Impfen ist der Schlüssel, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, sagen Virologen. Foto: Tim Reckmann/pixelio.de
12.11.2021

„Ich bin überhaupt nicht überrascht“

Die Zahl der Neuinfektionen ist so hoch wie nie zuvor in der Pandemie. Dabei sind doch immerhin rund zwei Drittel der Menschen geimpft. Wie kann das sein? Im Interview erklärt der Immunologe Prof. Stephan Ludwig von der Universität Münster warum das so ist.

Herr Prof. Ludwig, sind Sie vom drastischen Anstieg der Inzidenzen überrascht?
Nein, ich bin überhaupt nicht überrascht. Man hätte nur den Experten richtig zuhören müssen, dann hätte man das auch genauso kommen sehen können. Am Robert-Koch-Institut gibt es Experten, die den Verlauf der Pandemie mit Computer-Algorithmen im Voraus berechnen. Diese Experten haben schon im Sommer gesagt, dass man bei einer stagnierenden Zahl von Geimpften um die 65 Prozent im Oktober mit 30.000 Neuinfektionen pro Tag rechnen muss. Auch mein Virologie-Kollegen Christian Drosten hat gewarnt. Aber es gibt eben Dinge, die wollen die Leute nicht hören. Ich finde es da geradezu absurd, dass Bürger und Politiker sagen: Das kommt jetzt alles aber doch überraschend.

Aber im Vergleich zum Vorjahr sind doch immerhin zwei Drittel der Menschen geimpft. Müsste es da nicht weniger Infektionen geben?
Wir liegen in der Gesamtbevölkerung bei einer Impfquote von 67 Prozent. Das ist richtig. Allerdings dominiert im Vergleich zum Vorjahr nun die Deltavaraiante. Diese verbreitet sich wesentlich schneller. Um da eine Herdenimmunität herzustellen, bräuchten wir eine Impfquote von mindestens 85 Prozent. Da fehlt also noch ein ganzes Stück.

Die Berichte von Impfdurchbrüchen häufen sich. Warum schützt die Impfung nicht vollständig?
Die Urimpfstoffe wurden entwickelt und getestet, um schwere Erkrankungen zu vermeiden. Und das tun sie in einem sehr effizienten Maß. Sie können aber nicht vollständig verhindern, dass man sich weiter anstecken kann. Das wäre bei Geimpften aber nicht weiter problematisch, wenn die Ansteckung nur zu leichten Erkältungssymptomen führt, was ja auch zumeist der Fall ist. Die Infizierten, die auf die Intensivstation kommen, sind zu 90 Prozent umgeimpft. Die anderen zehn Prozent haben andere Vorbelastungen. Das zeigt doch: die Impfung schützt.

Professor Stephan Ludwig. Foto: UKM

Professor Stephan Ludwig. Foto: UKM

Was halten Sie von der Auffrischungsimpfung für alle?
In anderen Ländern hat das sehr gut funktioniert. Zum Beispiel in Israel. Daher würde ich das durchaus für die breite Bevölkerung empfehlen. Das hängt auch damit zusammen, dass der Immunschutz der Impfung, der mal für das „normale“ SARS-Cov2-Virus entwickelt wurde, von der Deltavariante zum Teil  unterlaufen wird. Den Immunschutz über die Booster-Impfung für die ganze Bevölkerung aufzufrischen, ist daher sicher sinnvoll. Allerdings schaffen das die mobilen Teams und die Hausärzte nicht. Dafür braucht es eine andere Impfinfrastruktur.

Welche Maßnahmen müssten noch ergriffen werden, um das Geschehen wieder besser unter Kontrolle zu bekommen?
Man müsste nur die bekannten Maßnahmen konsequent umsetzen: Maske tragen, Abstand halten, nicht mit zu vielen Menschen in geschlossenen Räumen zusammensein. Vor einem Jahr gab es strengere Regeln. Das hat auch zu den niedrigeren Zahlen beigetragen. Ich glaube, dass die Menschen teilweise etwas sorgloser oder gleichgültiger geworden sind und nicht mehr überall Masken tragen und ausreichend Abstand halten.

Wir sind erst am Anfang des Winters – was erwarten Sie in den kommenden Wochen?
Es gibt Experten, die bereits eine Zahl von 100.000 Infektionen am Tag prognostiziert haben. Das mag viel klingen, aber wir sind ja mitten im exponentiellen Wachstum, haben die 50.000er-Marke bereits gerissen. Ich halte das auch für realistisch. Ich befürchte, dass eventuelle Maßnahmen zu spät kommen, weil wir die Wirkung erst mit zwei bis drei Wochen Verzögerung feststellen.

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Was halten Sie vom „2G-Weg“, den Österreich geht?
Bei dieser Diskussion müssen wir uns im Klaren sein, dass 2G eine Impfpflicht durch die Hintertür bedeutet. Ich glaube nicht, dass man damit Impfzweifler überzeugen kann. Einige werden sich vielleicht durch den gestiegenen Druck impfen lassen. Andere werden sich durch Druck noch weniger überzeugen lassen. Aber es ist auf jeden Fall wichtig, die Impfquote auf ein höheres Niveau zu bringen. Schließlich wird die Politik durch die höheren Inzidenzen, die zwangsläufig auch dazu führen, dass mehr Menschen in Kliniken behandelt werden, immer weiter mit dem Rücken an die Wand gedrängt. Da muss man kein Prophet sein, dass solche Maßnahmen wie in Österreich auch bei uns diskutiert werden und kommen können.

Hätte man andere Vorkehrungen treffen können?
Ich denke schon. Ich finde es zum Beispiel bedenklich, dass man in den Betrieben nicht konsequent die Durchsetzung der 3G-Regel gefordert hat. Da ist die Politik viel zu früh eingeknickt. Die Menschen gehen alle zur Arbeit. Der Arbeitsplatz war während der gesamten Pandemie ein große Ansteckungsquelle. Da muss man auch mal Einwände hintenanstellen. Allen voran den Datenschutz. Wir müssen uns doch mal bewusst machen, dass hier Menschen sterben. Das wäre vermeidbar.

Mit Blick auf die anstehende Karnevalssaison und die Weihnachtsmärkte – wird Ihnen da angst und bange?
Solange die Veranstaltungen draußen und mit ein bisschen Abstand stattfinden und wenn sich die Leute nicht direkt ins Gesicht brüllen, ist die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft relativ gering. Allerdings fällt in den alkoholschwangeren Situationen oft so manche Hemmung. Man muss aber doch einfach auch mal den gesunden Menschenverstand einschalten. Wenn ich zu einer Veranstaltung gehe, weiß ich doch, dass ich mich dort anstecken könnte. Also trage ich eine Maske und halte Abstand. Das würde uns schon helfen.

Interview: Jürgen Bröker

Prof. Stephan Ludwig ist Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Forschungsarbeiten am Institut sind fokussiert auf die Frage, wie respiratorische virale Erreger wie Influenza Viren oder SARS-Coronaviren mit der Wirtszelle und dem Immunsystem interagieren um sich effizient vermehren zu können, heißt es auf der Website des Instituts. 

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