Bergmann für ein paar Stunden: Im Erlebnisbergwerk Recklinghausen können die Besucher viele Maschinen selbst ausprobieren. Foto: Jürgen Bröker
13.12.2019

Von wegen Schicht im Schacht

Der deutsche Steinkohlenbergbau ist Geschichte. Doch in Westfalen gibt es noch viele Orte, die lebendig an Kumpel und Kohle erinnern. Eine Spurensuche.

Für einen kurzen Moment hat der neunjährige John ganz vergessen, dass er nur 17 und nicht mehr als 1000 Meter unter der Erde ist. „Wie wird denn hier die Kohle abgebaut und wie lange arbeitet ihr hier?“, fragt er Paul Schenkel. Der ehemalige Bergmann muss schmunzeln. „Hier, mein Junge, wird gar nichts abgebaut. Das ist ein Museum“, sagt Schenkel.

Es ist ein Dienstagnachmittag im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum. Hier  beginnt unsere Reise auf den Spuren des Steinkohlenbergbaus im westfälischen Ruhrgebiet. Ein Jahr, nachdem die letzten Tonnen Kohle auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop gefördert wurden.

Ehemalige Bergleute berichten im Bergbau-Museum in Bochum aus ihrem Alltag. John (vorne rechts) hört aufmerksam zu. Foto: Jürgen Bröker

Ehemalige Bergleute berichten im Bergbau-Museum in Bochum aus ihrem Alltag. John (vorne rechts) hört aufmerksam zu. Foto: Jürgen Bröker

„Triff den Bergmann“ heißt die Aktion im Bergbau-Museum, bei der die Kumpel wie Paul Schenkel erklären, was hydraulische Stempel sind oder wie mit Hilfe eines großen Maschinenhobels die Kohle aus dem Stein geraubt wurde. Schenkel hat 30 Jahre unter Tage gearbeitet. Auf Zeche Hugo in Gelsenkirchen hat er angefangen, dann ging es auf Walsum in Duisburg weiter. Seine letzte Schicht hat er auf Auguste Victoria in Marl absolviert. Dann war Schluss. Jetzt erzählt er im Bergbaumuseum von dieser Zeit. Und das kommt gut an. Vor allem, wenn er die Ketten der großen Abbaumaschinen quietschen lässt.

„Ich finde es richtig cool hier. Einige Maschinen bewegen sich ja sogar“, sagt John. Gemeinsam mit seinen Eltern ist er an diesem Tag vom Niederrhein in den Ruhrpott gekommen. „Wir sind aus Kevelaer. Das ist ja nicht weit vom Ruhrgebiet entfernt. Ich finde es wichtig, dass wir uns da auch mit dem Bergbau auseinandersetzen“, sagt Johns Vater. 

Im Dezember 2018 endete der Steinkohlenbergbau in Deutschland. Auf den Bergbau kommt der Deckel. Ehemalige Schachtanlagen werden verfüllt. Steinkohlengewinnung in Deutschland ist Geschichte. Doch ganz verschwunden ist der Bergbau nicht. Museen, Erlebnisbergwerke oder auch einzelne Besucherstollen lassen erahnen, wie die Arbeit der Kumpel unter Tage ausgesehen hat, wie beschwerlich und aufwändig es war, dem Gestein in der Tiefe das schwarze Gold abzutrotzen. 

Drei Jahre lang umgebaut

Der wohl bekannteste Ort, an dem das möglich ist, ist das Deutsche Bergbau-Museum, das in Spitzenzeiten mehr als 350.000 Besucher pro Jahr zählte und damit eines der meistbesuchten Museen Deutschlands ist. In den vergangenen drei Jahren ist das Haus aufwändig umgebaut worden. Die umfangreiche Dauerausstellung mit rund 3000 Exponaten hat mit vier thematischen Rundgängen eine neue Struktur erhalten: Steinkohle, Bergbau, Bodenschätze und Kunst. Sie sollen den Besuchern die gesamte Bandbreite des Leibniz-Forschungsmuseums für Georessourcen vermitteln.

