich vorbildlich, weil sie aus den Kliniken selbst kommt, von Mitarbeitern, die das initiiert haben. Früher musste das oft von außen angestoßen werden. Da haben Historiker die Euthanasie-Verbrechen aufgearbeitet und dann gab es darüber dicke Bücher, aber das war es dann letztlich auch. Und das ist heute anders. Die heutigen Initiativen tragen das Thema über die Klinikgrenzen hinweg in die Stadtgesellschaft und machen den sozialen Kontext der Verbrechen deutlich. Das sorgt für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, die viel weiter führt als ritualisierte Gedenkveranstaltungen an Jahrestagen.

Neues Projekt: Hologramme von Zeitzeugen

Der Historiker Prof. Dr. Malte Thießen leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Foto: LWL

Der Historiker Prof. Dr. Malte Thießen leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Foto: LWL

Eine neue Form des Gedenkens gibt es ab 2026 auf der Zeche Zollverein in Essen. Holocaust-Überlebende werden dort als dreidimensionale Hologramme gezeigt. Dank KI ist es möglich, den Zeitzeugen Fragen zu stellen und passende Antworten zu erhalten aus vorherigen Interviews mit den NS-Opfern.
Ich finde die Holo-Voices erst mal einen guten Ansatz, weil sie ein digitaler Türöffner zur Erinnerungskultur sind und auch bei jüngeren Menschen Interesse an Geschichte wecken können. Wichtig finde ich, dass Angebote bereitstehen, dieses Interesse mit anderen Formaten zu vertiefen. Bei Gedenkstätten in Deutschland gibt es allerdings eine große Skepsis gegenüber Hologrammen, weil sie Authentizität und Unmittelbarkeit nur simulieren und das schnell zur Enttäuschung werden kann. Eine echte Interaktivität ermöglicht dagegen zum Beispiel das „Zweitzeugen“-Projekt, bei dem sich Schülerinnen und Schüler intensiv mit ihren Zeitzeugen auseinandersetzen und deren Erinnerungen an andere vermitteln.

Gibt es Initiativen in Westfalen, die den Fokus stärker auf Täter und Mitläufer im Nationalsozialismus richten?
Ein gutes Beispiel ist die Gedenkstädte Porta Westfalica, ein ehemaliges Außenlager des KZ Neuengamme, wo Häftlinge in Stollen beim Kaiser-Wilhelm-Denkmal Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Gedenkstätte macht deutlich, dass sich die Verbrechen vor aller Augen in einer Kleinstadtidylle abgespielt haben. Sie macht Arbeits- und Leidenswege der Gefangenen sichtbar und damit die Alltäglichkeit von Verbrechen im Nationalsozialismus. Andere Beispiele sind der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster und auch viele kleinere Gedenkstädten in Nordrhein-Westfalen, die die Täter und vor allem auch den sozialen Kontext der Verbrechen zum Thema machen. Die „Vernichtung“ begann eben nicht im „fernen Osten“, sondern vor Ort: in deutschen Städten und Gemeinden. Der ehemalige Auschwitz-Häftling Karel Stojka hat das in seiner beklemmenden Erinnerung perfekt auf den Punkt gebracht: „Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und alle wie die hießen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann, der Postmann.“

Interview: Martin Zehren

Viele Städte und Gemeinden sowie weitere Institutionen und Initiativen in Westfalen-Lippe veranstalten in diesen Tagen Veranstaltungen, um an die Verbrechen der Reichspogromnacht 1938 zu erinnern. Im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten zum Beispiel liest die Autorin Caroline Vongries am 9. November um 11 Uhr Texte über das Überleben in den Ghettos Wilna und Lodz. Die Musikerin Josefin Rabehl stellt Lieder aus dem Ghetto dazu. Die Stadt Dortmund erinnert im Foyer des Opernhauses am Platz der Alten Synagoge am 10. November um 17 Uhr an die Verbrechen gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Unter anderem hält Prof. Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums Berlin, einen Vortrag mit dem Titel „November 1938 – Antisemitische Gewalt in Deutschland und Versuche ihrer Erklärung“.

Wie die Kliniken des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) an die Verbrechen ihrer Einrichtungen während der NS-Zeit erinnern, ist hier nachzulesen.

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