Volkslieder im Jazzgewand
Der Musiker Sebastian Netta und Freunde laden bei der „Jazz-Jumelage“ zu Weltklasse-Konzerten an ganz besondere Orte.
„Dat du min Leevsten büst“ – wer dieses niederdeutsche Volkslied kennt, wird spontan vielleicht an einen Männerchor in blauen Kiepenkerl-Leinenhemden mit Klompen an den Füßen denken. Dabei haben schon Sängerin Lale Andersen, die Liedermacher Hannes Wader und Konstantin Wecker oder die Band Jazzkantine dem plattdeutschen Klassiker frisches Leben eingehaucht. Beim Stichwort „Jazz“ wird aber wohl kaum jemand an Volkslieder denken. Doch der Schlagzeuger Sebastian Netta befasst sich seit langem mit diesem Genre als Inspirationsquelle für seine Jazzkonzerte: „Eigentlich hat schon der legendäre Trompeter Miles Davis amerikanische ‚Volksmusik‘ verjazzt. Wenn er über Standards aus dem Great American Songbook wie ‚Summertime‘ oder ‚My funny Valentine‘ improvisierte, dann waren dies Melodien, die die Menschen kannten“, erklärt Netta.

Mit der mobilen Bonsai-Bühne geht es zu „Wald- und Wiesenkonzerten“ quer durchs Land. Nächste Auftritte finden am 4.9. in Wadersloh, am 5.9. in Schieder-Schwalenberg, am 6.9. in Höxter und am 7.9. in Extertal statt. Foto: Ravi Seijk
1962 geboren und aufgewachsen in Osterwick im Westmünsterland mit einem Musiklehrer als Vater, kam Netta schon früh mit Musik in Berührung: „Auf unserem alten Kotten wurde immer musiziert, wir waren ein Blumenkinderhaufen im ländlichen Raum. Wir haben viel gesungen, und Plattdeutsch und Niederländisch beherrsche ich sehr gut“, sagt der Jazzer. Er fühle sich eng verbunden mit der Region, auch wenn er viele Jahre in Würzburg, in den Niederlanden und in den USA gelebt habe. „Mein Lebensmotto lautet: weltverbunden und heimatoffen.“ Ein charmanter Wortwitz, der durchaus zur letzten CD-Produktion „Folks Musik“ passt, auf der Sebastian Netta mit seinem engen Freund und langjährigen musikalischen Wegbegleiter Sebastian Altekamp und weiteren Musikerkollegen bekannte Volkslieder in den Jazz übertrug.
Konzerte mit Picknick-Charakter
Mit Pianist und Komponist Altekamp studierte Netta am Konservatorium in Hilversum. Altekamp arrangierte den eingangs erwähnten Volksliedklassiker „Dat du min Leevsten büst“ im munter-swingigen Jazzgewand für Drummer Netta, Sängerin Gaby Goldberg und Bassist Ruud Ouwehand. Joseph von Eichendorffs melancholisches Gedicht „In einem kühlen Grunde“, das von unerfüllter Liebe erzählt und vielfach vertont worden ist, verwandeln die „Folks-Musiker“ auf der CD-Aufnahme in einen coolen Blues: „Wir spielen die Lieder so, dass wir selbst Spaß haben. Das Publikum kennt die Melodien und singt immer wieder gerne mit“, so Netta. Vor einigen Jahren initiierte der vielseitige Musiker, Musikproduzent und Kurator die „Wald und Wiesenkonzerte“, die seit 2018 in der ganzen Region, teils auf der von ihm selbst konstruierten Bonsai-Bühne, präsentiert werden: „Wir bringen Menschen zusammen und fördern Nachbarschaftskultur, wenn wir auf unserer völlig autarken Minibühne durch das Land ziehen. Dank fest installierter Ton- und Lichttechnik, Solarpanels und 100 Holzstühlen können wir nahezu überall unsere Konzerte mit Picknick-Charakter präsentieren. Wo Wiesen rauschen und Höfe atmen, da wird meine Bühne lebendig.“
Neben seiner Musikerkarriere hat Sebastian Netta als Manager eines Marketingunternehmens und als Musiklehrer an einem Gymnasium gearbeitet. Inzwischen konzentriert er sich ausschließlich auf seine Jazzprojekte. Zum Jubiläumsjahr „1250 Jahre Westfalen“ konzipierte er das Projekt „Westfälische Resonanzen – Jazz Jumelages“. Gefördert durch die Kulturstiftung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, interpretieren Jazzmusiker aus europäischen Partnerstädten westfälische Volkslieder neu.
Diesen Artikel und weitere interessante Beiträge lesen Sie in Heft 4/2025 des WESTFALENSPIEGEL mit dem Schwerpunkt „Wa(h)re Schönheit“.
Nach einjähriger Vorbereitung probten Musiker aus Pamplona, Bologna, Dorsten, Münster und New York in der Landesmusikakademie Heek. „Das war eine intensive Arbeitsphase, wir wollen ja Jazz machen, und auch wenn die Brücke zum Publikum die bekannten Volksliedmelodien sind, so harmonisieren wir die Lieder ganz neu“, sagt Sebastian Netta. Er freut sich nun auf die zweite Projektwoche, wenn im September im malerischen Schieder-Schwalenberg Musiker aus Brüssel, Utrecht, Paris und Recklinghausen aufeinandertreffen, um eine weitere Serie mit Konzerten vorzubereiten. Für den in Münster lebenden Projektleiter Netta ist das ein Höhepunkt seiner Musikerlaufbahn: „Alle Jazzer bringen Weltklasse mit. Volkslieder werden hier nicht nur interpretiert, sondern eingebettet in Begegnung. Jazz ist eben eine Sprache ohne Landesgrenzen.“
Matthias Schröder
Nächste Termine von „Jazz Jumelage – Westfälische Resonanzen“ am 4.9. in der Abtei Liesborn (Wadersloh), am 5.9. auf dem Marktplatz Schwalenberg (Schieder-Schwalenberg), am 6.9. im Huxarium-Park (Höxter) und am 7.9. auf Burg Sternberg (Extertal). Weitere Informationen unter www.jazz-jumelage.eu und www.wuw-konzerte.de.