Im ersten Raum des Rundgangs Steinkohle ist Stammrest eines Schuppenbaumes zu sehen. Er stammt aus der Karbonzeit. Foto: Jürgen Bröker

Im ersten Raum des Rundgangs Steinkohle ist Stammrest eines Schuppenbaumes zu sehen. Er stammt aus der Karbonzeit. Foto: Jürgen Bröker

Nach dem Ende des Bergbaus stehe auch die Vermittlung des Themas vor neuen Herausforderungen. Schließlich gebe es bald die erste Generation, die mit dem Bergbau wenig zu tun habe, sagt Wiebke Büsch, Pressesprecherin des Museums. Moderner und ansprechender kommt die Ausstellung seit dem Umbau daher. Viele Inhalte werden multimedial vermittelt. Neben Erklärungen in deutscher und englischer Sprache gibt es auch besondere Schautafeln und Mitmach-Aktionen für kleine Museumsbesucher. 

Eineinhalb Stunden pro Rundgang

Der Rundgang Kohle empfängt die Besucher gleich mit dem größten Fossil des Museums, dem Stammrest eines Baumes aus der Karbonzeit. Mächtig steht er im Zentrum des ersten Raums, an dessen Wand auch das riesige Gemälde eines Karbonwaldes von Willy Kukuk hängt, das viele Besucher noch aus Schulbüchern kennen und das erst seit dem Umbau in seiner vollen Größe zu sehen ist.

Etwa eineinhalb Stunden benötigt man schon, um auf diesem Rundgang die Zeitreise vom Karbon über die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die Hochzeit des Steinkohlenbergbaus und seine Bedeutung für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg bis ins Jahr 2018 zu beenden. Dort angekommen verdeutlicht ein Spiegelkabinett mit einem Modell einer Tiefbaupumpe, dass der Wasserhaushalt unter Tage zu den Ewigkeitsaufgaben des Bergbaus gehört. Eine stetig wachsende Zahl zeigt an, welche Wassermengen bereits gepumpt wurden.

Blick über das Ruhrgebiet

Kuriosität in der Kunstsammlung des Deutschen Bergbau-Museums: eine Zeche in der Kokosnuss. Foto: Jürgen Bröker

Kuriosität in der Kunstsammlung des Deutschen Bergbau-Museums: eine Zeche in der Kokosnuss. Foto: Jürgen Bröker

Der Rundgang Steinkohle ist ein guter Auftakt für den Besuch des Museums. Danach sollte man unbedingt ins Anschauungsbergwerk, für das man sich ebenfalls etwa eineinhalb Stunden Zeit nehmen sollte. Wer dann wieder Sonnenlicht tanken möchte, kann den Aufzug hoch hinaus auf das Fördergerüst nehmen. Es ist das mit 650 Tonnen Gewicht und einer Gesamthöhe von etwa 71 Metern größte Ausstellungsstück und das Wahrzeichen des Museums. Von oben hat man einen faszinierenden Blick über das Ruhrgebiet. Aber wo einst Hunderte Fördergerüste in den Himmel ragten, ist nicht mehr viel vom Steinkohlenbergbau zu sehen.

Zurück im Museum warten noch drei weitere Rundgänge, die man in ihrer Gesamtheit aber kaum an einem Tag bewältigen kann. Inklusive Anschauungsbergwerk wäre man dann sicher sechs bis acht Stunden unterwegs. Und damit in etwa so lange, wie die Schicht eines Bergmanns unter Tage dauerte.

Jürgen Bröker

Der Text ist ein Auszug aus einer Reportage, die im aktuellen WESTFALENSPIEGEL Heft 6/2019 veröffentlicht wurde.

Weitere Tipps zu Ausflügen rund um das Thema Bergbau gibt es hier.

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