2020 werden die meisten Schützenfeste abgesagt. Foto: Jens Bredehorn/pixelio.de
17.04.2020

„Verlust von Gemeinschaft“

Jörg Jagener ist Geschäftsführer des Westfälischen Schützenbundes. Im Interview mit westfalenspiegel.de erklärt er, was die Absage der Schützenfeste in diesem Sommer wegen der Corona-Pandemie für die Vereine, aber auch die Dörfer und Städte bedeutet.

Herr Jagener, wie wirkt sich die coronabedingte Absage der Schützenfeste auf die Vereine aus?
Für viele Vereine ist das Schützenfest der Höhepunkt der Vereinsaktivitäten und auch das herausragende Ereignis im Verlauf des Jahres. Viele Traditionen wie das Königsschießen, die Proklamation/Krönung, der Festzug oder der Festball sind elementare Bestandteile im gesellschaftlichen Leben in den Dörfern und Ortsteilen. Die Schützenvereine bilden oft mit ihrem Schützenfest und dem damit verbundenen Brauchtum den Kern des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Es ist für die unterschiedlichen Gruppen unter den Bewohnern – Jugend, Familien, Senioren – einer Kommune ein Bestandteil der Lebensqualität.

Nun fällt dieses Fest einfach aus. Mit welchen Konsequenzen für die Vereine?
Der Wegfall des Schützenfestes bedeutet einen erheblichen Verlust von Gemeinschaft und gesellschaftlichem Leben. Für die Vereine, Gilden, Bruderschaften und Gesellschaften stehen neben den wirtschaftlichen Folgen auch die für das Zusammenleben notwendigen kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Aktivitäten zur Disposition, da häufig die Erlöse aus den Schützenfesten die finanzielle Grundlage für die weiteren bereits genannten Aktivitäten sind. Für das einzelne Mitglied fehlt im Jahreszyklus ein wesentlicher Punkt und kann durchaus auch im privaten Bereich eine Planungslücke darstellen. Zudem sind Schützenfeste häufig gerade im ländlichen Raum ein nicht unerheblicher Marketingfaktor für die Kommunen und haben eine bedeutende Relevanz für die lokale Wirtschaft und den Tourismus.

Ist eine Verlegung etwa in den Herbst ein Thema für die Vereine?
Die Verlegung eines Schützenfestes in den Herbst ist zwar nicht grundsätzlich auszuschließen, gestaltet sich jedoch aus unterschiedlichen Aspekten manchmal nicht ganz so einfach. Zunächst bleibt abzuwarten, ob und gegebenenfalls wann überhaupt in der momentanen Situation in diesem Jahr wieder größere Veranstaltungen durchgeführt werden dürfen. Desweiteren spielen organisatorische Aspekte eine Rolle. Häufig sind die Veranstaltungskalender im Zusammenspiel mit anderen Vereinen in den Kommunen straff getaktet, so dass die Terminfindung nicht ganz so einfach sein kann.

Gibt es weitere Schwierigkeiten, die gegen eine Verlegung sprechen?
Neben der Terminfrage können auch vertragsrechtliche Aspekte bei der Rekrutierung der notwendigen Partner wie zum Beispiel Kapellen, Unterhaltungsbands, Zeltverleiher, Caterer und andere zu Schwierigkeiten führen. Zudem sollte man sich in jedem einzelnen individuellen Fall mit den Konsequenzen folgender zwei Szenarien beschäftigen: auf der einen Seite herrscht zur Zeit in der Bevölkerung eine große Unsicherheit zum Thema Infektionswege. Dies könnte dazu führen, dass der notwendige wirtschaftliche Erfolg eines Schützenfestes im kommenden Herbst mangels Beteiligung der Bevölkerung ausbleibt. Auf der anderen Seite kann es durchaus auch ein großartiges Fest werden, weil die Bevölkerung nach den monatelangen Kontaktbeschränkungen wieder gemeinsam feiern möchte.

Auch die Absprachen mit Musikvereinen erschweren eine Verlegung der Schützenfeste in den Herbst. Foto: Hofschläger/pixelio.de

Nahezu sämtliche Schützenfeste werden in 2020 abgesagt werden. Hat es ein vergleichbares Szenario schon einmal gegeben?
In der Tat ist es in den vergangenen Jahrzehnten abgesehen vom ersten und zweiten Weltkrieg nur in den 1940ern und zu Beginn der 1950er Jahre so gewesen, dass Schützenfeste abgesagt oder überhaupt nicht geplant worden sind. Die Gründe dafür sind dann allerdings sehr individuell gewesen. Sie waren wirtschaftlicher Art, hatten rechtliche Ursachen wie etwa fehlende Genehmigungen oder waren durch Unfälle oder Unwetter begründet. Eine flächendeckende Absage der Schützenfeste, wie wir zur Zeit erleben, hat es noch nicht gegeben.

Wie bringen sich die Schützenvereine in der Corona-Krise ein?
Schützenvereine sind oft wichtiger Bestandteil der kommunalen Gemeinschaft. Sie haben durch ihre charakteristischen Eigenschaften wie Gemeinsinn, Wertschätzung, gegenseitige Hilfe und Unterstützung, kulturelles und gesellschaftliches Engagement auch in den Zeiten der Corona-Krise diese Merkmale unter Beweis gestellt. Es gibt eine Reihe Beispiele von Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung, Fahrdienste, Unterstützung von Alten- und Seniorenheimen und so weiter, auch das Erstellen von Schutzmasken ist aus den Reihen der Schützenvereine bekannt.

Wie wird das organisiert?
Viele dieser Angebote werden durch Gruppen über Whattsap und andere soziale Medien organisiert, welche ihren Ursprung in den Schützenvereinen haben oder speziell zu diesem Zweck in den Vereinen gegründet wurden. Viele Mitglieder der Schützenvereine haben auch an der Flaggenaktion zu den Ostertagen teilgenommen. Mit dem Hissen einer grün-weisen Schützenfahne hat man ein Zeichen des Dankes und der Wertschätzung für die in der Corona-Krise besonders belasteten Berufsgruppen wie Rettungs- und Pflegepersonal, Ärzte, Personal in den Supermärkten, bei den Hilfsorganisationen und so weiter gesetzt. Die Schützenvereine werden sicherlich auch ihren Beitrag leisten, nach dem Überwinden der Corona-Krise zur Normalität zurückzufinden.     

Das Interview wurde per E-Mail geführt. Die Fragen stellte Jürgen Bröker.

 

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